Interview „Sollen wir Marokko bombardieren?“
Spaniens künftiger Außenminister Miguel Ángel Moratinos über den Terror, den „Kampf der Kulturen“ und den Krieg im Irak
die zeit: Die vergangenen Tage zeigen – Spanien bleibt im Visier der islamistischen Terroristen. Wie werden Sie reagieren? Was steckt Ihrer Meinung nach hinter der Ausweitung der Al-Qaida-Anschläge auf Europa? Der viel zitierte „Kampf der Kulturen“?
Miguel Ángel Moratinos: Diese fanatischen Gruppen wollen genau diesen Eindruck erwecken. Sie wollen uns diesen Krieg zwischen Religionen und Zivilisationen aufzwingen. Aber wir – die westlichen Demokratien – dürfen uns darauf nicht einlassen. Das heißt: Die Terroristen müssen wir mit allen Mitteln, die der Rechtsstaat zur Verfügung stellt, bekämpfen. Das heißt aber auch: Im Umgang mit der muslimischen Welt müssen wir bewusst auf deren Bedürfnisse und deren Vorstellungen eingehen, vor allem auf ihr Verlangen nach Modernität und Fortschritt. Sie wollen Teil der Neuen Welt sein, und wir müssen ihnen dabei helfen. Das ist die wirkliche Agenda. Die Agenda der Terroristen hingegen ist die Verbreitung der Idee vom Clash of Civilisations, wie in der Theorie von Samuel Huntington, die mir manchmal wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung vorkommt.
zeit: Weil die Theorie von der Wirklichkeit bestätigt wird?
Moratinos: Sie wird nicht bestätigt. Der Konflikt der Zivilisationen ist in Wahrheit ein Konflikt von Interessen. Dabei geht es um politischen Einfluss, um Macht, um Hegemonie. Kultur und Religion werden nur benutzt, um Einfluss und Macht zu gewinnen, ohne dass es wirklich um Kultur und Religion geht. Schauen Sie, was in den letzten Tagen im Irak geschah: Den Schiiten geht es um die Macht. Der religiöse Gegensatz zu den Sunniten ist nur vorgeschoben.
zeit: In Westeuropa scheinen sich einige Regierungen aber doch auf diesen Kulturkampf einzulassen. Denken Sie an den Streit um das Kopftuch für muslimische Frauen, besonders in Frankreich. Radikale Muslime, auch al-Qaida, haben das Thema begeistert aufgegriffen.
Moratinos: Für Frankreich ist das ein sehr schwieriges Thema. Mir scheint, man könnte damit auch anders umgehen, aber das republikanische Staatsverständnis der Franzosen lässt da wenig Spielraum. In Spanien ist die Kopftuchfrage eine Sache der Hausordnung der jeweiligen Schule. Das ist natürlich einfacher. Meiner Auffassung nach sollte man sich in dieser Frage nicht auf radikale Konfrontationen einlassen. Aber ich bin nicht sicher, ob ich da im Besitz der Wahrheit bin. Ich habe viele Jahre lang mit muslimischen Ländern und deren Kultur zu tun gehabt, ich kenne deren Empfindlichkeit auf diesem Gebiet.
zeit: Die Täter der Anschläge in Madrid kamen aus Marokko, der mutmaßliche Anführer aus Tunesien. Hat Sie das überrascht, hat al-Qaida ihr Netz ausgeweitet?
- Datum 07.04.2004 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 07.04.2004 Nr.16
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



