Islam Kontinent der leeren KirchenSeite 3/3

Daher das Misstrauen eben nicht nur gegen den neuen, unvertrauten Glauben, sondern auch gegen den heimischen, überlieferten, der entweder der eigene gar nicht mehr ist oder doch eine Menge Federn und Zähne lassen musste, bis er die heutige Harmlosigkeit angenommen hatte. Dies freilich ist eine spezifisch europäische Erfahrung und anderen schwer zu vermitteln. Französische Laizisten kommen in der Regel nicht weit, wenn sie in der muslimischen Welt erklären wollen, dass die Religionsaustreibung sich zuerst und vor allem gegen die katholische Kirche gerichtet hat – dass also gar nichts Anti-Islamisches darin liegt und sogar das Gegenteil einer christlichen Kreuzzugsmentalität. Das sind aus der kulturellen Ferne allzu feine Unterscheidungen, und im Bewusstsein bleibt eine westliche Schikane gegen Muslime.

Die Konfrontation mit dem Islam hat den geschichtlich begründeten Religionsverdacht in Europa wieder aktuell gemacht. Die Gefahr dabei ist die Flucht in einen öden Säkularfundamentalismus, in das Auf-Nummer-sicher-Gehen durch spirituelle Leere. In den oberen intellektuellen Etagen gibt es zwar eine gewisse Renaissance des Christentums: Über Stammzellen und Embryonen ist mancher erstaunlich katholisch geworden, und es ist schick, Kardinal Ratzinger brillant zu finden; sogar Jürgen Habermas hat respektvoll mit ihm konversiert. Aber öffentlich, gesellschaftlich, staatlich herrscht Berührungsangst mit dem explosiven Glaubensstoff oder eben doch Gleichgültigkeit.

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Der bedeutende Europa-Verfassungsrechtler Joseph Weiler, als Jude kein geborener Parteigänger des Vatikans, findet es grotesk, wie reflexhaft „Gottesbezug“ und christliches Erbe aus der Präambel des EU-Verfassungsvertrags fern gehalten wurden. Für ihn ist das schlicht ein Beispiel von Selbstflucht und Identitätsverleugnung: Jeder Entdeckungsreisende, der von Palermo nach Skandinavien oder von Gibraltar bis ins Baltikum den Kontinent erforschen und nach den Gemeinsamkeiten seiner Völker suchen würde, müsste auf das Christentum stoßen, auf die Kirchen, Kapellen und Kathedralen, auf das Kreuz auf den Grabsteinen – immer das Kreuz, ganz gleich, in welcher Sprache die Inschrift verfasst ist, ganz gleich, ob aus dem Jahr 1003, 1503 oder 2003. Müsste nicht eigentlich das Fehlen der Religion in einer europäischen Selbstdefinition begründet werden, statt umgekehrt, wie inzwischen die herrschende Meinung lautet, ihre Aufnahme?

Eine Präambel ohne Gott und Christentum klingt hochgemut

Weiler spricht von einer „Christophobie“ in der europäischen Debatte, erstaunlich bei einem Projekt, dessen Gründungsväter nicht zuletzt christlich motiviert waren (Johannes Paul II. bereitet die Seligsprechung von Robert Schuman vor), erstaunlich auch in einem Augenblick, da die EU und ihre Bürger sich über andere Bindungen Gedanken machen als bloß das Bedürfnis nach Wohlstand und Sicherheit. Die ganze feierliche Idee einer Verfassung lässt sich ja nur als Schritt über den Pragmatismus hinaus begreifen, als Erhöhung der geistigen und emotionalen Lebenstemperatur Europas.

Die Präambel, wie sie nun wohl kommen wird, ohne Gott und Christentum, hat einen ausgesprochen hochgemuten, humanistisch-vollmundigen Ton; die Religion in Europa, mit ihrer Geschichte der Brüche und Sünden, könnte so triumphalistisch gar nicht mehr auftreten und reden. Tadeusz Mazowiecki, seinerzeit der erste nachkommunistische Ministerpräsident Polens, hat stattdessen einen Text vorgeschlagen, in dem das Christentum Erwähnung findet, aber Judentum und Islam auch und nicht zuletzt der Verrat, den Gläubige wie Ungläubige an den europäischen Werten begangen haben. Die Alternative zur „Christophobie“ wäre nicht bigotte Selbstfeier, schon gar nicht Ausschluss der muslimischen Welt – gerade der Papst hat sich mit Sympathie über die europäische Berufung der Türkei geäußert. Was Europa mit seinem Verhältnis zur Religion zu gewinnen oder zu verlieren hat, ist Tiefe, das Bewusstsein seiner Wurzeln, aber auch seiner Abgründe. „Seele“ ist dafür kein schlechtes Wort.

 
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