Essay Der transportable IslamSeite 2/2
Die Radikalen sehen überhaupt keinen Grund, sich für irgendetwas zu rechtfertigen. Was bedeutet der französische Laizismus für die „weichen“ Islamisten in Frankreich und ihre militanteren Anführer? Nichts anderes als das Regelwerk einer lasterhaften Gesellschaft, die den Kindern des Islams und ganz besonders dessen jungen Frauen ihre Ungläubigenkultur aufzwingen will. Welche Loyalität ist man Frankreich überhaupt schuldig? Der Hass der muslimischen Kinder in den französischen Vorstädten gilt als die gerechte Rache für die französischen Kolonialkriege in der islamischen Welt. Frankreich hat Algerien in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts kolonisiert – dafür rächen sich die heute jungen Algerier (und mit ihnen junge Tunesier und Marokkaner). Frankreich erlaubt den Bewohnern seiner explosiven muslimischen Ghettos alles und nichts zugleich. Es lässt sie im Stich, es öffnet ihnen keine Räume in der Mitte der französischen Gesellschaft. Zugleich aber billigt Frankreich ihnen eine unausgesprochene Macht über seine Außenpolitik, seine Politik gegenüber dem Islam und dem Nahen Osten zu.
Unruhe hat selbst das betuliche Belgien erfasst. In Antwerpen schickt sich der 32-jährige Libanese Dyab Abu Dschahdschah an, die Muslime des Landes zu „ermächtigen“. Assimilation, sagt er, sei nichts anderes als „kulturelle Vergewaltigung“. Abu Dschahdschah gibt zu, dass die Geschichte, die er bei der Ankunft über seine politische Verfolgung im Libanon erzählte, erfunden war. Das sei ein „politischer Trick“ gewesen, aber so lägen die Dinge nun einmal. Die belgische Verfassung erkennt Niederländisch, Französisch und Deutsch als offizielle Sprachen an. Herr Abu Dschahdschah hat den Vorschlag gemacht, diese Vielfalt um Arabisch zu ergänzen.
Europas Politiker kennen die europäischen Dilemmata. Die Flucht in den Antiamerikanismus ist, ob beabsichtigt oder unterbewusst, der Versuch einer falschen „Kumpanei“ mit den Völkern des Islams. Gebt den Arabern und allen anderen muslimischen Gemeinschaften in Europa Antiamerikanismus, ergreift eindeutig Partei für die Palästinenser – und ihr werdet verschont. Schlagt die Trommel der Opposition gegen Amerikas Krieg im Irak – und die rasenden Stürme der arabischen Welt werden an euch vorüberziehen. So lautet das Programm der vermeintlichen Schadensvermeidung. Aber auf diese Weise wird es keine Verschonung geben. Es stimmt, dass Spanien den amerikanischen Feldzug im Irak unterstützt hat. Aber bei etwas genauerem Hinsehen fällt auch auf, dass Spanien die arabischen Anliegen viele Jahre lang unterstützt hat. Unter allen größeren Staaten der Europäischen Union haben die Spanier stets das meiste Verständnis für die Palästinenser an den Tag gelegt. Das hat sie nicht geschützt.
Die Europäer sind eifrig dabei, ihr „europäisches Haus“ zu bauen. Ganz egal, welche politische Ordnung sie auch schaffen wollen – ihr Bauwerk wird auf jeden Fall in der Nähe von großen Gefahrenherden errichtet. Eine ganze Welt, gleich auf der anderen Seite der Straße von Gibraltar, steckt in einer langen historischen Krise. Dass die Herrscher der arabischen Staaten ihren Untertanen Freiheit, ein angemessenes Sozialmodell und Arbeit bieten könnten, steht nicht in Aussicht. Es ist eine traurige Tatsache der gegenwärtigen Geschichte, dass die arabischen Völker an ihre Herrscher keinerlei Erwartungen mehr richten. Eine Chance, die Despotien der arabischen Welt zu reformieren – oder zu stürzen –, gibt es nicht. Ihre bewaffneten Gegner, die in Madrid oder Rotterdam anlandeten, streben heute Genugtuung in der Fremde an. Man kann gegen Hosni Mubarak in Kairo nicht protestieren, sehr wohl aber in London. Die Heftigkeit, mit der in der arabischen Welt über die Entscheidung Frankreichs diskutiert wird, das Tragen von Kopftüchern in öffentlichen Schulen zu verbieten, ist der Ausdruck einer geografisch ausgelagerten Wut. Die Spanier mögen das Grauen, das sie heimgesucht hat, auf die Beteiligung ihres Landes an der amerikanischen Expedition in den Irak zurückführen. Aber die Wahrheit ist düsterer: Spanien war zufällig einfach gerade an der Reihe.
Europa ist das Schlachtfeld für einen großen Kampf zwischen der Ordnung und ihren Feinden. Zahlen sind unerbittlich, und die Demografie übt ihre eigene Tyrannei aus: Nicht weniger als 40 Prozent der Menschen in den arabischen Ländern sind jünger als 14 Jahre. Die Demografen erklären uns, dass eine Reproduktionsrate von 2,1 Kindern pro Frau nötig ist, um die Bevölkerungsentwicklung stabil zu halten. Europa unterschreitet dieses Niveau in beängstigender Weise; die islamischen Länder liegen weit darüber. Die Europäer mögen ihren muslimischen Nachbarn am anderen Ufer des Mittelmeers (und innerhalb Europas) erklären, sie teilten deren Angst vor der Pax Americana – und sich zugleich im Schutze der amerikanischen Macht zusammenkauern. Der Tag der Abrechnung wird dennoch kommen.
Vor fünfhundert Jahren siegten die Kastilier. Sie waren ein zähes Volk von Schafhirten. Was sie antrieb, war eine brutale malthusianische Logik. Als ihre eigenen Weidegründe nicht mehr ausreichten, drangen sie nach Süden vor – und sogar bis in die Neue Welt: Kastiliens Bedürfnisse mussten befriedigt werden. Die Zeiten haben sich geändert, und die Zeiten haben sich nicht geändert. Heute ist es die Welt des Islams, die von großer Unordnung und einer schrecklichen malthusianischen Krise heimgesucht wird. Wäre es doch nur wahr, dass allein diejenigen Europäer in Gefahr sind, die sich auf die Seite der Amerikaner schlagen! Boabdil übt seine Rache weit entfernt von Amerika. Die Neue Welt mag der große Dämon aller Islamisten der Gegenwart sein. Doch die alte Grenze zwischen Europa und der islamischen Welt kennt Furien ganz eigener Art.
Aus dem Englischen von Tobias Dürr
- Datum 07.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 07.04.2004 Nr.16
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