technik Mit Nano in den KampfSeite 3/3
Auf das kreative Potenzial in- und ausländischer Studenten sind die MIT-Professoren besonders stolz. „Diesen Jungs legt man ein Problem vor und beschränkt sich dann auf stilles Management“, sagt Neville Hogan. „Sobald sie in Bewegung geraten, geht man ihnen besser aus dem Weg und lässt sie die Arbeit machen.“ Einer von diesen Studenten ist Brad Holliday, ein junger Chemiker. Er arbeitet an neuartigen Polymeren, die in den kugelsicheren Anzügen der Zukunft Geschosse abhalten sollen. Heute enthalten solche Westen neben Kevlar auch Schichten aus keramischem Material, und das macht sie schwer. Außerdem sind die Extremitäten nicht geschützt. Die neuen Polymere, erklärt Holliday, sollen eine Art „Knautschzone“ haben und so die Energie des Geschosses absorbieren. Angesprochen auf mögliche Bedenken wegen einer militärischen Nutzung, betont auch er den defensiven Charakter seiner Forschung – auch wenn ein besserer Schutz durchaus zu einem Gefühl der Unbesiegbarkeit führen könnte. „Ich fühle mich hier nicht so, als würde ich fürs Militär arbeiten. Wir schießen auch nicht mit echten Kugeln auf Westen.“
Nicht am MIT, aber vielleicht anderswo. Tatsächlich soll das ISN allenfalls erste Proben der neuen Materialien entwickeln. Diese gehen dann in die Labors von beteiligten Firmen wie DuPont – oder aber gleich in die des Militärs, in denen die wirklich geheimen Zutaten entwickelt werden. Ausdrücklich behält sich das Verteidigungsministerium vor, „sensible Projekte“ zu identifizieren, die „im Interesse der nationalen Sicherheit“ der Geheimhaltung unterliegen. Die Forschungen könnten dann „unter Führung von ISN-Mitarbeitern“ fortgeführt werden – wenn sie denn Bürger der USA sind.
Wo der Punkt ist, an dem der Geldgeber die Bremse zieht, ist noch völlig unklar. Die meisten Projekte am ISN werden frühestens in zehn Jahren zu einsatzfähigen Produkten führen. Natürlich würde sich die Army über frühere Ergebnisse freuen – „niedrig hängende Nano-Früchte“ nennt das Ned Thomas. Von einem Beispiel kann er erzählen: Im Januar 2003 war er mit einigen Forschern drei Tage lang bei einer militärischen Übung in Fort Polk im Staat Louisiana. Es regnete ununterbrochen, sämtliche Uniformen waren nach kurzer Zeit völlig durchnässt. Eine wasserdichte Imprägnierung mit Nano-Methoden – das wäre etwas gewesen.
Tatsächlich konnte die ISN-Mitarbeiterin Karen Gleason weiterhelfen: Sie hat ein Verfahren entwickelt, bei dem die wasserdichte Teflon-Beschichtung nicht von außen aufgetragen, sondern in den Stoff „eingedampft“ wird, sodass jede einzelne Faser eine wenige Nanometer dicke Beschichtung erhält. Ein derart imprägnierter Stoff ist sowohl luftdurchlässig als auch wasserdicht und behält diese Eigenschaften auch nach 100-maligem Waschen. Und ganz stolz ist Ned Thomas über die Synergie mit einer Methode des Bioingenieurs Alexander Klibanov: Jetzt gibt es eine Beschichtung, die wasserabweisend ist und zudem Bakterien abtötet – eine willkommene Eigenschaft für Soldaten, die oft tagelang in ein und derselben Uniform vor sich hin schwitzen. Die Armee testet bereits den beschichteten Stoff.
Die meisten Nano-Früchte hängen allerdings höher. Etwa die „künstlichen Muskeln“ – Polymere, die sich zusammenziehen, wenn man eine Spannung anlegt. Die funktionieren bis heute nur im Reagenzglas, und damit kann man Soldaten nicht unbedingt beeindrucken. Ned Thomas erzählt von einem Armeegeneral, der nach einer Demonstration trocken sagte: „Rufen Sie mich an, wenn das Ding einen Stein aufheben und zermalmen kann.“
- Datum 07.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 07.04.2004 Nr.16
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