Die Amper ist ein kleiner, tückischer Fluss, der nördlich aus dem Ammersee herausläuft (vorher ist er unter dem Namen Ammer südlich in den See hineingelaufen). Normalerweise sind Flüsse stürmisch, bis sie einen See erreichen, und friedlich, wenn sie ihn wieder verlassen. Die Amper nicht. Die Amper verlässt den Ammersee mit zunehmend schlechter Laune, sie quengelt sich durch ein selbst geschaffenes Feuchtgebiet, das Ampermoos und hat spätestens kurz vor Dachau einen echten Killerinstinkt entwickelt, dem immer mal wieder jugendliche Kanu- und Schlauchbootfahrer zum Opfer fallen.

Wir wagen die These, dass die Amper der Jugend nicht wohlgesinnt ist. Denn das Ungebärdige, das Launische und Laute des Flusses, der sich mal heuchlerisch bis zum Bach verkleinert, mal zu einem reißenden Strom aufspielt, hat nichts harmlos Pubertäres, sondern etwas jähzornig Seniles. Die Amper ist wie eine unehrliche Großmutter, die sich vor den Enkeln demütigt ("Geh ruhig spielen, was willst du dich bei Oma langweilen") und am nächsten Tag die Existenz der Kinder ruiniert ("Ich habe deinen Vater enterbt"). Die Amper ist machtbewusst, will aber bedauernswert erscheinen. Deshalb liebt die Amper den Nebel, er ist ihr Altenheim, in dem sie vor sich hin schimpft.

Sie kann den Nebel mühelos selbst hervorbringen; selbst an Tagen, an denen überall sonst die Sonne scheint, kann über den Amperauen plötzlich eine Wolke liegen, auf Augenhöhe des Spaziergängers, wohlgemerkt, und vollständige Blindheit erzeugen. Stellen wir uns einmal vor, wir sind bei strahlendem Ausgehwetter auf dem S-Bahnhof Dachau angekommen und gehen jetzt aber, weil uns der Teufel reitet, nicht zum Schlossberg, wo wir ein Bierchen zischen könnten. Wir gehen auch nicht das Konzentrationslager besichtigen, denn von der Bosheit der Menschen muss man uns nicht mehr überzeugen. Wir biegen vielmehr am Bahnhof ab und bummeln durch ein locker bebautes Einfamilienhausgebiet. Noch immer scheint die Sonne. Kinder schreien, Mütter trösten, Väter scheren den Rasen. Bald kommt Oma zum Essen.

Wir aber schreiten munter fürbass, nun schon durch feuchte Wiesen, die der Frühling mit Blumen überschüttet, als wär eine Rabattschlacht unter Glockenblumen und Vergissmeinnicht ausgebrochen. Noch immer scheint die Sonne. Die ersten Bienen summen, leider auch die ersten Bremsen. Aber in das Summen mischt sich schon ein anderer, ein zischender Ton. Ein feuchter Hauch schlägt uns um die Beine, als wollte man unserem Frühlingsfieber kalte Wadenwickel verordnen. Mit anderen Worten: Vor uns liegt die Amper. Und schon bedeckt sich auch der Himmel. Wir könnten umkehren, aber nein, wir wollten ja, nachdem wir das Menschenböse ausgeschlagen haben, unbedingt das Naturböse besichtigen.

Es kündet sich mit einem dichten Bewuchs verkrüppelter Weiden an, die den Lauf auf beiden Seiten vor der Zivilisation abschirmen. Durch diese Weiden müssen wir hindurch. Fuchseisen sind nichts gegen die Fallen, die sich aus Weidenzweigen und -wurzeln bilden. Es gibt eine berühmte englische Gespenstergeschichte, in der ein Mann bei dem Versuch, die Weide in seinem Vorgarten zu fällen, von dieser in den Tod gezogen wird. An der Amper kann man erfahren, dass diese Geschichte höchst realistisch ist und zu Unrecht in das Spukgenre sortiert wurde. Denn inzwischen ist auch der Ampernebel aufgezogen, wir sind mehrmals gestürzt, Lehm hat sich auf den Hosen (übrigens auch auf der Oberlippe) niedergelassen, und wir können den Fluss nur mehr nach dem Gehör orten.

Plötzlich ist er dann aber da. Er schießt gurgelnd unter den Weiden durch, immer mal wieder den einen oder anderen Strauch entwurzelnd, ohne jede Dankbarkeit gegenüber seiner Leibgarde. Die Amper ist in Bestform, zu äußerster Wut aufgestachelt durch die Autobahn- und die Landstraßenbrücken, unter die sie gezwängt wurde. Sie ärgert sich auch immer wieder aufs Neue über den kindischen Dachauer Versuch, ihr in der alten Wasserkraftanstalt eine Zwangsjacke anzulegen. So leicht lässt sich Oma nicht entmündigen ("Sag das deinem Vater!"). Die Amper, kurzum, diese Großmutter aller bayerischen Flüsse, ist nicht zu zähmen. Ihre Widersetzlichkeit ist nicht romantisch, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Aber sie hat doch die Seltenheit des Erhabenen im Sinne von Schiller. Denn das Naturböse ist, nachdem das Menschenböse so überhand genommen hat, etwas sehr Kostbares geworden.