Todesmut (Aus der Serie "Leben in Deutschland") Wie man in Deutschland stirbt
Wie lange habe ich noch? Die meisten Deutschen erfahren vom Arzt, dass ihr Leben zu Ende geht. Das Sterben geschieht bewusster und schmerzfreier als je zuvor
Solange man jung ist, streift einen das Thema manchmal bei Arztbesuchen, wenn man für Freitagnachmittag noch einen Termin bei einem Dermatologen bekommen hat, damit man sich nicht das ganze Wochenende um den neuen Leberfleck Sorgen machen muss. Oder wenn während der Arbeit überraschend eine Freundin anruft, die gerade von der Hausärztin kommt, weil sie einen Knoten in der Brust gespürt hat, und die Hausärztin ihr geraten hat, das untersuchen zu lassen. Am besten noch heute. Die Freundin am Telefon klingt tonlos, als sie fragt, ob man mitkommen könne zur Ultraschalluntersuchung. Man sucht noch die Nummer der Krebshilfe aus dem Internet, denn, was wäre eigentlich, wenn? Gibt es einen psychologischen Notfalldienst für Leute mit Krebsdiagnose? Würde sie die Wahrheit überhaupt erfahren, selbst bei einer aussichtslosen Diagnose? Und falls es keine Hoffnung mehr gäbe: Würden ihr die Ärzte sagen, wie lange sie noch zu leben hätte? Und wie lebt man mit so einer Diagnose? Würde man alles besonders »intensiv« wahrnehmen, den letzten Sommer, das letzte Eis, oder wäre man nur noch melancholisch oder depressiv? Gibt es Psychopharmaka, die einem die Angst vorm Sterben nehmen?
Man weiß nicht viel übers Sterben, wenn man jung ist, und den Eltern geht es gut. Es kann sein, dass man als erwachsener Mensch noch nie einen Toten gesehen hat oder dabei war, als jemand seinen letzten Atemzug tat – oder ist es der letzte Herzschlag, der das Ende markiert? Man hält sich an seine statistische deutsche Lebenserwartung, rechnet ab und zu aus, wie viel man davon schon aufgebraucht hat. Lebenserwartung ist ein gutes Wort. Als könnte man tatsächlich erwarten, dass man ein bestimmtes Alter erreicht, als sei das Lebensalter in Deutschland per Verfassung garantiert. 74 Jahre für eine Frau, die 1970 geboren wurde, sechs Jahre weniger für einen Mann. Und dann tritt der Tod ins Leben. Zunächst als Möglichkeit. Knoten in der Brust. Er sollte sich wenig später als harmlose Entzündung herausstellen. Aber während der vierzig Minuten im Wartezimmer wussten wir das noch nicht. Die Frau gegenüber hatte keine Haare mehr. Konnte es sein, dass die Arzthelferinnen besonders lang und mitleidig zu uns herübersahen?
Seit Anfang der achtziger Jahre sterben in Deutschland mehr Menschen an Herz-KreislaufKrankheiten als an Krebs, aber Krebs ist noch immer die Krankheit, die am meisten Angst macht. Die häufigste Todesursache, wie sie auf Leichenscheinen angegeben wird, ist die chronische Herzischämie, also eine Unterversorgung des Herzens mit Blut. 95166 Menschen sind im Jahr 2002 in Deutschland daran gestorben, von 841686 Toten insgesamt. Man kann nur noch sehr langsam laufen, nicht mehr Treppensteigen, nichts mehr tragen, braucht Hilfe, hat vielleicht starke Herzschmerzen, aber nicht unbedingt. Vielleicht der angenehmste aller möglichen Tode? »Wenn ich wählen könnte«, sagt Andreas Kruse, der als Direktor des Instituts für Gerontologie an der Uni Heidelberg Hunderte von Todkranken in langen Gesprächen befragt hat, »ich würde weniger sagen, woran. Sterbeort, soziale Integration, das wären für mich so Kategorien. Einigermaßen selbstständig, in die Familie gut integriert, schmerzmedizinisch gut versorgt, zu Hause, das ist eine sehr humane Form des Sterbens.«
