Herr Netzer, würden Sie Herrn Delling als Ihren Freund bezeichnen?

Netzer: Aber natürlich.

Das sagt sich so leicht.

Netzer: Überhaupt nicht. Wenn ich Delling als meinen Freund bezeichne, dann ist das das größte Kompliment, das ich zu vergeben habe. Freundschaft verlangt mir ein Maximum an Höchstleistungen ab.

Zum Beispiel?

Netzer: Was Delling angeht, muss ich vieles sein: Seelsorger, Kindermädchen, Aufpasser. Und als Freund erkläre ich mich aber dafür gerne zuständig. Aus diesem Grund habe ich selbst nur sehr wenige Freunde. Weil nur sehr wenige Menschen diese absolute Auffassung teilen. Außerdem ist es in meinem Alter fast unmöglich, neue Freunde zu gewinnen. Aber auch die alten Freundschaften zu erhalten ist sehr, sehr schwierig.

Delling: Es ist nicht ganz leicht, mein Freund zu werden. Herr Netzer hat Recht, ich erwarte sehr viel von einem Freund. Ich muss mich zu 100 Prozent auf ihn verlassen können. Ich muss ihn zu jeder Tages- oder Nachtzeit anrufen können, wenn ich Hilfe brauchte. Und ich würde erwarten, in speziellen Situationen den Rat zu bekommen, der objektiv der beste ist.

Im Gegensatz zu Herrn Netzer wirken Sie gar nicht so verschlossen.

Delling: Ich bin ein eher kommunikativer Typ, der keine Angst hat, auf Menschen zuzugehen. Aber eine Freundschaft zu erhalten und dabei den hohen Anspruch zu erfüllen, das ist schwierig und gelingt nur sehr selten. Eine Freundschaft ist ja keine Ehe, obwohl es Bereiche gibt, die sich ähneln.

Netzer: Wir sind beide schwierig! Ich könnte allerdings auch keine Freundschaft mit einem Menschen haben, der nicht schwierig ist. Dann fehlen die Herausforderungen. Herr Delling, Sie haben einmal von einer eheähnlichen Beziehung gesprochen, als es um unsere Freundschaft ging. Ich sehe das ähnlich. Außer der Familie ist der Freund der mir am nächsten Stehende und deshalb auch mein Partner.

Wie haben Sie sich als Freunde erkannt?

Netzer: Die Sache habe ich in die Hand genommen. Das musste ich, weil ich die größere Lebenserfahrung habe, weil ich für ihn mitgedacht habe und weil ich die Dinge forciert habe, für die er wahrscheinlich noch zehn Jahre gebraucht hätte.

Delling: (lacht): Ich habe die ersten Wochen bewundernd an seinen Lippen gehangen.

Netzer: Im Ernst. Man kann das nicht lernen, einen Menschen zu erkennen. Was mich betrifft, so habe ich mir diese Menschenkenntnis hart erarbeitet. In meiner Diskothek, die ich früher in Mönchengladbach hatte, habe ich mich oft einfach in eine Ecke gestellt und den ganzen Abend nichts anderes getan, als die Menschen zu beobachten. Nur zugeschaut, wie sie sich bewegen, wie sie ihr Verhalten verändern während des Abends. Das hat mir wahnsinnig viel gebracht. Ich habe unter anderem gelernt, dass die allermeisten Menschen als Freunde für mich nicht infrage kommen. Die Phase, in der man gewöhnlich den Versuch unternimmt, miteinander auszukommen, die kann ich überspringen. Das war auch bei Delling so.

Gab es den berühmten Moment, in dem Sie ahnten, dass Sie Freunde werden könnten?

Netzer: Ich wusste sofort, was für ein Mensch da vor mir steht. Danach hat sich alles ganz einfach entwickelt. Wichtig ist, dass es einen gemeinsamen Nenner bei den Dingen gibt, an denen man zusammenarbeitet. Dieses Gemeinsame gab es bei uns von Anfang an.

Wer von Ihnen beiden hat den ersten Schritt getan?

Netzer: Ich habe schon zu meiner Zeit als Fußballer eine Mauer um mich herum errichtet. Wer mich erreichen wollte, musste diese Hürde nehmen. Das habe ich verlangt. Mein Interesse war immer dann geweckt, wenn sich jemand diese Mühe machte.

Delling: Über die Netzer-Mauer muss ich täglich. Hilfreich war, dass wir uns in einer Ausnahmesituation kennen gelernt haben, bei der Fußball-WM 1998. Wenn Sie ganze Tage mehr als zwölf Stunden lang zusammen sind, fehlen schon einmal ein paar Steine in der Mauer.

Wie leben Sie Ihre Freundschaft? Wie oft telefonieren Sie miteinander, wie oft sehen Sie sich?

Netzer: Als Delling noch nichts zu tun hatte, beides sehr oft. Im Moment sehen wir uns nur während unserer gemeinsamen Zeiten bei der Nationalmannschaft oder bei gemeinsamen Terminen wie diesem.

