gesellschaft Therapie der Extreme
Der israelische Psychotherapeut Yoram Yovell behandelt Patienten, die unter der alltäglichen Terrorgefahr, Krieg und den Erinnerungen an den Holocaust leiden
Wie soll sich ein Psychotherapeut verhalten, dessen Praxis zu einer Kampfzone umfunktioniert wird? Von einem seiner Patienten, erzählt Yoram Yovell, wurde er regelrecht gehasst. Amin Choury, ein palästinensischer Israeli, attackierte seinen Therapeuten mit Beschimpfungen und machte ihn für alle Übergriffe der Armee in den Palästinenser-Gebieten verantwortlich. Außerdem sprach ihm Choury seine beruflichen Fähigkeiten ab – und erschien trotzdem brav dreimal die Woche zu seinen Terminen. Das kann dem fähigsten Therapeuten an die Nieren gehen.
„Wir befanden uns im Kriegszustand, so viel war klar“, sagt Yovell. Nach Dutzenden von Sitzungen, die keinerlei Besserung brachten, überlegte er, Amin an einen Kollegen zu überweisen. Käme er nicht mit einem Araber oder Europäer besser zurecht? „Warum sucht er sich ausgerechnet einen israelischen Juden?“, fragte sich Yovell. Ratlos wollte er aufgeben, die Behandlung abbrechen. Aber siehe da – als der Therapeut seinen Patienten mit dieser Absicht konfrontierte, wendete sich das Blatt. Plötzlich zeigte sich der junge Mann kooperativ und offenbarte eine höllische Angst, von seinem verhassten Gegenüber abgelehnt zu werden.
In der Analyse schälte sich ein Schicksal heraus, wie es wohl nur im Nahen Osten möglich ist: Der blonde Araber wurde nach seiner Geburt zur Adoption freigegeben und war seither fest davon überzeugt, dass seine leibliche Mutter eine Jüdin war. Und auf diese Mutter, die ihn weggab, entwickelte Choury einen unbändigen Hass, den er auf alle Menschen in seiner Nähe übertrug.
Nirgendwo sonst prägen so viele Dramen die Biografien wie in Israel – der Konflikt mit den Palästinensern, Holocaust, Flüchtlings- und Immigrantendasein, Krieg und täglicher Terror. Würde man ein Dach über dem Land errichten, lautet dort eine gängige Redewendung, ergäbe das eine geschlossene Anstalt. Einblicke gewährt Yovells Buch Der Feind in meinem Zimmer (Goldmann Verlag), das sich in Israel 120 Wochen lang auf der Bestsellerliste behauptete und jetzt auf Deutsch erschienen ist. Darin schildert der 45-jährige Psychoanalytiker anhand von Fallbeispielen seinen Berufsalltag, webt Erkenntnisse der Psychologie, Psychiatrie und der Gehirnforschung ein und dokumentiert eine in vieler Hinsicht „verrückte“ Realität.
Das Ausmaß an Bedrohung, der Israelis täglich ausgesetzt sind, lässt sich mit europäischen Verhältnissen nicht annähernd vergleichen. Doch das heiße nicht, dass jeder Israeli therapiert werden müsse, sagt Yovell. Das Leben verlaufe – anders als die Fernsehbilder suggerieren – „erstaunlich normal“. Die meisten Menschen besäßen den Willen und die Stärke, einfach weiterzumachen. Dieses Durchhaltevermögen führt der Psychotherapeut einerseits auf das Gefühl vieler Israelis zurück, keine andere Wahl zu haben; zum anderen sei es ein Erbe des Holocaust. „Wir Juden sind nicht in erster Linie nach Israel gekommen, um sicher, sondern um frei zu sein.“
Yoram Yovell hat den Weg zur Psychoanalyse über die Medizin gefunden. Nach dem Studium in Jerusalem promovierte er als Neurobiologe am Weizmann-Institut in Rechovot. Danach ließ er sich an der Columbia-Universität in New York zum Psychiater und Psychoanalytiker ausbilden, wo er unter anderem mit dem späteren Medizin-Nobelpreisträger Eric Kandel zusammenarbeitete. Doch Yovells erster Lehrmeister war sein Großvater gewesen, der aus Nazideutschland vertriebene Gelehrte Jeschajahu Leibowitz. Mit dem israelischen Philosophen, Biochemiker und Neurophysiologen hatte Yovell bereits als Jugendlicher über das Rätsel der menschlichen Psyche und die Verbindung von Seele und Körper debattiert.
Heute liegt Yovells Praxis nur wenige Kilometer von Jerusalem entfernt. Auf 15 Quadratmetern, ausgestattet mit zwei bequemen Ledersesseln und einer grauen Couch, spielen sich die Dramen ab, die mit seiner Hilfe ein gutes Ende nehmen sollen. Seine wichtigsten Hilfsmittel, sagt der Therapeut, seien Papiertaschentücher und die geschlossene Tür. Beides vermittle das Gefühl eines sicheren Hafens. „Das ist wichtig, um mit sich selbst, aber auch mit den anderen Frieden zu machen.“
Traumatisiert sind hier alle
- Datum 07.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 07.04.2004 Nr.16
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