Wenn man alle Krebsarten zusammenfasst, dann sind diese für ein Viertel aller Tode in Deutschland verantwortlich, etwa 220000 im Jahr. Die Frauen sterben vor allem an Brustkrebs, die Männer vor allem an Lungenkrebs. Sie alle saßen irgendwann beim Arzt, oder der Arzt saß bei ihnen, am Krankenbett. Die Wahrheit wird in kleinen Dosen verabreicht. Die Lehrmeinung heute ist, dass Ärzte bei der Erstdiagnose das einfache deutsche Wort Krebs verwenden sollten. Bösartige Zellen oder Geschwulst oder Tumor reicht nicht. Nichts beschönigen. Nichts verschweigen. Es sei denn, der Patient will es gar nicht wissen. »Patientenzentrierte Aufklärung« heißt das. Nicht alles, was wahr ist, muss gesagt werden, aber alles, was gesagt wird, muss wahr sein. Nach diesem Motto richten sich heute die meisten Ärzte in Deutschland. Eine Brustkrebsdiagnose ist für eine Patientin anfangs eine Katastrophe. Für eine Onkologin auf der Krebsstation eines Krankenhauses gehört das zu den leichteren Aufgaben, es gibt gute Therapien, Heilungschancen, Hoffnung. Ein Arzt erzählt die Geschichte eines Kollegen, der freudestahlend ans Krankenbett trat und die Nachricht mit folgenden Worten überbrachte: »Wenn ich einen Krebs hätte, würde ich mir den ihren aussuchen.«
Es ist eine déformation professionelle, die verständlich wird vor dem Hintergrund, dass Onkologen viel schrecklichere Nachrichten überbringen müssen als eine Brustkrebsdiagnose. Für Claudia Binder, Oberärztin der Abteilung Onkologie und Hämatologie an der Uniklinik Göttingen, kommt der schwierigste Moment, wenn sie jemandem sagen muss, dass die Chemotherapien nicht angeschlagen haben und deren Fortsetzung nicht sinnvoll ist. Infaust. Das heißt: ohne Aussicht auf Heilung. Das ist tatsächlich ein Todesurteil. So unangenehm ist ihr ein solches Gespräch, sagt Claudia Binder, dass sie diese Aufgabe manchmal um ein paar Stunden aufschiebt. Dem Kranken die Wahrheit zu sagen galt jahrhundertelang als schädlich und unprofessionell. In Osteuropa und in Südeuropa ist das heute noch verbreitet. Bis in die siebziger Jahre hinein war es in der Bundesrepublik üblich, dass man einem Patienten nicht gesagt hat, was los war. Wenn die Angehörigen darum baten, dann war der Sterbende oft der Einzige, der nicht wusste, dass er sterben würde. Jedenfalls tat er so.
Fallbeispiel. Ein metastasierender Pankreaskrebs, der Patient ist 36, gerade Vater geworden, die letzte Chemotherapie hat keine Wirkung gezeigt. Die Tumore sind weitergewachsen. Ihm gegenüber sitzt Claudia Binder, 48, blond, schlank, blass und versetzt sich in die Situation, die für sie zu den schlimmsten gehört. Eine Videokamera zeichnet das Gespräch auf, das später ausgewertet werden soll.
»Grüß Gott, wie geht es Ihnen denn heute so?«
»Ich bin sehr müde, habe Brechreiz, mir wurde gesagt, das sei das Morphin, das das macht. Was mich allerdings die ganze Zeit beschäftigt«, der schlaksige Mann mit der Metallrandbrille macht eine Pause, als sei ihm sein Anliegen peinlich, »ist, wie lange … wie lange kann ich mit der Krankheit noch leben, oder: Wie lange hab ich noch?«
Die Ärztin spricht jetzt leise und eindringlich und lässt den Blick nicht vom Patienten. »Sie wissen wahrscheinlich, dass das eine sehr schwierige Frage ist, die Sie da stellen. Was haben Sie denn für einen Eindruck gehabt von der Entwicklung ihrer Erkrankung in den letzten Wochen?«
»Also die Schmerzen waren sehr stark, das ist jetzt besser. Eben die Müdigkeit, ich denke, das kommt vom Morphin. Und ich hoffe, dass ich noch leben … also dass ich noch ein paar Jahre leben kann.«
Die Ärztin, das ist später auf einer Videoaufnahme zu sehen, verzieht für einen Moment gequält den Mund. Die mittlere Überlebensdauer bei dieser Art von Krebs beträgt sieben Monate. Sie sagt das nicht, weil auch erfahrene Ärzte die Lebenserwartung eines einzelnen Kranken nicht gut schätzen können. Je besser Ärzte einen Patienten kennen, das kam bei einer Studie heraus, desto länger schätzen sie dessen Lebenszeit ein. Die meisten Ärzte geben überhaupt keine Prognose. Wenn der Patient darauf besteht, wird von Jahren oder Monaten oder Wochen gesprochen – genauere Zahlen zu nennen, gilt als unprofessionell.
