Reformen Auf dem Wege zu einem neuen Gesellschaftsvertrag
Da traut sich einer was. Da kommt einer unerschrocken aus der Deckung und stellt sich der politischen Kontroverse. Da macht sich einer angreifbar, weil er findet, es sei allerhöchste Zeit, dass sich die nachwachsenden Intellektuellen dieses Landes endlich mit Inbrunst einmischen in die „öffentlichen Dinge“ ihres Gemeinwesens. hat der junge Bremer Historiker und Essayist Paul Nolte deshalb sein neues Buch genannt – mit voller Absicht und mit vollem Risiko. Auf den ersten Blick erscheint der Titel gleich doppelt verwegen, ja geradezu vermessen. Zumindest muss einigen Mut und beträchtliches Selbstbewusstsein mıtbringen, wer nach all den vielen schnell hochgejubelten und ebenso rasch verblühten Generationen der jüngeren Vergangenheit (von der Generation Berlin bis zur Generation Golf) ein weiteres Mal den bevorstehenden Aufbruch einer generationellen Erfahrungsgemeinschaft verkündet.
Und was spräche wohl erst dafür, dass sich eine neue Generation ausgerechnet unter dem Panier der „Reform“ versammeln wollte? Früher, ja früher, so erklingt in diesen Monaten allenthalben das larmoyante Klagelied, da habe das Wort Reform noch geleuchtet. Da habe es immer mehr soziale Wohltaten für immer mehr Menschen verheißen. Doch dieser positive Gehalt des Begriffs sei heute, da es nichts mehr zu verteilen gebe, nun einmal verflogen. Warum also werde sich da irgendwer hinter ein Motto scharen wollen, das doch offensichtlich heute einen völlig anderen Sinn habe als etwa in der alten Reformära der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts?
„Eben deshalb“, würde Paul Nolte darauf so selbstbewusst wie zuversichtlich entgegnen. Gerade weil die alten Denkmuster und Paradigmen des 19. und 20. Jahrhunderts längst nicht mehr taugten, müssten – und könnten – wir unsere Kategorien und Maßstäbe heute ganz neu ordnen, unsere Ziele und Prioritäten zeitgemäß bestimmen. „Es geht um nicht weniger als die Ankunft in den schwierigen Realitäten des 21. Jahrhunderts“, schreibt Nolte. Angesichts der grundstürzenden Veränderungen auf allen Ebenen unserer Gesellschaft, in Wirtschaft, Kultur und Mentalitäten, sei es völlig sinnlos, an anachronistisch gewordenen Vorstellungen festzuhalten: „Meine These ist, dass sich unsere Gesellschaft in den letzten zwei, drei Jahrzehnten fundamental gewandelt hat, ohne dass wir diese Veränderungen zur Kenntnis genommen haben, ohne dass wir über die Kategorien verfügten, diesen Wandel einigermaßen zu verstehen und zu beschreiben.“ Um überhaupt Vorstellungen von einer „guten Ordnung“ für das 21. Jahrhundert entwickeln zu können, so Nolte, brauchten wir heute nicht weniger als einen „Systemwechsel des Denkens, ein neues Strickmuster unseres Gemeinwesens, einen neuen ,Gesellschaftsvertrag‘“. Verantwortung und Gemeinsinn, Freiheit und Gerechtigkeit heißen die Schlüsselbegriffe, anhand derer Nolte die Koordinaten seines „Reformprojekts einer neuen bürgerlichen Gesellschaft“ umreißt. Nicht schrecken müsse dabei jedenfalls das „verschlissene Feindbild“ des Neoliberalismus, jene „Panzersperre aller Reformverhinderer“. Die alten Alternativen seien die falschen; heute benötigten wir „mehr Freiheit und mehr Gemeinschaft zugleich“.
Paul Nolte hat die Krise der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft so scharfsinnig, so eindringlich und mit so viel historischer Tiefendimension ausgeleuchtet wie vor und neben ihm kaum ein anderer. Das prädestiniert ihn zum intellektuellen Fähnleinführer jener einstweilen noch latenten politischen Generation Reform, deren bevorstehende Formierung er beschwört. Sie täte gut daran, nun tatsächlich auf den Plan zu treten. Nicht so sehr, damit der Autor Recht behält. Sondern um ihrer eigenen Zukunft und jener ihrer Kinder willen.
Paul Nolte: Generation Reform Jenseits der blockierten Republik Verlag C. H. Beck, München 2004; 256 S., 12,90 €Generation Reform: Jenseits der blockierten RepublikGesellschaftPolitisches BuchPaul NolteBuchC. H. Beck Verlag2004München12,90256
- Datum 07.04.2004 - 14:00 Uhr
- Serie politisches buch
- Quelle (c) DIE ZEIT 07.04.2004 Nr.16
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