Es war die Zeit um 1470, als der anonyme Zeichner in der Handschriftenwerkstatt von Ludwig Henfflin endlich den Pinsel beiseite legen konnte. Das Heldenepos Sigenot war zu Papier gebracht. Monatelang hatte er von frühmorgens bis spätabends, oft beim flackernden Schein des Talglichts, sorgfältig jede der 201 Seiten mit einer Federzeichnung geschmückt, die er mit Wasser- und Deckfarben kolorierte. Die bunten Bilder zeigen wildes Kampfgetümmel oder lange Dialogszenen vor einem stets blauen Himmel.

Die Werkstatt Henfflins stand vermutlich in Stuttgart und arbeitete etwa ein Jahrzehnt lang vor allem im Auftrag Margaretes von Savoyen. In vielen Schreibstuben und Klöstern werkelten im späten Mittelalter Auftragskünstler an solchen Handschriften. Jede ist ein Unikat von unschätzbarem Wert, entstanden in mühevoller, manchmal Jahre währender Arbeit. Schon für die Zeitgenossen waren diese Preziosen schier unerschwinglich. Allenfalls reiche Klöster, wohlhabende Bürger, Kaufleute oder Adelige konnten sich die meist reich mit Bildern und Ornamenten verzierten Werke von Meisterhand leisten. Heute muss ein Liebhaber mehrere Millionen Euro für ein Exemplar hinblättern – wenn denn einmal eine solche Rarität verkauft wird. Doch nur alle paar Jahre gibt es ein Angebot in einem Nobelantiquariat oder bei einer Spezialauktion. Und die Bibliotheken hüten ihre mittelalterlichen Handschriften wie Kronjuwelen.

Licht, Berührung und Atemluft schaden den Schriften

Trotz aller Pflege und Sorgfalt aber lässt sich nicht verhindern, dass die Bücher altern. Viele sind schon stark angegriffen, obwohl sie bei konstanter Luftfeuchtigkeit und Temperatur absolut dunkel hinter feuerfesten Tresortüren lagern. Am besten setzt man sie gar nicht mehr dem Tageslicht aus. Bittet einmal ein Forscher, die kostbaren Originale im streng bewachten Lesesaal studieren zu dürfen, treibt dies den Bibliothekar fast zur Verzweiflung, da jede Benutzung das Material schädigt. Das Licht lässt die Farben verblassen, jede Berührung, selbst mit Baumwollhandschuhen, belastet das Papier. Und Bakterien aus der Atemluft nutzen die Folianten als Futterquelle.

Wertvollste Bücher also – die möglichst keiner lesen soll. Dank der digitalen Technik gibt es endlich einen Ausweg aus dem Dilemma. 1999 beschlossen das Kunsthistorische Institut und die Universitätsbibliothek Heidelberg nach langjährigen Vorarbeiten, 27 mittelalterliche Handschriften zu fotografieren und digitalisieren. Und während dieser Arbeit, von deren diversen Schwierigkeiten noch die Rede sein wird, widerfuhr der Kunsthistorikerin Lieselotte E. Saurma und der Bibliothekarin Maria Effinger im Frühjahr 2001 ein kleines Wunder. Als nämlich alle Daten und Bilder endlich im Computer gespeichert waren, drückten die beiden versuchsweise auf schnellen Vorlauf. Und siehe da: "Plötzlich erwachten die fast 600 Jahre alten Bilder auf dem Schirm zum Leben und schienen sich wie ein Comicfilm vor uns zu entfalten", staunte Saurma. Die alten Handschriften erschienen in einem völlig neuen Licht. Einige Bücher entpuppten sich als regelrechte Daumenkinos. Zwar wusste sie nach über zehnjähriger Forschungsarbeit, dass einzelne Bildfolgen in ihren Lieblingshandschriften aufeinander aufbauen. Aber die Flüssigkeit, mit der die Bilder da über den Bildschirm rauschten und Geschichten erzählten, war einfach wunderbar.

"Die Leute müssen damals ungeheuer fasziniert gewesen sein von diesem Strom bunter Bilder. Auch wer nicht lesen konnte, war gut unterhalten und konnte sich die Erzählung vorstellen", sagt sie. Neben biblischen Geschichten waren antike Mythen beliebt; und Heldenepen füllten viele Bände. Liebe, Tod und Leidenschaft sorgten auch im Mittelalter schon für Spannung. Also bemühten sich die Maler um möglichst eindrucksvolle und dramatische Illustrationen: Von links stampft schnaubend ein Drache heran, von rechts naht zu Pferd der edle Recke. Voller Kampfeseifer stürzen beide aufeinander los. Bald liegt das Untier niedergestreckt am Boden, erhobenen Hauptes zieht der Ritter von dannen. Nun tritt die Holde ins Bild. Schmachtende Blicke werden getauscht, Hände finden sich, zarte Bande werden geknüpft. Einige Blätter weiter schreiten Ritter und Braut unter dem Jubel der Menge zum Altar. Allerorten wird mit vollem Einsatz um Lorbeeren gekämpft, Ruhm und Ehre sind beliebte Motive, Vasallentreue, aber auch Neid und Habgier. Zwerge huschen durchs Bild, gegen den keulenschwingenden wilden Mann schützen Rüstung und Schwert. Lieselotte Saurma sagt: "Ich war verblüfft, wie präzise der Handlungsaufbau von den Zeichnern durchkonstruiert ist. Das Grauen steigert sich von Bild zu Bild. Ein Abenteuerfilm ist vom Prinzip her auch nicht anders gemacht."

Dass Generationen von Germanisten, Historikern und Handschriftenkundlern diese Zusammenhänge bis jetzt übersahen, scheint erst mal erstaunlich. Doch eigentlich liegt die Erklärung auf der Hand: Die kostbaren Bücher wurden fast wie Reliquien behandelt, und das gründliche Studium auch nur einer Seite nahm oft Stunden in Anspruch. Auf die Idee, die Handschriften einmal schnell und rücksichtslos durchzublättern, kam niemand. Erst der Cyberspace erschließt nun die spätmittelalterlichen Bilderfolgen. "Der Blick auf die Welt war damals gar nicht so verschieden von dem unseren", ist Saurma überzeugt. "Ein gründliches Studium dieser Bücher zeigt, dass viele Perspektiven, die wir für typisch modern halten, auch vor einem halben Jahrtausend den Menschen schon selbstverständlich waren."

Maria Effinger erinnert sich an die Anfänge des schwierigen Projekts einer Digitalisierung der Sammlung. "Ich wollte einen Weg finden, die wertvollen Handschriften zu nutzen, ohne sie aus dem Tresor nehmen zu müssen", sagt sie. Doch mit dieser einleuchtenden Idee gingen die Probleme für die Fachreferentin im Bereich Kunstgeschichte erst los. Nirgendwo in Deutschland hatte man Erfahrungen mit einem solchen Vorhaben, zumal die Digitalisierung nicht nur für die hauseigene Datenbank geplant war, sondern auch für die Allgemeinheit via Internet. Zwar haben auch schon die Universitätsbibliotheken in Prag, Paris und London einige ihrer Handschriften digitalisiert. Aber niemals waren es so viele, teure und empfindliche Handschriften.