Todesmut (Aus der Serie "Leben in Deutschland") Wie man in Deutschland stirbtSeite 7/7
Denke jeden Tag einmal an den Tod, diese Maxime hat Achim Rieger von einem Patienten übernommen, der sich mit Buddhismus beschäftigt hat. Es mache einen achtsamer, sagt er, und deutet in den Berliner Himmel, es ist März, nicht kalt, nicht warm. Wie schön so ein Regentag sein könne.
Palliativpfleger vergleichen das Sterben oft mit einer Geburt. Das Ende ist wie der Anfang, bei jedem anders, wie schwer oder leicht ist nicht vorherzusehen. In den letzten Stunden rufen viele wieder nach ihrer Mama. Nur wenige müssen in Deutschland weinend oder schreiend sterben, weil mit einer guten Schmerztherapie fast alle Schmerzen zu bekämpfen sind. Manche entschlafen sanft. Viele werden kurz vor ihrem Tod noch ganz unruhig, setzen sich auf, wollen aus dem Bett, um der Situation zu entgehen oder um Boden unter den Füßen zu spüren. Die meisten sind zu kraftlos, um ihre Augen offen zu halten, aber es kommt auch vor, dass einer sehenden Auges stirbt. Dormicum oder Valium sind starke Beruhigungsmittel, die oft bei Angst und Unruhe verabreicht werden. Diese Terminale Sedierung ist umstritten, sie kann das Leben verkürzen oder die letzten bewussten Momente rauben. Ohne begleitende Schmerztherapie könnte es sein, dass ein Kranker nur ruhig gestellt wird, aber dennoch Schmerzen hat. Ein Arzt, der selbst solche Beruhigungsmittel bekam, berichtete von entsetzlichen Alpträumen und schwor, sie niemals mehr einem Patienten zu verabreichen. Viele hören in den letzten Tagen auf zu essen und zu trinken. Wenn in den letzten Stunden das Herz sehr schwach wird und der Blutdruck immer weiter sinkt, werden oft die Arme und Beine kalt, und die Haut erscheint blass und marmoriert. Das allerletzte Zeichen ist oft ein lautes, rasselndes Atmen, was wahrscheinlich mit einem Ausfallen des Schluckreflexes zusammenhängt. Todesrasseln: So heißt dieses Geräusch im Branchenjargon, in Krankenhäusern ist es gefürchtet, weil es anderen Patienten Angst macht. Es ist auch ein Grund, weshalb Sterbende in Einzelzimmer gebracht werden und früher auch in Wäschekammern oder Badezimmer. Irgendwann wird meist die Atmung unregelmäßig. Die Pausen werden länger und dann setzt die Atmung ganz aus. Und dann kommt nach einer Minute vielleicht noch ein letzter Atemzug und dann ist es vorbei.
Wirklich vorbei?
48,2 Prozent aller erwachsenen Westdeutschen und 19,9 Prozent aller Ostdeutschen glauben an ein Leben nach dem Tod.
- Datum 07.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 07.04.2004 Nr.16
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