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Von den jährlich 200000 Sepsis-Patienten in Deutschland stirbt jeder zweite. Schnelle Behandlung erhöht die Überlebenschancen

Hans Büchners Herzoperation ist ein Routineeingriff. Nach einem Herzinfarkt legen die Chirurgen dem 76-Jährigen einen Bypass, um seine verstopften Herzkranzgefäße zu überbrücken. Die Operation verläuft glatt, doch dann bricht bei Büchner eine schwere Lungenentzündung aus. Die Infektion greift um sich. Zehn Tage nach der Operation diagnostizieren die Ärzte eine Sepsis – Blutvergiftung. Büchner liegt auf der Intensivstation, wird beatmet, mit Antibiotika behandelt, bekommt Infusionen. Mehr können die Ärzte nicht für ihn tun.

Etwa 200000 solcher Fälle registrieren Mediziner allein in Deutschland jedes Jahr, genaue Zahlen gibt es nicht. Weltweit erkranken, vorsichtig geschätzt, jährlich etwa anderthalb Millionen Menschen an Sepsis. Fast die Hälfte von ihnen stirbt. Damit ist Sepsis die Todesursache Nummer eins auf chirurgischen Intensivstationen und fordert weitaus mehr Todesopfer als Aids, Brust- und Darmkrebs zusammen.

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Hans Büchner hat Glück. Er überlebt. Nach zwei Wochen wird er auf eine normale Station verlegt und kann wenig später das Krankenhaus verlassen. Anders Ulrich Jahnke, 61 (Name von der Red. geändert). Auch ihm wurde ein Bypass gelegt. Auch er erkrankte nach der Operation an einer Sepsis. Auch er bekam Antibiotika, Infusionen. Dennoch ließ sich sein Zustand nicht stabilisieren. Nach zwei Tagen war Ulrich Jahnke tot.

Erreger erobern die Blutbahn

Warum musste Jahnke sterben, während Büchner überlebte? „Wenn der Körper innerlich heiß und außen kalt ist, dann verläuft die Erkrankung tödlich“, erkannte Hippokrates bereits 400 Jahre vor Christus. Seither ist das Wissen über die Sepsis zwar erheblich gewachsen, doch die Sterberate ist immer noch erschreckend hoch. Seit Jahrzehnten stagniert sie auf hohem Niveau. Zu einer Blutvergiftung kann es kommen, wenn von einem Infektionsherd aus Krankheitserreger in die Blutbahn gelangen. Der Körper wehrt sich gegen die Keime mit einer fulminanten Entzündung, die, wie bei Hans Büchner und Ulrich Jahnke, den gesamten Organismus erfasst. Die Patienten bekommen Fieber, Schüttelfrost, sind verwirrt. Der Blutdruck fällt, Herz- und Atemfrequenz schnellen in die Höhe, dennoch werden lebenswichtige Organe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Am Ende steht der septische Schock: Der Kreislauf kollabiert, die Lunge versagt, die Leber, das Herz.

Obwohl Blutvergiftungen häufig auftreten, werden sie in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. „Sepsis tritt in der Regel als Folge einer anderen schweren Erkrankung auf“, versucht Herwig Gerlach dieses Phänomen zu erklären. „Wenn ein Patient stirbt, geht lediglich die unmittelbare Todesursache in die Statistik ein. Und das ist meist Organversagen“, sagt der Chef der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin am Vivantes-Klinikum in Berlin-Neukölln.

„Auch bei den Ärzten ist Sepsis ein eher vernachlässigtes Randgebiet“, klagt Konrad Reinhart, Leiter der Klinik für Anästhesie und Intensivtherapie der Universität Jena und Präsident der Deutschen Sepsis Gesellschaft. „Obwohl sie für viele Facharztgruppen ein relevantes Problem ist, wird Sepsis von keiner Disziplin als Schwerpunktaufgabe begriffen.“ Hinzu kommt, dass die Erforschung der Krankheit seit Jahrzehnten vernachlässigt wird. Von den mehr als 5000 klinischen Studien, die derzeit in den USA laufen, untersuchen mehr als 3000 verschiedene Krebsarten, knapp 300 sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen gewidmet, etwa 150 haben Aids zum Thema, ganze 14 gelten der Sepsis.

Angesichts der Tristesse auf den Intensivstationen fordern die Fachmediziner nun Taten. Die Europäische Gesellschaft für Intensivmedizin (ESICM), die US-amerikanische Society of Critical Care Medicine (SCCM) und das Internationale Sepsis Forum (ISF), haben gemeinsam mit der pharmazeutischen Industrie und verschiedenen Forschungseinrichtungen die Surviving Sepsis Campaign ins Leben gerufen.

Das ehrgeizige Ziel der Initiative: 25 Prozent weniger Sepsis-Tote innerhalb von fünf Jahren. Als erster Schritt wurden in den zurückliegenden zwei Jahren neue Behandlungsrichtlinien zur besseren Versorgung von Sepsis-Kranken entwickelt und jetzt in der Aprilausgabe der Fachzeitschrift Intensive Care Medicine veröffentlicht.

