Solange man jung ist, streift einen das Thema manchmal bei Arztbesuchen, wenn man für Freitagnachmittag noch einen Termin bei einem Dermatologen bekommen hat, damit man sich nicht das ganze Wochenende um den neuen Leberfleck Sorgen machen muss. Oder wenn während der Arbeit überraschend eine Freundin anruft, die gerade von der Hausärztin kommt, weil sie einen Knoten in der Brust gespürt hat, und die Hausärztin ihr geraten hat, das untersuchen zu lassen. Am besten noch heute. Die Freundin am Telefon klingt tonlos, als sie fragt, ob man mitkommen könne zur Ultraschalluntersuchung. Man sucht noch die Nummer der Krebshilfe aus dem Internet, denn, was wäre eigentlich, wenn? Gibt es einen psychologischen Notfalldienst für Leute mit Krebsdiagnose? Würde sie die Wahrheit überhaupt erfahren, selbst bei einer aussichtslosen Diagnose? Und falls es keine Hoffnung mehr gäbe: Würden ihr die Ärzte sagen, wie lange sie noch zu leben hätte? Und wie lebt man mit so einer Diagnose? Würde man alles besonders "intensiv" wahrnehmen, den letzten Sommer, das letzte Eis, oder wäre man nur noch melancholisch oder depressiv? Gibt es Psychopharmaka, die einem die Angst vorm Sterben nehmen?

Man weiß nicht viel übers Sterben, wenn man jung ist, und den Eltern geht es gut. Es kann sein, dass man als erwachsener Mensch noch nie einen Toten gesehen hat oder dabei war, als jemand seinen letzten Atemzug tat – oder ist es der letzte Herzschlag, der das Ende markiert? Man hält sich an seine statistische deutsche Lebenserwartung, rechnet ab und zu aus, wie viel man davon schon aufgebraucht hat. Lebenserwartung ist ein gutes Wort. Als könnte man tatsächlich erwarten, dass man ein bestimmtes Alter erreicht, als sei das Lebensalter in Deutschland per Verfassung garantiert. 74 Jahre für eine Frau, die 1970 geboren wurde, sechs Jahre weniger für einen Mann. Und dann tritt der Tod ins Leben. Zunächst als Möglichkeit. Knoten in der Brust. Er sollte sich wenig später als harmlose Entzündung herausstellen. Aber während der vierzig Minuten im Wartezimmer wussten wir das noch nicht. Die Frau gegenüber hatte keine Haare mehr. Konnte es sein, dass die Arzthelferinnen besonders lang und mitleidig zu uns herübersahen?

Seit Anfang der achtziger Jahre sterben in Deutschland mehr Menschen an Herz-KreislaufKrankheiten als an Krebs, aber Krebs ist noch immer die Krankheit, die am meisten Angst macht. Die häufigste Todesursache, wie sie auf Leichenscheinen angegeben wird, ist die chronische Herzischämie, also eine Unterversorgung des Herzens mit Blut. 95166 Menschen sind im Jahr 2002 in Deutschland daran gestorben, von 841686 Toten insgesamt. Man kann nur noch sehr langsam laufen, nicht mehr Treppensteigen, nichts mehr tragen, braucht Hilfe, hat vielleicht starke Herzschmerzen, aber nicht unbedingt. Vielleicht der angenehmste aller möglichen Tode? "Wenn ich wählen könnte", sagt Andreas Kruse, der als Direktor des Instituts für Gerontologie an der Uni Heidelberg Hunderte von Todkranken in langen Gesprächen befragt hat, "ich würde weniger sagen, woran. Sterbeort, soziale Integration, das wären für mich so Kategorien. Einigermaßen selbstständig, in die Familie gut integriert, schmerzmedizinisch gut versorgt, zu Hause, das ist eine sehr humane Form des Sterbens."

Wenn man alle Krebsarten zusammenfasst, dann sind diese für ein Viertel aller Tode in Deutschland verantwortlich, etwa 220000 im Jahr. Die Frauen sterben vor allem an Brustkrebs, die Männer vor allem an Lungenkrebs. Sie alle saßen irgendwann beim Arzt, oder der Arzt saß bei ihnen, am Krankenbett. Die Wahrheit wird in kleinen Dosen verabreicht. Die Lehrmeinung heute ist, dass Ärzte bei der Erstdiagnose das einfache deutsche Wort Krebs verwenden sollten. Bösartige Zellen oder Geschwulst oder Tumor reicht nicht. Nichts beschönigen. Nichts verschweigen. Es sei denn, der Patient will es gar nicht wissen. "Patientenzentrierte Aufklärung" heißt das. Nicht alles, was wahr ist, muss gesagt werden, aber alles, was gesagt wird, muss wahr sein. Nach diesem Motto richten sich heute die meisten Ärzte in Deutschland. Eine Brustkrebsdiagnose ist für eine Patientin anfangs eine Katastrophe. Für eine Onkologin auf der Krebsstation eines Krankenhauses gehört das zu den leichteren Aufgaben, es gibt gute Therapien, Heilungschancen, Hoffnung. Ein Arzt erzählt die Geschichte eines Kollegen, der freudestahlend ans Krankenbett trat und die Nachricht mit folgenden Worten überbrachte: "Wenn ich einen Krebs hätte, würde ich mir den ihren aussuchen."

Es ist eine déformation professionelle, die verständlich wird vor dem Hintergrund, dass Onkologen viel schrecklichere Nachrichten überbringen müssen als eine Brustkrebsdiagnose. Für Claudia Binder, Oberärztin der Abteilung Onkologie und Hämatologie an der Uniklinik Göttingen, kommt der schwierigste Moment, wenn sie jemandem sagen muss, dass die Chemotherapien nicht angeschlagen haben und deren Fortsetzung nicht sinnvoll ist. Infaust. Das heißt: ohne Aussicht auf Heilung. Das ist tatsächlich ein Todesurteil. So unangenehm ist ihr ein solches Gespräch, sagt Claudia Binder, dass sie diese Aufgabe manchmal um ein paar Stunden aufschiebt. Dem Kranken die Wahrheit zu sagen galt jahrhundertelang als schädlich und unprofessionell. In Osteuropa und in Südeuropa ist das heute noch verbreitet. Bis in die siebziger Jahre hinein war es in der Bundesrepublik üblich, dass man einem Patienten nicht gesagt hat, was los war. Wenn die Angehörigen darum baten, dann war der Sterbende oft der Einzige, der nicht wusste, dass er sterben würde. Jedenfalls tat er so.