FAHNENFLUCHT

Design statt Nation

Noch nie hatten die deutschen Farben so wenig politische Bedeutung. Nur noch Modedesigner können mit ihnen Flagge zeigen

Woran denken Sie, wenn Sie an die deutsche Fahne denken? An Fußball? Schrebergärten, Segelyachten? Oder an Wende und Wiedervereinigung, das Fahnenmeer an der Mauer? Vielleicht bekommen Sie aber auch, wenn Sie westdeutsch sind, nur ein stilles Siebziger-Jahre-Gefühl. Die Wahlplakate zeigten damals, reglos oder wehend, Schwarz-Rot-Gold. Auf vielen Autohecks klebten die deutschen Farben, als Oval oder Raute, mit oder ohne Kürzel einer der beiden großen Volksparteien.

Und heute? Schwarz-rot-goldene Aufkleber? Wahlplakate? Parteitagskulissen? Es gibt sie immer seltener. Die Fahne scheint, als politisches Symbol, im Verschwinden begriffen. Auto-Aufkleber sind allgemein ein bisschen aus der Mode gekommen, die Bürger sind weniger bekenntniswütig. Die Bühnen der Parteitage stehen heute meist vor blauen Wänden, denn Blau ist der ideale Hintergrund für Fernsehbilder. »Schwarz-Rot-Gold wäre ein Albtraum für jeden Kameramann«, sagt ein »Marketing-Spezialist« der CDU. Das Fernsehblau ist übergelaufen auch auf viele Wahlplakate. TV killed the national flag? Nein. Vor allem macht es politisch kaum noch Sinn, Flagge zu zeigen.

»Da hat sich enorm was verändert«, sagt Politikwissenschaftler und Parteienforscher Peter Lösche. Noch unter Willy Brandt glaubten die Sozis mit den Nationalfarben beweisen zu müssen, dass sie keine vaterlandslosen Gesellen waren; erst Helmut Schmidts schwarz-rot-goldenes »Modell Deutschland« war zweifelsfrei kein trojanisches Pferd der Weltrevolution mehr. In den siebziger Jahren entstand der große parteienübergreifende schwarz-rot-goldene Konsens. Sogar die FDP, die unter Ritterkreuzträger Erich Mende ihre Parteitagsbühnen schwarz-weiß-rot geschmückt hatte, flaggte schwarz-rot-gold.

In den achtziger Jahren, unter Kanzler Helmut Kohl, verbreitete sich die Fahne geradezu epidemisch. 1985 notierte die taz: »In den Ministerien wird geflaggt. Der eine macht’s dem anderen nach. Niemand will abseits stehen. Friedhelm Ost, der neue stramm-deutsche Pressesprecher, stellt seine Fahne zwischen Gummibaum und Zimmerlinde, Bundeskanzler Kohl hat das ganz persönliche Aquarium damit dekoriert, auch Innenminister Zimmermann ›war es ein Bedürfnis‹.« Boris Becker siegt und rennt mit einer deutschen Fahne über den Tennisplatz. Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten spielen zum Sendeschluss die Nationalhymne, dazu weht Schwarz-Rot-Gold. 1988 trägt die Nationalmannschaft zum preußischen Schwarz-Weiß erstmals schwarz-rot-goldene Rauten. Der stern spottete: »Man kann ja wieder ganz klein anfangen. Auf Briefmarken zum Beispiel. Dreißig Jahre Bundeswehr, vierzig Jahre Heimatvertriebene, Volkszählung – das sind schwarz-rot-goldene Anlässe, die man straffrei hinterwärts belecken darf.« Niemand ahnt damals Wende und Wiedervereinigung voraus, doch farblich ist der Westen bestens eingestimmt.

In Szene-Nischen blüht es plötzlich schwarz-rot-gold

Republikanische Selbstversicherung, vereinte Euphorie: alles Vergangenheit. Noch nie flatterte die deutsche Fahne so unbeschwert von Bedeutung. Massenhaft ist sie nur noch in Stadien zu sehen und hier und da in Szene-Nischen: Die Kölner Modedesignern Eva Gronbach entwirft Kollektionen in Schwarz-Rot-Gold, was zwar schrecklich aussieht, aber hip ist und viel amüsiert-wohlwollende Aufmerksamkeit beschert. Eine neue Berliner Zeitschrift für Mode und Lifestyle nennt sich Deutsch. Die Band Mia singt auf ihrer neuen CD davon, »neues deutsches Land« zu betreten, die Liebe leuchtet in den Farben der Nation: »Ein Schluck vom schwarzen Kaffee macht mich wach / Dein roter Mund berührt mich sacht / In diesem Augenblick es klickt / Geht die gelbe Sonne auf.« Nur ein paar schreien auf und verweisen auf Beifall von der NPD, der Rest ist entzückt.

Das ist nicht die pure Masche wie bei der jüngsten Verwurstung von RAF-Symbolen in der Mode (Prada-Meinhof beispielsweise). Gemein haben RAF- und Flaggen-Ästhetik nur den vorherigen politischen Bedeutungsverlust. Das Bekenntnis zu den deutschen Farben ist durchaus ein positives, wenn auch frei vom Jahrhundertpathos, das die Parteien einst aufbrachten; es ist frei von Politik überhaupt. Der Szene geht es nicht um die deutsche Republik und Einheit, sondern um deutsche DJs, Musiker, Modedesigner, Fotografen, Künstler, Schriftsteller.

Neuerliche politische Expansionsversuche scheitern. Im letzten Bundestagswahlkampf forderte Roland Koch, die Nationalflagge – wie in den USA – in alle Klassenzimmer zu hängen und die Kinder jeden Morgen die Hymne singen zu lassen. Trotz Unterstützung durch Angela Merkel und Bild verhallte die Initiative für mehr »nationale Identität« weitgehend ungehört. Im politischen Raum scheint sich Schwarz-Rot-Gold ins Zentrum der Macht zurückgezogen zu haben, auf die Türme des Reichstags.

Anzeige
  • Von Sven Hillenkamp
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 07.04.2004 Nr.16
  • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service