Religion Störfaktor ReligionSeite 2/2
Die erste Voraussetzung für die freie Präsenz der Religion im öffentlichen Raum ist die scharfe Trennung zwischen politischer Macht und geistlicher Vollmacht. Religionsgemeinschaften dürfen nur an die freien Gewissen ihrer Anhänger appellieren und niemals Zwang ausüben. Der Staat hingegen muss oft Zwang ausüben – und hat deshalb in Sachen Religion keinerlei Kompetenz zu beanspruchen (übrigens auch nicht die Kompetenz, im vermeintlichen Auftrag Gottes die Demokratie über die Welt zu verbreiten). Das ist gewissermaßen die Kehrseite der Böckenförde-Formel: Der moderne Staat lebt zwar von Voraussetzungen, die er selber nicht garantieren kann – er darf sich allerdings auch nicht anmaßen, sie selber zu produzieren. Die Religionsgesellschaften haben keinerlei staatliches Mandat, der Staat hat keinerlei religiöses Mandat, weder positiv noch negativ. Zugespitzt ausgedrückt: Nur ein Staat, der nicht darauf aus ist, Gott abzuschaffen, kann ein wahrhaft säkularer Staat sein.
Die zweite Voraussetzung ist diese: Religionsgesellschaften können für sich nichts beanspruchen, was sie – unter dem Dach der freiheitlichen Verfassung – nicht auch allen anderen gleichermaßen zugestehen, Christen, Juden, Muslimen – Frommen wie Unfrommen. Was früher als konfessionelle Parität beansprucht wurde, muss heute als allgemeine Pluralität gelten. Freiheit in diesem Sinne, erst recht Religionsfreiheit, ist privilegienfeindlich.
Unter diesen Voraussetzungen allerdings haben Gesellschaften und Staaten, die den ziemlich unsterblichen Faktor von Religion in der Politik anerkennen, die Chance, beides zu erreichen – einen größeren Grad an Freiheit und an Verbindlichkeit, ein aufgeklärteres Verhältnis von Rechten und Pflichten. Der Laizismus ist demgegenüber nur die zweitbeste Lösung – zugleich aber die unvermeidliche Antwort auf Kirchen, die den Übergang von der Parität der Konfessionen zu der Pluralität der Religionen nicht bewältigen wollten.
Das Christentum hat gerade vor Ostern allen Grund zur selbstkritischen Revision seiner Geschichte. In hoc signo vinces – „In diesem Zeichen wirst du siegen!“, diese legendäre Kreuzes-Vision des römischen Kaisers Constantin im Jahre 312 war die fatale Wende von einer Religion des Leidens und der Liebe zu einer Religion der Macht – und zur Perversion des Verhältnisses von Religion und Politik.
- Datum 07.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 07.04.2004 Nr.16
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