»Zunächst ist es einmal so, dass … eine genaue Zeit, das kann Ihnen keiner beantworten. Ich bin auch nicht der liebe Gott, ich weiß das auch nicht genau. Wir können nur aus der Charakteristik, wie die Krankheit bisher gelaufen ist, rückschließen, und wir haben uns ja unterhalten vor ein paar Wochen, dass wir das nicht mehr heilen können. Und es waren ja keine Monate, in denen sich das entwickelt hat, weshalb das schon sein kann, dass es auch mal schneller geht, als Sie jetzt glauben. Es passieren immer die unglaublichsten Dinge, aber es kann auch schneller gehen.« (Das ist kein billiger Trost: Es passieren tatsächlich die unglaublichsten Dinge. Nicht oft, aber es kommt vor. Dass ein Patient, dem man nur noch ein paar Wochen zutraute, zwei Jahre später immer noch lebt, bei gutem Befinden. Oder die junge Frau mit dem Lymphknotenkrebs, der trotz Chemotherapie weiterwuchs. An ihrem Geburtstag wurden ihr die Stammzellen ihrer Mutter transplantiert, die Überlebenschance stand bei 1:99. Heute hat sie keinen Krebs mehr).
Der Patient hat sich nicht auf seinem Stuhl bewegt, sein Gesicht zeigt keine Regung. Die Deutschen, sagt Claudia Binder, bleiben selbst in solchen Momenten seltsam ruhig, nur selten kommt es vor, dass jemand schreit oder in Ohnmacht fällt. Meistens sind es die Angehörigen, die weinen.
»Mhm«, sagt er. »Und was denken Sie?«
»Da muss ich noch mal fragen, gibt’s denn einen bestimmten Grund, weshalb Sie das gerade jetzt wissen wollen?« (Später bei der Auswertung wird aber deutlich werden, worum es der Ärztin in dem Moment geht: Sie will die Zeitvorstellungen des Patienten und ihre eigenen schrittweise in Einklang bringen.)
»Also, mir geht’s zwar nicht so gut, aber das Leben, das lieb ich, und ich hab Familie, und ich würde gern auch noch mit diesen Menschen leben können.«
»Also, wie gesagt … Ich kann nur aus dem Verlauf schließen, dass es sein kann, dass es nicht mehr so lange geht, dass es sich um Jahre handelt. Aber genau wissen tun wir das eben nicht. Das Einzige, was ich sagen kann, ist, dass Sie die Zeit nutzen sollten, solange es Ihnen so geht wie jetzt, und das tun, was Sie eben tun möchten, auch mit Ihrer Familie. Und wenn es lange geht, dann ist es schön, und wenn es anders ist, dann müssen wir damit auch irgendwie klarkommen. Was ist denn Ihr Eindruck, haben Sie denn eine Zeitspanne?«
»Zwei bis drei Jahre oder mehr, vielleicht auch weniger.«
»Naja, nachdem wir schon im letzten Gespräch gesagt haben, dass wir die Therapie so nicht weitermachen können … das liegt ja noch nicht allzu lange zurück. Und daran sehen Sie auch, dass die Krankheit schon ein rasches Ende haben kann, also das, das kann auch deutlich kürzer…«
»Also Monate?« Darauf hat sie gewartet. Der Patient hat signalisiert, dass er bereit ist, die schreckliche Wahrheit aufzunehmen.