Delling: Im Augenblick ist es ein bisschen schwierig, mich überhaupt ans Telefon zu bekommen. Ich habe ja zurzeit einiges zu tun. Aber das muss ja nicht so bleiben.

Hatten Sie schon einmal richtig Streit?

Delling: Ja, aber dazu ist nichts weiter zu sagen, als dass ich natürlich die Situation durch meine Besonnenheit gerettet habe (lacht).

Netzer: Ich erinnere mich an einen Streit. Aber ich weiß wirklich nicht mehr, worüber. Wir haben danach ein paar Tage nicht miteinander telefoniert.

Delling: Da war ja auch nichts weiter. Ich weiß aber noch, wo es war.

Netzer: Jetzt fällt es mir auch wieder ein! Es war während der WM 2002, vor einem Abendessen. Da habe ich mit der Autotür geknallt und gehofft, dass die Scheibe rausfliegt.

Delling: Es war eine ganz normale Stresssituation. Es ging um nichts Wesentliches. Soweit ich weiß.

Für wie belastbar halten Sie Ihre Freundschaft? Würden Sie sich gegenseitig beispielsweise finanziell aus der Klemme helfen?

Netzer: Man sagt, dass beim Geld die Freundschaft aufhöre. Ich glaube das eigentlich nicht, aber ich kann es nicht wirklich beurteilen.

Delling: Wenn es finanzielle Probleme gäbe, würde ich erwarten, dass mein Freund das mit mir bespricht. Wenn es eine Chance gäbe zu helfen, dann empfinde ich es normal, das auch zu tun. Im Übrigen würde ein Freund seinen Freund nicht in Schwierigkeiten bringen. Aber wenn ich in extremen Situationen eine Unterstützung brauchte, würde ich schon meinen Freund danach fragen.

Freundschaft bedeutet: Grenzen anerkennen?

Delling: Was wäre denn das für eine Freundschaft, bei der der eine den anderen reinreißt? Das wäre das Gegenteil von Freundschaft.

Gibt es Momente der Konkurrenz zwischen Familie und Freund?

Netzer: Das halte ich durchaus für möglich. Bei uns ist das aber nicht so. Eine Männerfreundschaft dient dazu, die Dinge auf einer anderen Ebene zu besprechen. Freundschaft ist eben nicht Familie. Freundschaft ist deshalb so wichtig, weil der Freund die Dinge aus einer ganz anderen Warte sieht. Das könnte er nicht, wenn er gewissermaßen zur eigenen Familie gehörte.

Delling: Den Fall, dass ich etwa meiner Frau hätte sagen müssen, bleib mal bitte draußen, ich möchte noch etwas mit Herrn Netzer besprechen, den gab es noch nicht und wird es nicht geben. Ich finde es sehr wichtig, dass meine Frau alle meine Seiten kennt. Ich würde mich zu Hause ungern anders verhalten müssen, als ich es sonst tue.

Sie wollen sagen, Sie reden mit Ihrer Frau genau so wie mit Herrn Netzer?

Netzer: Hoffentlich nicht!

Delling: Im Prinzip schon. Der Unterschied ist nur, dass sie nicht so mit mir redet, wie es Günter Netzer tut.

Kennen Sie das Gefühl der Eifersucht?

Delling: Eifersucht, nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Ein bisschen Ärger, wenn er keine Zeit für mich hätte, wenn ich gerade welche hätte, das ja. Aber Eifersucht? Nein.

Netzer: Wenn es um Freundschaften geht: nein.

Was wäre, wenn Herr Delling plötzlich, womöglich sogar in Ihrem gemeinsamen Umfeld, einen anderen Freund hätte?

Netzer: Ich würde mich für ihn freuen, weil ich weiß, welche Ansprüche er stellt. Ich würde ihm fünf von meiner Sorte wünschen. Weil ich weiß, was ich als Freund bereit bin zu investieren. Das ist etwas so Herausragendes, etwas so Außergewöhnliches, da kann man sich nur für den anderen freuen. Nur wird er keine fünf wie mich finden.

Sie haben beide Kinder. Können Kinder Freunde Ihrer Eltern werden?

Netzer: Das strebe ich zumindest an. Man gibt den Kindern über die Erziehung etwas mit auf den Weg. Wenn sie dann zurückkommen in die Familie, ist es das größte Kompliment, das man von seinen Kindern bekommen kann.

Delling: Ich würde mir das sehr wünschen. Ich lege sehr viel Wert auf bestimmte Werte: Offenheit und Ehrlichkeit zum Beispiel. Und darüber sprechen wir auch regelmäßig mit den Kindern.

Kann man Freundschaft lernen?

Netzer: Ich glaube nicht, dass man emotionale Dinge lernen kann. Wenn man sich zu jemandem hingezogen fühlt, muss man das erleben und ausleben. Das ist die Basis des Ganzen. Freundschaft ohne Emotion – das geht nicht. Anschauungsunterricht über Freundschaft – ich glaube nicht, dass das funktionieren kann.

Gibt es noch Überraschungen in Ihrer Freundschaft?