Krankenhäuser Operation Betriebswirtschaft

Deutschlands Kliniken müssen gleichzeitig Kosten senken und mehr Personal einstellen. Jedes fünfte Krankenhaus steht vor dem Aus

Auf der Insel Föhr in Nordfriesland steht ein kleines Krankenhaus. Es versorgt 13000 Insulaner und in der Saison den einen oder anderen Badegast. Vor zwei Jahren wollte der Landrat das Haus und drei weitere nordfriesische Kliniken privatisieren – die Nordfriesen entschieden sich per Volksabstimmung dagegen. Doch das Plebiszit hatte nur aufschiebende Wirkung. Nun, da die zwei Jahre Bedenkzeit vorbei sind, arbeitet das Haus mit Verlust. „Damals hätten wir laut Gutachten 40 Millionen Mark erzielen können“, ärgert sich Landrat Olaf Bastian. „Jetzt können wir froh sein, wenn wir nichts draufzahlen müssen.“ Würde die Klinik schließen, wären die Inselbewohner zwei Stunden per Schiff und Auto zum nächsten Krankenhaus unterwegs. An stürmischen Tagen kommt man gar nicht zum Festland, nicht einmal mit dem Hubschrauber.

Solche Versorgungsengpässe sind hierzulande bisher selten – üblich ist eher ein riesiges Überangebot. Deshalb sollen in den kommenden Jahren deutschlandweit Kliniken stillgelegt werden. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DGK) erwartet, dass jedes fünfte Haus seine Pforten schließt oder durch Fusion die Eigenständigkeit verliert. Nach Schätzungen der Wirtschaftsprüfer von Ernst&Young bleiben in Deutschland von 2240 Häusern noch 1700 übrig. „Die Krankenhauslandschaft steht vor einem einmaligen Umbruch“, sagt DKG-Präsident Wolfgang Pföhler.

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Einer der Auslöser für das bundesweite Kliniksterben ist ein neues Abrechnungssystem. Bislang kassierten Krankenhäuser für jeden Tag, an dem ein Patient ein Bett belegte. Seit Januar 2004 gelten die so genannten Fallpauschalen. Für einen Patienten mit Mandelentzündung gibt es ein paar hundert, für eine Hüftgelenksoperation ein paar tausend Euro. Die Pauschalen errechnen sich als Durchschnitt aus den Werten aller deutschen Krankenhäuser – auch der profitablen – und sind von 2007 an festgeschrieben. Wer mit seinen Kosten über dem Durchschnitt liegt, rutscht ins Defizit. Wie lange der Patient ein Bett belegt, ist unerheblich. Komplikationen und längere Klinikaufenthalte gehen auf Rechnung des Hauses.

Bisher waren es die Klinikmanager gewohnt, dass Geld auf Antrag floss. Je mehr Betten belegt waren, desto großzügiger das Budget. Tatsächlich müssen deutsche Patienten fast doppelt so lange liegen wie ihre europäischen Leidensgenossen. Doch werden Schwestern und Ärzte ihre Kranken unter den neuen Bedingungen nicht – umgekehrt – schneller entlassen, als denen gut tut?

„Nein“, meint die Patientenbeauftragte der Bundesregierung Helga Kühn-Mengel. „Das System arbeitet für den Patienten. Krankenhäuser, die Wirtschaftlichkeit und Qualität nicht vereinbaren können, werden ausscheiden.“ Das Dilemma: Ärztliche Fehlentscheidungen sind nicht so leicht aufzuspüren wie betriebswirtschaftliches Missmanagement.

Hier liegt in Deutschlands Kliniken tatsächlich einiges im Argen. Die wenigsten Hospitäler nutzen Einkaufskooperationen oder externe Küchen- oder Wäschereidienstleister, um ihre Kosten zu senken. Dabei kann bereits eine privatwirtschaftliche Reinigungskraft einem Krankenhaus bis zu 10000 Euro im Jahr ersparen. Dabei ist der Einzug der Betriebswirtschaft nicht der einzige Schock, den die Krankenhäuser verkraften müssen. Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs werden Bereitschaftsdienste der Klinikärzte auf deren Arbeitszeit angerechnet. Damit müssen nach Ansicht des Marburger Bunds mindestens 15000 weitere Ärztestellen besetzt werden. Für die kommenden drei Jahre schätzt die Ärztegewerkschaft die Kosten auf rund eine Milliarde Euro.

Bei den Investition zwickt es schon jetzt gewaltig. Mit 3,4 Milliarden Euro investierten Krankenhäuser im Jahr 2001 sieben Prozent weniger als zehn Jahre vorher. Dabei werden die medizinischen Geräte immer aufwändiger. Das Investitionsloch liegt nach Schätzung der Deutschen Krankenhausgesellschaft zwischen 25 und 50 Milliarden Euro. Das geht zu Lasten der Qualität. „Das kommunale System ist in weiten Teilen zum Stillstand gekommen“, beschreibt Andreas Poenzgen von der Boston Consulting Group (BCG) die Misere.

Für manche Klinik wäre Geld auf dem Kapitalmarkt aufzutreiben. Doch oft verbauen sich Kommunen diese Möglichkeit selbst. „Viele Häuser sind Spielwiesen für Kommunalpolitiker. Da bewegt sich lange nichts, weil wichtige Entscheidungen ständig vertagt werden“, sagt Josef Oswald, Chef der kommunalen Klinikkette Gesundheit Nordhessen Holding, zu der auch das erfolgreiche Klinikum Kassel gehört. Dort halten sich die Politiker aus dem Krankenhausgeschäft heraus, und die Klinik finanziert ihr modernes medizinisches Gerät selbst.

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