»Es kann auch sein, dass es nur um Monate geht, ja.«
Dann steht der junge Mann auf, benommen von dem Rollenspiel. Marc Schläppi wird überleben. Im wirklichen Leben ist er nicht Patient, sondern selbst Arzt. Um seinen Facharzt für Onkologie am Kantonsspital in St. Gallen zu machen, muss er noch ein Kommunikationstraining absolvieren, wie es die Schweizer Krebsliga anbietet. In der Schweiz ist das seit Ende der neunziger Jahre Teil der Ausbildung. In Deutschland gibt es an einigen Unis freiwillige Kurse für Studenten, Claudia Binder bietet selbst einen in Göttingen an. Mit einfühlsamen Gesprächen könne man das Leben vielleicht nicht verlängern, so sagt sie, aber es geht den Patienten dann einfach besser. Sie wissen, was Ihnen geschieht. Sie können selbst entscheiden, welche Nebenwirkungen sie auf sich nehmen. Das sind vielleicht die größten Veränderungen im Umgang mit unheilbar Kranken in Deutschland. Lebensqualität statt Lebensverlängerung mit allen Mitteln. Das ist auch eine Kapitulationserklärung vor dem Sterben. Denn es hat eine Zeit gegeben, in der es so aussah, als stünde der Tod kurz vor seiner Abschaffung. In den fünfziger Jahren war das, als technische Fortschritte in der Intensivmedizin Anlass zu den wildesten Hoffnungen gaben.
Eine deutsche Autobahn, im Juni 1957. Die A3 führt von Frankfurt nach Köln, und in der Nähe der Ausfahrt Köln-Deutz saß in einem Feuerwehrhaus ein junger Gehirnchirurg und wartete darauf, dass etwas passierte. Tagelang hatte Reinhold Frowein nichts zu tun, er schrieb in der Zeit wissenschaftliche Aufsätze. Sobald ein Unfall gemeldet wurde, raste er mit den Feuerwehrleuten zur Unfallstelle. Bei Kreislaufversagen und Atemstörungen zählen Minuten, denn je länger ein menschliches Gehirn ohne Sauerstoff bleibt, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Schädigung nicht mehr rückgängig zu machen ist. Der Transport von der Peripherie zur neurochirurgischen Intensivstation der Kölner Universitätsklinik dauerte für die meisten Verletzten zu lange, Rettungswagen gab es zu der Zeit noch nicht. Dass der junge Doktor Frowein und etwa zwanzig Kollegen den Sommer 1957 in Feuerwehrhäusern am Rand der Stadt verbrachten, hängt vor allem mit zwei technischen Entwicklungen zusammen: Der Autoverkehr nahm seit Anfang der fünziger Jahre zu, nie wieder sollte es in Deutschland so viele Verkehrsopfer wie in den sechziger Jahren geben. Gleichzeitig konnten die Patienten mit Atemstörungen jetzt künstlich beatmet werden, durch eine einfache Röhre wurden sie mit Sauerstoff versorgt. Der letzte Atemzug, der letzte Herzschlag, bedeutete nicht mehr den Tod eines Menschen. Klinisch Tote, so heißt es im Ärzte-Jargon, konnten nun wiederbelebt werden, und das war in diesem Sommer die Aufgabe von Reinhold Frowein. Er fuhr zur Unfallstelle, intubierte die Verunglückten, spritzte Kreislaufmittel, legte Infusionen an und brachte sie mit der Feuerwehr ins Krankenhaus. Schwerverletzte überlebten dank der Notfallbehandlung, und auf der Intensivstation explodierte die Zahl der Patienten. Anfang der fünfziger Jahre, so erinnert sich Reinhold Frowein, waren es vielleicht 20, Anfang der sechziger Jahre schon 250 Kopfverletzte, die jedes Jahr eingeliefert wurden. Ob sie wieder zurück ins Leben fanden, hing davon ab, wie lange das Gehirn ohne Sauerstoff geblieben war. Nach spätestens zehn Minuten sind die Hirnzellen irreversibel abgestorben. Solche Patienten konnten nicht mehr selbst atmen und die Augen hatten sich, wie bei einem Toten, bereits getrübt. Dennoch sahen sie nicht aus wie Leichen: An die Beatmungsgeräte angeschlossen, hebte und senkte sich der Brustkorb, das Herz schlug. Die Haut war, wegen der Kreislaufmittel, besser durchblutet als bei manchem Gesunden. Manche bewegten sogar ihre Arme, was durch Rückenmarksreflexe ausgelöst wurde. Trotzdem waren sie tot. Auf den Intensivstationen des Landes lagen nun Menschen, von denen zunächst keiner sagen konnte, ob sie eigentlich dem Leben oder dem Tod zuzurechnen waren. Das sichere Wissen, wann jemand tot ist, galt nicht mehr. »Leichen«, sagt Reinhold Frowein, »so viel ist klar: Leichen waren das nicht.«
Er ist jetzt 80 Jahre alt, ein schmächtiger Mann, mit Käppi und Gehstock. Wir treffen uns im Domforum, einer katholischen Begegnungsstätte direkt am Kölner Dom. Hier hat er als Direktor der Neurochirurgischen Klinik oft Vorträge gehalten, in denen es um Leben und Tod ging und um all die komplizierten Fragen, die Ärzte im 20. Jahrhundert von den Pfarrern geerbt hatten.
