Es ist eine allzu oft bestätigte Binsenweisheit, dass das Kino, wenn es sich in die Vergangenheit begibt, plötzlich fremdelt. Vom Gewicht der Jahrhunderte eingeschüchtert, verliert es jede Leichtigkeit und fällt in Erstarrung. Nie ist die Vergangenheit vergangener als im Kostümfilm. Nichts ist deprimierender als das immer gleiche Püree der Epochen und nichts langweiliger als Schauspieler, die ihre Dialoge wie Zeitzeugen intonieren. Nun aber hat die Schweizerin Dominique de Rivaz einen deutschen Historienfilm gedreht, der ausgerechnet das strenge Preußen zu einem Vorgarten der Gegenwart macht. Nicht nur der respektlose Umgang mit der Epoche ist erstaunlich, sondern vor allem die unbeeindruckte Haltung zur Hochprominenz des Personals: Mein Name ist Bach erzählt die historisch verbürgte Begegnung von Friedrich II. und Johann Sebastian Bach im Mai des Jahres 1747. Nun mag die eidgenössische Distanz zur deutschen Hochkultur dem Sujet so gut tun wie das Fehlen einer monarchischen Vergangenheit. Doch wirkt die Freiheit, ja Frechheit, mit der de Rivaz das Zusammentreffen von Künstler und Regenten ausmalt, wie eine kleine cineastische Revolution.

Mein Name ist Bach wartet mit einer Besetzung auf, die selbst Wohlmeinende zunächst nur mit irritiertem Hüsteln kommentieren können: Vadim Glowna als Bach und Jürgen Vogel als Preußenkönig. Aber schon in den ersten Einstellungen, die Friedrichs institutionelle und Bachs natürliche Autorität vor Augen führen – man sieht dem König beim Schikanieren und Bach beim Argumentieren zu –, spürt man, dass hier der frische Wind des Pop in zwei historische Figuren fährt. Glowna spielt Bach als Familienpatriarchen mit Zottelperücke – das Hirn im Himmel und die Hand am Weinglas. Jürgen Vogels Preußenkönig hingegen stakst als neurotischer Despot durch eine Welt der Hofschranzen, Klaviere und nebenbei geführten Kriege. Der Mann besitzt die ganze Grausamkeit einer zutiefst verletzten Seele. Mal wirkt sein imperialer Gestus rührend präpotent, dann wieder kalt und furchteinflößend.

Die Begegnung zwischen preußischem Exerzierreglement und der abstrakten Schönheit der Musik inszeniert Dominique de Rivaz wie den Kampf zwischen King Kong und Godzilla. Bach, der zur Taufe seines jüngsten Enkels nach Potsdam gekommen ist, wird zum König gerufen. Der Herrscher befiehlt dem berühmten Komponisten, eine angeblich von ihm höchstselbst erfundene kleine fiese Tonfolge als sechsstimmige Fuge zu improvisieren. Bach fühlt sich gedemütigt, dreht sich um und geht. Weitere Begegnungen werden folgen, mit Sticheleien, Umtänzelungen und Herausforderungen, musikalischen und rhetorischen Duellen. Wir sehen zwei Menschen, die sich nicht mögen, aber einander nahe sind, weil sie beide auf ganz eigene Weise dem Leben enthoben scheinen. Der eine, weil er unsterbliche Musik komponiert, der andere, weil er sich als dirigierendes Subjekt der Geschichte empfindet. In diesem Kampf der Titanen wird Friedrich II., ein beachtlicher Flötist und leidenschaftlicher Instrumentensammler, seine hochwohlgeborenen Grenzen erkennen. Bach hingegen findet in den Launen des Jungmonarchen die Rebellionslust der eigenen Söhne wieder und widmet Friedrich, als zärtliches Friedensangebot, Das musikalische Opfer.

Mit seiner Mischung aus Verspieltheit und ernsthafter psychologischer Interpretation wirkt Mein Name ist Bach wie eine improvisierte Fuge für zwei Schauspieler. Der Eindruck von musikalischer Eleganz und Freiheit mag auch daher rühren, dass beide Darsteller zwar historische Rollen spielen, zugleich aber stets einen Millimeter neben sich stehen. Glowna und Vogel agieren eben nicht mit der Inbrunst abgesegneter Bedeutung, sondern mit der Unsicherheit und Offenheit absolut gegenwärtiger Figuren. So wie alles in diesem Film den Charakter eines enthusiastisch ausgebreiteten Vorschlags hat: die gemeinsam mit Vivienne Westwood entworfenen Kostüme, das mit Zetteln übersäte königliche Jungszimmer, schwule Rollenspiele und die sexuellen Eskapaden von Friedrichs Schwester Amalie. Höhepunkt der Geschichtsspekulation ist eine heimliche Jam-Session, bei der König und Künstler zu fast psychedelischem Einklang finden.

Mit Mein Name ist Bach hat Dominique de Rivaz den Kostümfilm vom Plusquamperfekt in die Möglichkeitsform überführt. Bach und Friedrich bleiben Kunstfiguren, die jede Sekunde um die eigene Wahrhaftigkeit ringen. Fast wortlos gehen sie auseinander und lassen hinter sich wieder jene Leerstelle der Geschichte, die zu füllen der Film angetreten ist. Man hat nicht die geringste Lust, daran zu zweifeln, dass ihre Begegnung genau so und kein Quäntchen anders stattgefunden hat.