Es gibt eine Episode im Leben des Peter Ustinov, die viel über ihn preisgibt. Er dreht in Indien für die dreiteilige BBC-Dokumentarserie Ustinov’s People ein Porträt über Indira Gandhi. Auf das verabredete Gespräch wartend, spricht er frei in die Kamera, sinngemäß: "Hier stehe ich also im Garten von Indira Gandhi. Es sind Vögel in den Bäumen. Wächter stehen in den Winkeln. Es ist ruhig." Plötzlich hört man Lärm, eine große Aufregung. Ustinov: "Oh, ich höre ein Geräusch. Es irren Leute durch die Gegend, die Wächter laufen. Aber ich glaube nicht, dass etwas Schlimmes passiert ist." Das Bild wird dunkel, flammt wieder auf. Ustinov steht auf derselben Stelle: "Ich muss gestehen: Als ich eben sagte, es sei nichts Ernstes geschehen, habe ich mir selbst nicht geglaubt. Auf Indira Gandhi ist soeben geschossen worden. Die Wächter stehen nicht mehr in den Winkeln. Aber die Vögel sind noch in den Bäumen."

Tatsächlich ist Indira Gandhi auf dem Weg zum Gespräch mit Peter Ustinov erschossen worden. Jeder Dokumentarfilmer wäre mit der Handkamera zum Ort des Geschehens gestürmt, Ustinov bleibt dem Ort fern und ist dem Geschehen doch viel näher. "Die Vögel sind noch in den Bäumen" – mit diesem Satz, mit dieser Mischung aus Literarizität und Pathos wurde er mir unvergesslich.

Ein Weltbürger zu sein – das dürfen nur wenige von sich behaupten. Ustinov erzählte gern, er sei in Leningrad gezeugt, in London geboren und in Schwäbisch Gmünd getauft worden. Gefühlt hat er sich wohl als Russe, und das Englische war ihm die nächste Sprache. Und doch glaubte er an die Fülle des Deutschen, die vom kategorischen Imperativ bis hinab zum "Alles klar" des Sprach-Yuppies reiche.

Ein Humor, der aus Mitgefühl und Menschlichkeit erwuchs

Ustinov war nicht nur Bürger aller Welt, sondern auch aller Epochen. Auf einschüchternde Weise dehnte er sich durch Zeiten und Räume aus, die Kulturgeschichte war seine Nährflüssigkeit. In der römischen Geschichte ebenso beheimatet wie in der Renaissance-Malerei oder in der Comedy der Gegenwart, gab es kein Gebiet, für das er sich nicht interessiert hätte. Osmotisch hat er die Gegenwarts- und Vergangenheitswelt in sich eindringen lassen, wie ein Anthropologe an allem teilgenommen, um es in Humor zu verwandeln. Für mich war Ustinov immer ein Meteorit, der unversehens auf die Erde gedonnert ist und sich da erhebt wie ein Findling.

Er hat aber nicht nur ein schwer fassbares Quantum an Intelligenz mitgebracht; sich von Kindheit an geradezu intravenös von Lektüren ernährt, die Welt schneller aufgenommen als alle anderen um ihn herum und daraus die Haltung des Entertainers gewonnen. So ist er der Mann geworden, der den Ernst der Kulturgeschichte plünderte und doch sein Publikum nie ohne Lachen nach Hause gehen ließ.

An erster Stelle ist Ustinov wohl Autor gewesen. Das Schreiben hat ihm am meisten abverlangt, mit ihm hat er ringen müssen, unter ihm hat er gelitten. Die Schauspielerei hingegen, so sagte er einmal, sei für ihn wie ein Bienenflug: Man saugt von überall Honig und geht am Abend trotzdem hungrig nach Hause.

Als Vielfelderwirt der Unterhaltung blüht er auf im Wechsel der Formen, und immer hatte ich das Gefühl, das alles seien Akzentwechsel derselben künstlerischen Erregung. Ustinov war die rare Vielfachbegabung, ohne Leiden an den konkurrierenden Kräften. Vielmehr machte er in der Produktion, im Zustand der Hervorbringung einen so seligen Eindruck, dass man oft das Gefühl hatte, die größte Strapaze durchleide er auf den Wegen zwischen den Auftritten. Kaum stand er auf der Bühne, konnte er sich endlich gehen lassen und in seinem Element sein, in Ustinov.