„Wie beim Herzinfarkt oder Schlaganfall entscheiden auch bei der schweren Sepsis meist die ersten Stunden über Wohl oder Wehe des Patienten“, betont Jean-Louis Vincent, Leiter der Klinik für Intensivmedizin der Universitätsklinik der Freien Universität Brüssel und einer der Autoren. Deshalb empfiehlt das Gremium eine Reihe von Sofortmaßnahmen, die innerhalb einer Stunde nach der Diagnose einzuleiten sind. So sollen Sepsis-Patienten bereits unmittelbar nach der Diagnose Antibiotika verabreicht bekommen. Zudem muss der Sauerstoffgehalt im Blut der Patienten beständig kontrolliert und beim Abfall unter einen Grenzwert durch Zufuhr von roten Blutkörperchen korrigiert werden. Wie eine klinische Studie am Henry Ford Hospital in Detroit ergab, lässt sich die Sterblichkeit dadurch deutlich senken. Von Patienten, die auf diese Weise behandelt wurden, starb lediglich jeder Dritte, während bei gängiger Standardtherapie nur die Hälfte der Patienten überlebte.

Auch Herwig Gerlach hat die Behandlungsrichtlinien miterarbeitet – die neuen Empfehlungen, sagt er, müssten sich allerdings nun erst in der Praxis bewähren. Doch damit die Sofortmaßnahmen greifen, ist zunächst eine sichere Sepsis-Diagnose erforderlich. Und die bereitet noch immer Schwierigkeiten. Nach wie vor erfolgt die Diagnose der Sepsis anhand von allgemeinen Symptomen, wie Fieber, Atem- und Pulsfrequenz oder Blutdruck. „Diese Symptome sind natürlich nicht spezifisch für eine Sepsis“, gibt Konrad Reinhart zu bedenken und teilt damit die Einschätzung der meisten seiner Kollegen. Eine Umfrage der amerikanischen SCCM und der ESICM im Jahr 2001 hat ergeben, dass 87 Prozent der befragten Intensivmediziner die Diagnose-Kriterien für Sepsis als nicht ausreichend beurteilen.

Neue Spuren im Erbgut

Einen Ausweg aus der Misere suchen Mediziner derzeit in der Genomforschung. Mit rund 180 Millionen Euro fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung seit 2001 das Nationale Genomforschungsnetz. Einen der insgesamt fünf Schwerpunkte dieses Forschungsnetzes bilden Infektionen und Sepsis. Ziel der Wissenschaftler ist es, diejenigen Gene im menschlichen Erbgut aufzuspüren, die bei Sepsis-Patienten aktiver oder weniger aktiv als bei gesunden Personen sind.

Anhand solch charakteristischer Abweichungen in der Genaktivität wäre eine Sepsis frühzeitig und zweifelsfrei zu diagnostizieren. Trinad Chakraborty, Sprecher des Forschungsbereiches „Infektionen und Sepsis“ im Genomforschungsnetz, ist da zuversichtlich. „Durch die Forschung der vergangenen zwei Jahre können wir die Zahl der unmittelbar am Sepsis-Geschehen beteiligten Gene inzwischen auf etwa 180 eingrenzen“, berichtet Chakraborty.

Andere erfolgversprechende Ergebnisse legte die Jenaer Firma SIRS-Lab während des 6. Weltkongresses für Trauma, Schock, Entzündung und Sepsis vor, der Anfang März in München stattfand. Die Wissenschaftler haben im Blut von mehr als 300 Sepsis-Patienten, darunter waren auch Hans Büchner und Ulrich Jahnke, verschiedene Gene nach markanten Abweichungen in ihrer Aktivität untersucht. Bislang konnten sie 44 Gene identifizieren: Bei Patienten, die an Sepsis verstorben waren, wichen diese Gene in ihrer Aktivität deutlich von denen bei überlebenden Patienten ab.

Bis diese Erkenntnisse in neue und vor allem schnelle Diagnoseverfahren münden, vergehen vermutlich noch Jahre. Und auch das Umsetzen der jetzt veröffentlichten Behandlungsrichtlinien wird Zeit brauchen – und Geld. Bereits heute kostet die Behandlung eines Sepsis-Patienten etwa 25 000 Euro. Um die Sofortbehandlung für alle Sepsis-Patienten künftig sicherzustellen, brauchten die Intensivstationen erfahrene Ärzte und Schwestern rund um die Uhr, sagt Hilmar Burchardi, ehemals Abteilungsleiter am Zentrum für Anästhesiologie, Rettungs- und Intensivmedizin der Georg-August-Universität Göttingen. „Nur so ist eine ständige Handlungsbereitschaft zu gewährleisten.“ Und das ist bis heute keineswegs in allen Intensivstationen Realität.

 
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