Brandenburg Wälder, Seen, Mond
Seit zwölf Jahren hält eine Bürgerinitiative die Bundeswehr davon ab, in der Kyritz-Ruppiner Heide Bomben zu werfen. Jetzt ist auch der Brandenburger Landtag auf ihrer Seite – vorerst
Fretzdorf, Potsdam, Wittstock
Bombodrom – kein schöner Name. Verteidigungsminister Peter Struck gefällt er gewiss nicht, und auch Vorgänger Rudolf Scharping hat bei Nennung dieses Namens immer weggehört, ganz zu schweigen von Strucks Vorvorgänger Volker Rühe. Alle Minister sind gepeinigt worden von ein paar hartnäckigen Brandenburgern, die zwischen Rheinsberg und Wittstock und in Dörfern wie Flecken-Zechlin, Schweinrich und Rägelin leben. Quälgeister, allesamt. Und wie richtige Quälgeister kommen sie so lange wieder, bis sie endlich erlöst sind.
Erlöst wovon? Von einem 144 Quadratkilometer großen Truppenübungsplatz in der Kyritz-Ruppiner Heide. Die Sowjetarmee hat den Platz jahrzehntelang genutzt. Die Bundeswehr möchte ihn gerne wieder in Betrieb nehmen. Das ist bisher nicht gelungen, weil seit zwölf Jahren eine Bürgerinitiative gegen die Bundeswehr kämpft, die mit ihren „Osterspaziergängen“ bundesweit bekannt geworden ist. Deshalb ist es still in der Gegend, idyllisch, wie zu Fontanes Zeiten. Keine Flugzeuge, keine Bomben, nur Wälder, Seen, Mond.
Der Kampf freilich ist längst nicht gewonnen, und so treffen sich im Saal des Dosse-Kruges in Fretzdorf drei Dutzend Menschen, Hiesige und Zugezogene, Männer und Frauen, Alte und Junge, die zur Freien Heide, der Bürgerinitiative gegen das Bombodrom, gehören. Es geht um den diesjährigen Ostermarsch. In Fretzdorf rechnen sie mit ein paar tausend friedlichen Wanderern. Das ist schon mal eine gute Nachricht. Gutes ist auch von den Politikern zu hören, aber was heute gut ist, kann morgen schlecht sein. Verlassen konnten sie sich nur auf deren Wankelmütigkeit. Wie war das, vor ein paar Tagen im Potsdamer Landtag? Mit Ausnahme von DVU und zweien von der CDU hatten sich die Abgeordneten mehrheitlich für eine zivile Nutzung der Heide ausgesprochen. Schön. Ob sie ihr Wort halten, das will hier keiner voraussagen. „Traue keinem Wahlversprechen, denn es könnt’ gelogen sein…“, steht auch auf der Internet-Seite der Initiative. Ob die Landesregierung tatsächlich wegen des Bombodroms den Konflikt mit der Bundesregierung sucht? Das sei alles noch lange „kein Grund zum Radschlagen“, sagt Gitta Kühn, die in der BI für das Finanzielle zuständig ist.
Trotzdem: Ein bisschen, wenigstens kurz, müssen sie sich auch mal freuen. Immerhin, wenn die Potsdamer Politiker an Wahlen denken, dann kommen sie an der Freien Heide nicht mehr vorbei. Zwar hat Innenminister Schönbohm in einem Radio-Interview gesagt, diese Entscheidung des Landtages habe lediglich mit Umdenken zu tun und nichts mit der Bürgerinitiative und schon gar nichts mit den bevorstehenden Landtagswahlen. Aber soll er reden, denken sie sich hier im Dosse-Krug, wir wissen, was er meint.
„Da sind wir also wieder da, wo wir 1998 schon mal waren“, fasst Benedikt Schirge die Lage zusammen. „Der Landtag stand auch damals auf unserer Seite, und dann kam die Große Koalition.“ Und doch sind sie weiter. Ein paar Tage vor dem Fretzdorfer Treffen hatte die Unternehmerinitiative Pro Heide nach Neuruppin zur Demo gerufen. 11000 Menschen waren gekommen, aus einer Gegend, die nach EU-Maßstäben so dünn besiedelt ist, dass sie fast nicht mehr zählt. Keiner von den 11000 will das Militär in die Heide zurück. Die Erinnerungen an die Detonationen, Artillerieschüsse und Tiefflüge, die die sowjetische Armee jahrzehntelang dort veranstaltet hat, waren noch frisch. Und wer noch zu jung war, um das zu wissen, dem halfen die Veranstalter gerne nach – mit Düsenflugzeuglärm aus dem Lautsprecher.
„Horrorvisionen“ nennt das Peter Struck, wenn er gefragt wird. Als Bundesverteidigungsminister hält er an seinem Truppenübungsplatz fest. „Das Haus bleibt bei seiner Haltung“, betont eine Sprecherin, auch nach dem Landtagsbeschluss. Struck ist der dritte Verteidigungsminister, mit dem die Bürgerinitiative seit 1992 zu tun hat. Zuerst war da Volker Rühe (CDU). Dem hatten sie 40000 Unterschriften gegen das Bombodrom überreicht, die in nur einem Vierteljahr gesammelt worden waren. Er beschied schlicht, dass ein Tourismuskonzept für diese Region keinen Groschen wert sei. Danach kam Rudolf Scharping. Er sagte noch 1994 als Kanzlerkandidat, mit ihm werde es keinen Bombenabwurfplatz geben, als Verteidigungsminister hatte er jeden Kontakt mit der Region vermieden. Und nun Peter Struck, ausgerechnet der Mann, der noch 1992 verkündet hatte, sich mit den ehemaligen russischen Liegenschaften nicht die Hände schmutzig machen zu wollen. Davon will er heute nichts mehr wissen.
Die Bedenken gegen das Bombodrom tut der Minister ab. Detonationen wie bei den Russen würde es nicht mehr geben, und schließlich würde man in den Ferien, wenn die Touristen in Brandenburg seien, ohnehin auf Tiefflüge verzichten.
- Datum 07.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 07.04.2004 Nr.16
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