Ist der Tod des Gehirns gleichbedeutend mit dem Tod des Menschen? Darf man die Behandlung abbrechen? Muss man jemanden so lange »weiterlaufen« lassen, bis nach ein paar Tagen oder Wochen das Herz versagt? Darf man diesen Körpern Organe entnehmen? Wem soll die ärztliche Zuwendung gelten: dem Hirntoten, wie man sie jetzt nannte? Oder sollten die Intensivbetten freigemacht werden für aussichtsreichere Patienten?
1968 legte die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie zum ersten Mal einen Kriterienkatalog fest, mit dessen Hilfe der Hirntod diagnostiziert werden konnte. Trafen alle Kriterien zu, konnte die Behandlung abgebrochen werden. 1982 wurde die Diagnose von der Bundesärztekammer so vereinfacht, dass auch kleinere Krankenhäuser ohne größeren technischen Aufwand den Hirntod feststellen konnten. Frowein war damals im wissenschaftlichen Beirat und hat an den Kriterien mitgeschrieben. Bewusstlosigkeit. Ausfall der Hirnstammreflexe. Atemstillstand. Zerebraler Zirkulationsstillstand. Null-Linien EEG. Es ist nicht besonders kompliziert, den Hirntod zu diagnostizieren. Dennoch ist durch die künstliche Beatmung und Einführung des Hirntodes als Todeskriterium etwas Kompliziertes passiert: Die Grenze zwischen Leben und Tod war nicht mehr so eindeutig. Atmung und Herzschlag als Zeichen des Lebens waren nicht mehr untrennbar miteinander verbunden und konnten ersetzt werden. Menschen konnten nach einem Herzstillstand wiederbelebt werden. Tote sahen nicht immer tot aus. Der letzte Atemzug markierte nicht mehr zwangsläufig das Ende. Das Herz konnte nach dem Tod weiterschlagen. Als letzte Instanz galt von nun an das Gehirn. Die Seele – oder was immer es ist, das den Menschen ausmacht – verließ den Körper nicht mehr mit dem letzten Atem. Sie wurde fortan im Gehirn verortet. »Es gab auch Chirurgen, die nicht damit einverstanden waren, dass der Hirntod der Tod des Menschen sein sollte«, sagt Frowein. »Der Hirntod ist im Grunde unbegreiflich. Jemand ist warm, hat einen Puls, der Brustkorb bewegt sich, das Rückenmark leitet noch Reflexe, und trotzdem sagen wir: Er ist tot.« Die Behandlung konnte eingestellt werden. Auf den Intensivstationen entstand eine neue Art des Todes, vor der sich die Deutschen bald fürchteten.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts ist das Sterben immer mehr in die Hospitäler verlegt worden. 1953 starben in Deutschland 37,4 Prozent aller Menschen in Krankenhäusern, 1980 waren es 55,3 Prozent. Damit war der Scheitelpunkt erreicht. Seither ist die Zahl auf etwa 48 Prozent zurückgegangen. Das hat demografische Gründe, aber ist auch das Ergebnis einer Debatte um Apparatemedizin und Lebensverlängerung und Sterbehilfe. Dass der Tod in unserer modernen Gesellschaft verdrängt werde, das ist eine Binsenweisheit, die man auch anders sehen kann. Man saß vielleicht noch nicht an einem Sterbebett. Aber es gibt eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie ein guter Tod aussieht, wenn man ihn schon nicht heilen kann. Aufgeklärt. Ohne Schmerzen. Keine Lebensverlängerung mit allen Mitteln. Bei möglichst klarem Bewusstsein. Die letzte Lebensphase als Chance, das eigene Leben zu reflektieren und im Angesicht seines Endes besser zu verstehen. Beziehungen zu klären, sich auszusprechen. Ganz am Ende, das sagen Sterbegleiter, ist nicht die Krankheit entscheidend dafür, wann einer stirbt. In den letzten Tagen sind es die psychischen Kräfte, die jemanden am Leben halten. Wenn es noch etwas zu erledigen gibt. Ein Telefongespräch mit dem zerstrittenen Bruder. Zum ersten Mal von den Kriegserlebnissen erzählen. Ein letzter Besuch in der Lieblingseisdiele. Noch einmal die Wohnung verlassen. Das Auto verkaufen. Danach geht es meistens ganz schnell, sagen Palliativärzte, die auf die Betreuung Sterbender spezialisiert sind.
