Noch ist das Bankgeschäft in China Sache der Chinesen. Erst von 2006 an gestattet der Beitrittsvertrag Chinas zur Welthandelsorganisation ausländischen Banken, in der Volksrepublik Filialen zu eröffnen. Alle großen Finanzhäuser von der amerikanischen Citibank bis zur Deutschen Bank warten auf Einlass. Ein einziges Finanzunternehmen hat es bisher geschafft: Ausgerechnet die deutsche Bausparkasse Schwäbisch Hall wirbt seit Februar in der nordchinesischen Hafenstadt Tianjin mit dem bekannten roten Fuchs um chinesische Bausparkunden. Als Genossenschaft hatten es die Schwaben etwas leichter mit den Genossen vor Ort. "Wir haben den Durchbruch in den größten Privatkundenmarkt der Welt geschafft", freut sich Schwäbisch-Hall-Chef Alexander Erdland.

Doch der Markteintritt ist voller Risiken. Schwäbisch Hall kam nicht umhin, sich einem Gemeinschaftsunternehmen mit einer Mehrheitsbeteiligung der China Construction Bank (CCB) anzuschließen. Die Bank zählt zu den vier großen Staatsbanken Chinas, die gemeinsam über 70 Prozent des landesweiten Bankgeschäfts kontrollieren. In Tianjin allein besitzt die CCB 300 Filialen, im ganzen Land sind es 22000. Mit 310000 Mitarbeitern zählt sie fast hundertmal so viel Angestellte wie ihr Partner aus Schwäbisch Hall. Dennoch fühlt sich der Bausparkassen-Chef bei dem Riesen sicher. Schließlich hat dieser schon einige Reformen hinter sich. "Die CCB ist neu aufgestellt. Das stattet uns mit großen Erwartungen aus", so Erdland. Doch genau an diesem Punkt beginnen die Probleme. Denn keine zweite Branche im boomenden China ist so anfällig für Missmanagement, Korruption und politische Einflussnahme wie das Bankgeschäft. Von vielen ausländischen Investoren in China unerkannt, schlummern hier die Gefahren für das Wirtschaftswunder im Osten.

"Unsere Sorgen drehen sich nicht um das Wachstum. Unsere Sorgen drehen sich um das Bankensystem", sagt ein Pekinger Ökonom, der aufgrund seiner Beratertätigkeit für den Staatsrat, Chinas Kabinett, seinen Namen unerwähnt lassen will. Die Analyse des Fachmanns ist mitleidlos: "Das ganze System funktioniert nicht mehr. Es ist weder für eine Marktwirtschaft noch für hohes Wachstum ausgelegt. Wie in keinem anderen Sektor der Volkswirtschaft sind in den Banken die Regierungsnähe und das alte planwirtschaftliche Denken erhalten geblieben."

Die Sparquote liegt bei knapp 40 Prozent

Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Anderswo waren Defizite in der Vergangenheit leichter zu erkennen: Schlechte Produktqualität, überflüssige Arbeitskräfte und internationale Konkurrenz zwangen Stahlwerke, Schiffbauer und Erdölkonzerne zum Umbau. Die Anstrengungen für die Reform der großen Staatsbetriebe waren in den letzten Jahren enorm: Über 50 Millionen Menschen verloren ihren Arbeitsplatz. Doch mussten gerade die Banken weiter dem Staat dienen, um mit ihren Krediten jene Betriebe aufrechtzuerhalten, die aus sozialen Gründen nicht auch noch geopfert werden konnten. So häuften sich die faulen Kredite an. Je nach Quelle, ob staatlich oder unabhängig, wird ihre Summe heute auf zwischen 400 und 800 Milliarden Dollar geschätzt – in jedem Fall ein beunruhigend hoher Teil des Bruttosozialprodukts (BSP), das derzeit 1400 Milliarden Dollar beträgt. Experten schätzen die Kosten für eine Bereinigung der Lasten auf 600 Milliarden Dollar oder 40 Prozent des BSP. Gemessen an der Größe der Volkswirtschaft, ist das chinesische Bankenproblem damit gravierender als die japanische Finanzkrise in ihrer schlimmsten Phase.

Inzwischen hat die Regierung die Dimension des Problems erkannt und ihre Prioritäten geändert. In ungewöhnlich harschem Ton ging der vor einem Jahr neu ernannte Premierminister Wen Jiabao während des Nationalen Volkskongresses Anfang März die Finanzwirtschaft an. Er sprach von "fundamentalen Problemen in den Institutionsmechanismen", kritsierte faule Kredite und fehlende Profitabilität der Banken und forderte mehr Managementkompetenz. Zudem sprach er von "Sorgen im Volk", das mit einer sehr hohen Sparrate von knapp 40 Prozent den Banken riesige Einlagen gewährt.

Selten zuvor hatte ein chinesischer Regierungschef öffentlich so mit einer Branche abgerechnet. Doch Wen Jiabao wusste, warum: "Es gibt bei der Bankenreform keine Alternative zum Erfolg. Wir können uns nicht leisten, dass diese Reform scheitert."

Die Erkenntnis allein aber nützt wenig. "Alles Gerede", tut der Berater des Staatsrats, dem Wen Jiabao vorsitzt, die Worte seines Dienstherrn ab. "Der Schlüssel zur Bankenreform ist eine neue Eigentumsstruktur, die privaten Investoren Mehrheiten sichert. Anders werden die Ketten zwischen Regierung und Banken nicht reißen." Von solchen Gedanken aber sind die Reformer weit entfernt. Stattdessen hoffen sie weiterhin auf Besserung unter staatlicher Ägide.