Als Sebastian Haffner Anfang Januar 1999 im Alter von 91 Jahren in Berlin starb, da war er fast vergessen. Denn seit seinem letzten großen Buch Von Bismarck zu Hitler (1987) hatte er kaum noch etwas publiziert. Doch dann veröffentlichte die Deutsche Verlags-Anstalt im Herbst 2000 aus dem Nachlass die frühe Autobiografie Geschichte eines Deutschen, die er 1939, im ersten Jahr des englischen Exils, geschrieben hatte. Sie wurde zu einem sensationellen Erfolg, und seitdem ist Haffners Ruhms größer als jemals zuvor. Fast zu allen seinen Werken gibt es inzwischen neue Auflagen; dazu erschien im kleinen Berliner Transit Verlag eine zweibändige Auswahl von Artikeln, die Haffner zwischen 1942 und 1960 als Redakteur und späterer Korrespondent des Observer verfasste. Manchmal mochte man sich fragen, welche Überraschungen der umfangreiche Nachlass im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde wohl noch bereithält.

Nun hat Klaus Peter Schmied (der an einer großen Haffner-Biografie arbeitet) die Feuilletons herausgegeben, die der gelernte Jurist damals noch unter seinem Geburtsnamen Raimund Pretzel zwischen 1933 und 1938 geschrieben hat – zunächst für die liberale Vossische Zeitung, die alte „Tante Voss“, und nach deren Ende im März 1934 für Unterhaltungsblätter wie Die Koralle oder das Modemagazin Die Dame, allesamt Produkte des „arisierten“ Ullstein Verlags. (Zwanzig der über siebzig Stücke werden hier erstmals aus dem Nachlass veröffentlicht). Haffner selbst hat diese journalistischen Arbeiten, die er neben seiner zeitweiligen Beschäftigung als Anwalt verfertigte, später als „harmloses, snobistisches Zeug“ abgetan. Doch das war eine Untertreibung, zu der er neigte, wenn es um die eigenen Werke ging. Denn tatsächlich zeigen diese scheinbar belanglosen Skizzen, Glossen und Kolumnen bereits einen erstaunlich stilsicheren, scharf beobachtenden Autor – einen Meister der kleinen Form. Der Ton erinnert an die großen Berliner Feuilletonisten, an Alfred Kehr, Victor Auburtin, Franz Hessel, Walther Kiaulehn.

Zumeist ist es der Alltag, der Haffner den Stoff liefert. Gern spießt er hartnäckige Gewohnheiten auf – die Neigung zum Beispiel, das neue Jahr mit guten Vorsätzen zu beginnen oder die Mitmenschen aus dem Urlaub mit Ansichtspostkarten zu traktieren. Mit Vorliebe nimmt er auch menschliche Schwächen und Laster aufs Korn, die sich freilich unter seinem liebevollen Blick nicht selten in Vorzüge und Tugenden verwandeln. Er preist die Zigarette, „die Freundin der Geselligkeit“, lobt die Unpünktlichkeit und das „Rumliegenlassen“ als besonders menschenfreundliche Eigenschaften und ermuntert ausdrücklich zum Müßiggang. „Mit Muße durchs Leben zu gehen ist eine Kunst – eine aussterbende Kunst, wie es leider scheint.“ Das könnte auch heute geschrieben sein.

Skeptische Betrachtungen über manche Erscheinungen der modernen Technik stehen neben melancholisch gefärbten Kindheitserinnerungen; Berichte aus dem Berliner Kultur- und Vergnügungsbetrieb wechseln mit Reiseskizzen, die den Sohn aus liberalem bildungsbürgerlichen Hause als einen neugierigen, weltläufigen jungen Mann ausweisen.

Die Vielseitigkeit der Themen und Interessen ist frappierend; noch erstaunlicher ist, wie dieser Autor es verstanden hat, seine Sprache freizuhalten von den Einflüssen des zeitgenössischen ideologischen Jargons, jener Lingua Tertii Imperii, zu der der Dresdner Romanist Victor Klemperer damals das Material zusammentrug. Ganz selten einmal, dass sich ein Begriff wie „Volksgenosse“ einschleicht.

Verschlüsselte Botschaften

Bei genauerem Lesen zeigt sich überdies, dass die Feuilletons gar nicht so unpolitisch sind, wie sie sich geben. In vielen, nicht in allen macht Haffner durch versteckte Anspielungen und verschlüsselte Botschaften seine Ablehnung der politischen Verhältnisse im „Dritten Reich“ deutlich. Das Paradebeispiel ist eine in der Vossischen Zeitung vom März 1934 veröffentlichte Glosse, die dem Buch den Titel gab: Das Leben der Fußgänger. Darin werden die verschiedenen Möglichkeiten geschildert, auf den Dschungel des Großstadtverkehrs zu reagieren: von vorsichtig-korrekter Beachtung der Regeln über das panikartige „Rette sich, wer kann“ bis hin zum Versuch, „die Menschenwürde der Fußgänger hochzuhalten, die kaltblütig, mit Todesverachtung, den Kampf gegen die Übermacht aufnehmen“. Deutet man diesen Text als Allegorie auf den NS-Staat, wofür einiges spricht, so ist hier bereits in nuce jene Duellsituation zwischen dem Individuum und der totalitären Diktatur enthalten, die Haffner in seiner Geschichte eines Deutschen in den Mittelpunkt rücken sollte.