Über Unterleibsgeschichten spricht man nicht so gern. Sollte man aber, findet Agnes Szczepek vom Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin. Zum Beispiel über Chlamydien. Diese Bakterien machen pro Jahr 80000 Frauen in Deutschland unfruchtbar. Sie stehlen sich in Körperzellen und zapfen deren Energiehaushalt an. Die Zellparasiten sind schlau genug, ihren Wirt nicht zu töten und oft nicht einmal zu belästigen; 70 Prozent der Bevölkerung tragen die Erreger in sich, viele bemerken davon gar nichts.

Wenn sie ihn doch bemerken, wird es ungemütlich. Die Chlamydien können die Augen befallen und Menschen erblinden lassen. Bei uns ist das Trachom, die "ägyptische Augenkrankheit", nicht so häufig – wohl aber der Erreger: Chlamydia trachomatis ist für Gebärmutterentzündungen und andere unangenehme Dinge verantwortlich und überträgt sich beim Sex auch auf den Urogenitaltrakt des Partners. Und produziert dort "lauter Igitt-Krankheiten", sagt Agnes Szczepek. Eine verwandte Art, Chlamydia pneumoniae, wird verdächtigt, ein Zehntel aller Lungenentzündungen in Deutschland hervorzurufen.

Der Verdacht ist noch nicht erhärtet. Denn durch und durch verstanden hat man das Wirken dieses Bakteriums bislang noch nicht. Seit ein deutsches Expeditionsteam 1907 aus Java erstmals die Nachricht von "Chlamydozoen" mitbrachte – wörtlich: Manteltierchen –, hat man zwar schon viel Wissen angesammelt: dass sie Vögel, Säuger, sogar Amöben befallen und einer der am weitesten verbreiteten Krankheitserreger überhaupt sind. Und dass sie nicht nur aus zwei Arten bestehen, wie es in einem Lehrbuch von 1998 noch steht, sondern aus mindestens 13.

Bislang unbekannte Fähigkeiten der Schmarotzer wurden in den neunziger Jahren deutlich, als man die Bakterien plötzlich in den Gelenkflüssigkeiten von Arthritispatienten entdeckte. In den Gefäßen von Arteriosklerose-Patienten. Im wuchernden Gewebe von Krebspatienten. Sogar im Rückenmark von Multiple-Sklerose-Kranken. Und schließlich auch in den Gehirnen toter Alzheimeropfer. "Die kleinen Dinger", sagt Agnes Szczepek, "könnten für die wichtigsten Volkskrankheiten verantwortlich sein." Und ausgerechnet für die, deren Ursachen bislang nicht eindeutig geklärt sind.

Allein: Anwesenheit am Tatort beweist nicht die Schuld. Noch ist nicht klar, was genau die Bazillen zu den Malaisen beitragen. Matthias Maaß von der Universität Lübeck zweifelt an der Alzheimer-These und hat gezeigt, dass Chlamydien auch bei anderen Gehirnerkrankungen auftreten; sie müssen also nicht speziell mit Alzheimer zu tun haben.

Maaß treibt derzeit etwas anderes um: Wer mit Antibiotika gegen die von Chlamydien hervorgerufenen Infektionen vorgeht, der erfährt Erstaunliches. Die Entzündung verschwindet zwar – nicht aber das Bakterium. Chlamydien können sich in den Zellen ihrer Wirte offenbar auch vor antibiotischen Attacken verstecken. Befinden sie sich in der "Elementarkörper"-Phase, können sie in Zellen eindringen und sie infizieren – sind dann allerdings auch selbst angreifbar. In der Zelle aktivieren sie ihren Stoffwechsel und beginnen sich zu teilen. Aus dieser Form heraus können sie in das so genannte Persistenzstadium fallen. Sie stellen sich tot, und das offenbar gezielt: Gibt es Stress, etwa in Form eines Antibiotikums, dann geht die Mikrobe in den Untergrund. Das bringt die Forschung in Harnisch. Denn dadurch ist die Chlamydien-Infektion einfach nicht totzukriegen.

Auch die Analysemethoden versagen oft: Nicht jedes Labor entdeckt das Bakterium – was einige Frauen mit Infertilität bezahlen. Maaß arbeitet inzwischen in einem Kompetenznetz mit, in dem an einer Standardisierung der Nachweisverfahren geforscht wird.

Bei der bakteriellen Gelenkentzündung ist man da schon weiter: Jens Kuipers von der Medizinischen Hochschule Hannover hat ein Verfahren entwickelt, das einfach und kostengünstig ermittelt, ob Chlamydien im Knie schwimmen. Während bei der "reaktiven Arthritis" Chlamydien als möglicher Auslöser schon ausgemacht sind, ist das bei anderen Krankheiten noch nicht klar.