Palliativ ist ein schönes Wort. Hell und klar steht es, wenn einer Glück hat, am Ende einer unheilbaren Krankheit. Und verspricht Linderung, wenn Heilung nicht mehr möglich ist. Wenn Journalisten bei Home Care, einem palliativmedizinischen Dienst in Berlin, anrufen, dann werden sie gern an Achim Rieger verwiesen. Er ist Hausarzt, spezialisiert auf Schmerztherapie und die Betreuung Sterbender zu Hause. Er hat schon oft Reporter bei seiner Tour durch die Stadt mitgenommen, über Home Care sind in den letzten Jahren 13 große Reportagen erschienen. Die häusliche Betreuung schwerstkranker Patienten ist eine Revolution des Sterbens in Deutschland, wie sie zuletzt in den fünfziger Jahren stattfand, als Intensivmediziner das Leben in vitale Funktionen aufteilten und diese apparativ ersetzten. Auch die Palliativmedizin bricht mit einem Tabu, weil sie dem Tod ins Auge blickt, den Anspruch auf Heilung aufgibt und den Patienten über seinen Zustand aufklärt. Das größte Versprechen, das Achim Rieger seinen Patienten machen kann, ist, dass sie am Ende ihres Lebens möglichst wenig Schmerzen haben werden. Im Kofferraum hat er eine Plastikkiste mit Schmerzmedikamenten. Morphium wird heute schnell verschrieben, der Verbrauch in Deutschland ist mehr als 20-mal so hoch wie 1985. 18 Kilo auf eine Million Einwohner. Heute gehört Morphium zu einer ausgefeilten Schmerztherapie, lange Zeit war es das letzte Mittel. Wenn das Fläschchen auf dem Nachtkästchen stand, wussten die Leute, was es geschlagen hatte. Eine Palliativkrankenschwester aus dem Tessin erzählt, dass dort die Morphiumfläschchen mit dem unvergänglichen Etikett »Gocce Bianchi« aus der Apotheke kämen, »Weiße Tropfen«. Obwohl es die Schmerzen am wirkungsvollsten bekämpft und kaum Nebenwirkungen hat, muss Achim Rieger viele Patienten davon überzeugen, Morphium einzunehmen. Viele denken, dass es dann sofort zu Ende geht. Sogar ein Wort gibt es dafür: Morphinmythos.
Achim Rieger nimmt einen dünnen Manilafolder mit der Patientenakte aus dem Kofferraum und lehnt sich gegen die große Tür eines Charlottenburger Altbaus. Er ist ein großer Mann, 37, Jeans, Windjacke, kraftvoll. Er hechtet die Treppen hoch, als gäbe es oben ein Neugeborenes zu bestaunen.
Er klingelt.
Es dauert ein bisschen.
Die Patientin öffnet die Tür selbst. Sie ist dünn und schmal und hat keine Haare mehr. Er umarmt sie. Sie hat Metastasen im Bauch und sie erbricht sich, wann immer sie etwas essen möchte. Aber sie strahlt, und ihre Augen sind groß und voller Energie.
Es gibt eine Studie, die behauptet, dass Krebspatienten ihre Lebensqualität etwas höher einschätzen als Gesunde. Das liegt an einem Phänomen, das Psychologen Reframing nennen. Den meisten unheilbar Kranken gelingt es, sich den neuen Bedingungen anzupassen, einen neuen Maßstab für Glück zu finden. Nur wenige der etwa vierhundert Sterbenden, die Achim Rieger in den letzten sieben Jahren betreut hat, bekamen Antidepressiva. Nur Tavor verschreibt er fast allen, es hilft gegen die Angstzustände, die meistens nachts kommen.
