Freundschaft Die SiezfreundeSeite 2/2
Netzer: Ich werde dauernd von Delling überrascht. Das gilt für unsere Fernsehauftritte ebenso wie für unser Privatleben. Wir kennen uns sehr genau – ich habe mir Mühe mit ihm gemacht, er sich mit mir – , aber es ist ja nicht so, dass wir in allen Dingen einer Meinung wären.
Zelebrieren Sie Ihre Freundschaft?
Netzer: Ich zelebriere nichts, was mir ans Herz gewachsen ist.
Im Fernsehen wirken Sie oft sehr unterschiedlich, lässt sich das von Ihren Charakteren auch behaupten?
Netzer: Wir sind – im Fernsehen – oft unterschiedlicher Meinung und haben unseren Spaß miteinander. Aber vom Charakter her ähneln wir uns wahnsinnig.
Wie ähnlich sind Sie sich denn?
Netzer: Wir sind zum Beispiel beide sehr konservativ. Über das Bild, das man lange Jahre von mir hatte – Achtundsechziger, lange Haare, Rebell – habe ich immer nur schmunzeln können. Ich war und bin irgendwie ein Spießer.
Delling: Das bin ich natürlich nicht. Aber trotzdem sind wir uns nun wirklich sehr ähnlich. Ich habe sehr viel von meinem Elternhaus mitbekommen, das ich auch heute noch gut finde. Ich finde, dass man dem, der höflich fragt, ebenso höflich antworten sollte. Sich einfach nur patzig auszuleben, dazu bin ich nicht erzogen.
Das Konservative nimmt man eher Herrn Netzer ab als Ihnen, Herr Delling.
Netzer: Mit »sehr konservativ« meine ich, dass ich Normen und Werte schätze, die ich von zu Hause mitbekommen habe, die heute allerdings ein wenig aus der Mode gekommen zu sein scheinen.
Delling: Ich bin beides: konservativ, aber auch ein kleiner Revoluzzer. Mich haben die Achtundsechziger sehr fasziniert. Ich diskutiere heute noch so lange, bis jedes Argument auf dem Tisch liegt.
Netzer: Sie glauben nicht, wie sehr das nerven kann. Eigentlich ist alles beredet, aber Delling hört einfach nicht auf zu reden. Er hat zwar alles begriffen, aber gestattet sich nicht, alles begriffen zu haben. Dann geht es immer weiter. Ich fasse es manchmal nicht.
Würden Sie sagen, Sie sind altmodisch?
Netzer: Genau so ist es.
Ist Freundschaft ein altmodischer Begriff?
Delling: So wie Netzer und ich ihn definieren: ja. Heute wird der Begriff Freundschaft doch geradezu inflationär gebraucht. Bis ich zum Beispiel jemanden duze, das kann Jahre dauern. Wenn überhaupt. Erst will ich den Menschen kennen lernen, um den es geht.
Netzer: Mir geht es ganz genau so. Leo Kirch hat mir einmal das Du angeboten. Ich habe mich damit am Anfang sehr schwer getan, so unpassend kam mir das vor.
Herr Delling, Herr Netzer: Können Sie nicht, wenigstens für dieses Gespräch, aus den eingeübten Fernsehposen auf das freundschaftliche Du miteinander umsteigen?
Delling: Warum sollten wir? Wir siezen uns auch im Privaten.
Klingt ziemlich mühsam und ein wenig, Verzeihung, aufgesetzt.
Netzer: Vielleicht haben wir, als es angestanden hätte, einfach nur vergessen, uns das Du anzubieten. Für uns spielt es keine Rolle. Es leidet keiner drunter. Wir werden es nicht mehr ändern.
Delling: Und im Grunde erleichert das sogar die Arbeit vor der Kamera. Wir müssen uns nicht verstellen. Im Gegenteil. Es macht die Sache einfacher.
Sie arbeiten auch zusammen. Könnte eine beruflich schwierige Situation Ihrer Freundschaft gefährlich werden?
Netzer: Ich sage nein. Aber ich würde auch nicht den Job schmeißen, um die Freundschaft zu retten. Wir sind beide Profis. Wir wissen um das, was wir machen. Wenn das auseinander gehen sollte, dann hat das mit unserem Leben als Freunde nichts zu tun.
Delling: Selbst wenn wir unterschiedlicher Meinung wären, wir würden immer einen gemeinsamen Weg finden. Das war auch so nach dem Spiel der Fußball-Nationalmannschaft gegen Island in der EM-Qualifikation vor sechs Monaten, als Rudi Völler uns beide ein bisschen angegangen ist.
Netzer: Vielleicht hat Völler schlechte Erfahrungen mit Journalisten gemacht und war deshalb so erregt. Aber mit Delling kann er keine schlechten Erfahrungen gemacht haben. Delling ist im Grunde seiner Seele harmlos.
Delling: Wieder eine Ihrer Frechheiten, Herr Netzer.
Angenommen, die ARD würde beschließen, das Duo Netzer/Delling hätte sich überlebt. Würden Sie mit einem anderen Partner weitermachen, Herr Delling?
Delling: Es gibt ja auch jetzt schon andere Interviewpartner, mit denen ich zusammenarbeite oder gearbeitet habe. Zum Beispiel Boris Becker, Frank Busemann oder Horst Hrubesch. Das macht auch Spaß, gehört zu meinem Beruf, berührt aber unsere Zusammenarbeit und Freundschaft überhaupt nicht.
Zurück zum Persönlichen: Wie viel Freundschaft verträgt der Mensch?
Netzer: An erster Stelle steht für mich die Familie. Für mich das höchste Gut. Man könnte sicher auch ohne Freunde leben. Aber mit Freundschaften kommt man besser über die Runden als mit der Familie allein. Freundschaften verschaffen einem eine höhere Lebensqualität.
Für wie viele Freunde reicht Ihre Zeit?
Delling: Ich habe noch einen guten Freund – außer Herrn Netzer. Und vier bis fünf sehr gute Bekannte. Für drei oder vier richtig gute Freunde hätte ich gar nicht die Zeit. Aber hätte ich keine Freunde gehabt, dann wäre ich sicher nicht so, wie ich heute bin.
Freund sein heißt einander respektieren. Haben Sie diese Grenze gegenseitig schon einmal überschritten?
Netzer: Ich habe Herrn Delling einmal vor laufender Kamera als Milchbubi bezeichnet. Hinterher habe ich mich und dann ihn gefragt, ob ich da nicht zu weit gegangen bin. Meine Frau hat mich deswegen ermahnt. Der Vorfall hat mich gelehrt, welche Voraussetzung da sein muss, damit eine Freundschaft halten kann: Nur wenn beide sich gut kennen, können sie sich solche kleinen Beleidigungen erlauben. Wenn ich auf jedes Wort achten müsste, wie sollte das gehen?
Delling: Es war natürlich eine seiner üblichen Frechheiten. Aber wenn wir immer nur bierernst über Fußball reden sollten, wäre das doch für niemanden auszuhalten.
Wie viel Spaß macht Ihnen denn Ihre Freundschaft?
Netzer: Sie ist ein permanenter Spaß und gehört zu dem guten Leben, das wir haben.
Delling: Spaß? Mit Ihnen, Herr Netzer? Wovon reden Sie?
DIE FRAGEN STELLTEN THOMAS ECKERT UND MORITZ MÜLLER-WIRTH
- Datum 16.06.2006 - 04:24 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 07.04.2004 Nr.16
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