SprachwissenschaftSprache färbt und tönt das Denken

Der Linguist Jürgen Trabant streift durch die Geschichte auf der Suche nach dem Sinn der Worte von Helmut Böttiger

Der große französische Klassiker Jean Racine bekannte 1673, es gebe „kaum einen bekannteren Namen als den des Mithridates“, und auch der junge Mozart wagte sich an eine Oper, die Mitridate hieß. Der unaussprechliche Name im Titel dieses Buches war also zeitweise gar nicht so unaussprechlich, und seit der ersten Sprachenzyklopädie überhaupt, 1555 von Conrad Gesner, hat man alle derartigen Bücher einfach als einen „Mithridates“ bezeichnet: Da muss einmal etwas gewesen sein.

Es gab einen Herrscher dieses Namens am Schwarzen Meer, der sich zwischen 132 und 63 vor Christus als Letzter den imperialen Machtbestrebungen der Römer widersetzte und heftige Gegenwehr leistete. Legendär wurde er durch die 22 verschiedenen Sprachen, die er gesprochen haben soll; er sprach mit den ihm unterlegenen Völkern in deren Worten und zwang ihnen nicht eine hegemoniale Einheitssprache auf.

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„Mithridates“ und „Paradies“ sind die beiden zentralen Begriffe in der Geschichte des Sprachdenkens , die der Berliner Romanist Jürgen Trabant geschrieben hat, und sie stehen für gegensätzliche Ansätze, mit Sprache umzugehen, und die erbitterten Auseinandersetzungen darum dauern bis heute an. Wäre es besser, es gäbe bloß eine Sprache, um alle Verständnisschwierigkeiten zu vermeiden? Oder liegt gerade in der Vielzahl der menschlichen Sprachen eine außerordentliche, sinnliche Qualität der Erkenntnis? Das Paradies jedenfalls war unter anderem dadurch ausgezeichnet, dass es dort keine Sprachverwirrung gab. Diese begann erst mit dem Sündenfall, und in dessen Gefolge wurde der Turmbau zu Babel zum Inbegriff des Schreckens: Die Sprache splitterte sich in lauter verschiedene, unverständliche Einzelsprachen auf.

Humboldt, der Hausheilige

Die Vorstellungen, die mit dem sprachlichen Paradies verbunden wurden, änderten sich im Lauf der Geschichte beträchtlich. Es durchzieht sie aber ein roter Faden, der als grundsätzliche Sprachkritik sichtbar wird – vom Verdacht Platons, dass die Sprache bei der wahren Erkenntnis stört, bis zu den harten wissenschaftlichen Empirikern, denen alles Vage und Uneindeutige grundsätzlich suspekt und die Sprache deshalb nur Mittel zum Zweck ist. Trabants Ansatz ist also überaus aktuell. So, wie er den Wissenschaftsbegriff diskutiert, greift das mitten hinein in die heutigen Krisendebatten und Bildungsnotstände.

Die Perspektive verlagerte sich ständig, von Aristoteles’ Diktum, dass die Wörter bloß lautliche Erscheinungsformen seien, aber nichts selbst bedeuteten, bis zur römischen Glanzzeit, in der die Rhetorik wichtiger war als die Philosophie. Richtig spannend wird es für den Sprachwissenschaftler aber erst bei Dante. Die Stadtkultur der italienischen Renaissance lebt mit dem Gegensatz zwischen der Gelehrtensprache Latein und der Volkssprache, und diese wird in De vulgari eloquentia von Dante zum ersten Mal offensiv gefeiert. Das Geschichtliche ist nichts Bedrohliches mehr, es entwickelt vielmehr einen Freiraum, der auch sprachlich ausgefüllt werden kann. Nach Dante verschwindet die Volkssprache allerdings wieder in der Versenkung, die Humanisten verwirklichten sich vornehmlich in Latein.

Warum das so war, diskutiert Trabant nicht in besonderem Maß, hier wären einige soziologische Einlassungen durchaus interessant gewesen. Doch diesem Autor geht es eher um den Sprachwitz selbst und um die Rolle der Sprache für das Denken. Sind die Wörter unumstößliche Faktoren des Denkens oder bloß austauschbare Signifikanten, die der Wissenschaft hinderlich sind – dieser Streit wird zu einem dynamischen Prozess, und trotz einzelner Etappensiege verschiedener Seiten – Locke, Descartes, Condillac, Vico – endet die Sache immer unentschieden. Eine Verbindung der Gegensätze leistet vorübergehend Wilhelm von Humboldt, der wohl als Jürgen Trabants Hausheiliger gelten kann. Humboldt spricht den Sprachen einerseits die Fähigkeit zu, die Welt zu erfassen und die Dinge zu benennen, andererseits hebt er ihre jeweilige „Eigenthümlichkeit“ hervor.

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