Im Zimmer der Patientin ist es bunt wie in einem Kinderzimmer. Von ihrem Mann hat sie sich vor Jahren getrennt, nun ist der Sohn wieder in die Altbauwohnung eingezogen, ausgerechnet der Sohn, mit dem sie das schwierigste Verhältnis hatte. Mit ihrem streng protestantischen Bruder, der ihre spirituellen Anwandlungen immer belächelt hat, hat sie sich ausgesprochen. Von allen Seiten schauen bunte Blumenköpfe auf sie herunter, Freundinnen haben sie gebracht. Sie ist umgeben von Steinen und Aquarellen und Büchern über Spiritualität. Sie hat eine Atemtherapie angefangen, in der Hoffnung, sich in den Tod hineinatmen zu können.
»Ich hab noch nie so intensiv gelebt, wie im Moment«, sagt sie. »Es passiert so viel, jeden Tag. Ich würde so gern noch einmal in die Mongolei. Mein Sohn war schon dort, er sagt, die Frauen dort sehen aus wie ich.« Fast alle seine Patienten, wird Achim Rieger später im Treppenhaus sagen, schätzen die Zeit, die ihnen bleibt, zu lange ein, ungefähr dreimal länger als die, die ihnen bleibt.
»Vielleicht kann ich das ja noch mal machen? Vielleicht sterb ich ja auch.«
Denke jeden Tag einmal an den Tod, diese Maxime hat Achim Rieger von einem Patienten übernommen, der sich mit Buddhismus beschäftigt hat. Es mache einen achtsamer, sagt er, und deutet in den Berliner Himmel, es ist März, nicht kalt, nicht warm. Wie schön so ein Regentag sein könne.
Palliativpfleger vergleichen das Sterben oft mit einer Geburt. Das Ende ist wie der Anfang, bei jedem anders, wie schwer oder leicht ist nicht vorherzusehen. In den letzten Stunden rufen viele wieder nach ihrer Mama. Nur wenige müssen in Deutschland weinend oder schreiend sterben, weil mit einer guten Schmerztherapie fast alle Schmerzen zu bekämpfen sind. Manche entschlafen sanft. Viele werden kurz vor ihrem Tod noch ganz unruhig, setzen sich auf, wollen aus dem Bett, um der Situation zu entgehen oder um Boden unter den Füßen zu spüren. Die meisten sind zu kraftlos, um ihre Augen offen zu halten, aber es kommt auch vor, dass einer sehenden Auges stirbt. Dormicum oder Valium sind starke Beruhigungsmittel, die oft bei Angst und Unruhe verabreicht werden. Diese Terminale Sedierung ist umstritten, sie kann das Leben verkürzen oder die letzten bewussten Momente rauben. Ohne begleitende Schmerztherapie könnte es sein, dass ein Kranker nur ruhig gestellt wird, aber dennoch Schmerzen hat. Ein Arzt, der selbst solche Beruhigungsmittel bekam, berichtete von entsetzlichen Alpträumen und schwor, sie niemals mehr einem Patienten zu verabreichen. Viele hören in den letzten Tagen auf zu essen und zu trinken. Wenn in den letzten Stunden das Herz sehr schwach wird und der Blutdruck immer weiter sinkt, werden oft die Arme und Beine kalt, und die Haut erscheint blass und marmoriert. Das allerletzte Zeichen ist oft ein lautes, rasselndes Atmen, was wahrscheinlich mit einem Ausfallen des Schluckreflexes zusammenhängt. Todesrasseln: So heißt dieses Geräusch im Branchenjargon, in Krankenhäusern ist es gefürchtet, weil es anderen Patienten Angst macht. Es ist auch ein Grund, weshalb Sterbende in Einzelzimmer gebracht werden und früher auch in Wäschekammern oder Badezimmer. Irgendwann wird meist die Atmung unregelmäßig. Die Pausen werden länger und dann setzt die Atmung ganz aus. Und dann kommt nach einer Minute vielleicht noch ein letzter Atemzug und dann ist es vorbei.
Wirklich vorbei?
48,2 Prozent aller erwachsenen Westdeutschen und 19,9 Prozent aller Ostdeutschen glauben an ein Leben nach dem Tod.
- Datum 07.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 07.04.2004 Nr.16
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