Wenn ihre Geschichte stimmt, dann waren sie einfach nicht billig genug. Dann wurden sie geschlagen, sodass einige von ihnen ins Krankenhaus mussten. Dann wurden sie mit einer Waffe bedroht und eingeschüchtert. Und das alles, weil sie den versprochenen Lohn forderten für ihre harte Arbeit auf einem deutschen Schlachthof. Diese Geschichte wäre vielleicht nie bekannt geworden, wenn sich die rumänischen Arbeiter nicht einem deutschen Gewerkschafter anvertraut hätten.

Zunehmend interessieren sich auch staatliche Ermittler für deutsche Schlachthöfe. Im November vergangenen Jahres durchsuchten rund 300 Beamte von Zoll, Staatsanwaltschaft, Polizei und Arbeitsämtern Büros, Wohnungen und Geschäftsräume in Nordrhein-Westfalen und Niedersachen, um herauszufinden, was wirklich los ist in hiesigen Betrieben. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Oldenburg Anklage gegen einen westfälischen Fleischermeister erhoben – wegen des Verdachts der vielfachen Schleusung von osteuropäischen Arbeitern auf deutsche Schlachthöfe. Er sitzt in Untersuchungshaft.

Die Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Schleuser führten die Fahnder auf die Spur der D&S Fleisch GmbH im niedersächsischen Essen. Es ist ein großer Schlachthof mit rund 1200 Beschäftigten. Dem Geschäftsführer Herbert D. wirft der Staatsanwalt vor, über einen Zeitraum von mehr als vier Jahren "illegal rumänische Arbeiter ohne Arbeitserlaubnis zu Dumping-Löhnen beschäftigt" zu haben. Auch Herbert D. wurde gerade angeklagt, möchte sich gegenüber der ZEIT aber nicht zu den Vorwürfen äußern.

Er ist wohl nicht der Einzige, der sich unangenehme Fragen nach den Arbeitspraktiken der Fleischindustrie gefallen lassen muss. "Das ist in der Branche weit verbreitet. Auf Schlachthöfen ist die Lage fast noch schlimmer als auf dem Bau", sagt der Betriebsrat eines großen Fleischkonzerns. Franz-Josef Möllenberg, der Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), spricht von "Lohnsklaverei im großen Stil".

"Zusammengepfercht in einem Haus voller Kakerlaken"

Heimische Schlacht- und Zerlegebetriebe liefern sich einen rücksichtslosen Preiskampf. "Zu viele Schlachthaken" sind die Ursache – jeder dritte Betrieb dürfte überflüssig sein. Deshalb wollten die deutschen Schlachthöfe in den neunziger Jahren einvernehmlich Fabriken schließen, doch sie konnten sich nicht einigen, wer zuerst zumacht. Ende März hat die EU-Kommission die Übernahme von Nordfleisch durch die niederländische Bestmeat erlaubt. Dadurch entsteht der zweitgrößte Schlachtkonzern Europas, und es ist ein Zeichen dafür, dass die fällige Marktbereinigung langsam beginnt.

Bis sie abgeschlossen ist, nutzen die Einkäufer der großen Handelsunternehmen die Situation aus. "Die fragen gar nicht mehr, wie viel das Fleisch kosten soll – die sagen nur noch, wie viel sie zahlen", klagt ein Schlachthof-Manager. Das Diktat des Handels ist mächtig: Mit billigem Fleisch locken sie Kunden am Samstag in ihre Supermärkte. Fast die Hälfte aller Braten, Schinken, Schnitzel und Steaks zählt mittlerweile zur so genannten Aktionsware – preisreduzierte Blickfänger, die in den Zeitungsbeilagen angepriesen werden. Discounter bestimmen dort die Preise. Zusammen haben sie einen Marktanteil von 13 Prozent bei Schweine- und Rindfleisch, bei Geflügel und Wurst sogar von 40 Prozent; Lidl verkauft schon billiges Fleisch, Aldi testet noch. Um der rasant wachsenden Marktmacht der Billigheimer etwas entgegensetzen zu können, müssen auch klassische Supermärkte ihr Fleisch immer billiger anbieten. Die Zentrale Markt- und Preisberichtstelle für landwirtschaftliche Erzeugnisse hat den Verfall der Preise im vergangenen Jahr dokumentiert: Rinder- und Schweinefleisch minus fünf Prozent, Geflügel minus sechs Prozent, Wurst minus sieben Prozent.

Der Geschäftsführer von D&S möchte nicht sagen, an welche Supermärkte oder Discounter Fleisch aus seinem Betrieb geliefert wurde. Aber wie alle anderen muss auch er zu konkurrenzfähigen Preisen liefern. Ein beliebter Trick dazu: das gezielte Umgehen von internationalen Verträgen. Heraus komme "gewerbsmäßiger Menschenhandel, wie man ihn bislang nur im Fall von eingeschleusten Prostituierten kannte", sagt Gewerkschaftschef Möllenberg. Möglich machen das Abkommen mit komplizierten Namen – eines davon ist die "Vereinbarung zwischen der Regierung der Bundesrepublik Deutschland und der Regierung von Rumänien über die Entsendung rumänischer Arbeitnehmer aus in Rumänien ansässigen Unternehmen zur Beschäftigung auf der Grundlage von Werkverträgen". Ähnliche Verträge existieren auch mit anderen osteuropäischen Ländern. Deren Inhalt ist vergleichbar: Osteuropäer dürfen in Deutschland nicht arbeiten – es sei denn als Angestellte eines osteuropäischen Unternehmens. Dann können sie als so genannte Werkvertragsarbeiter in deutsche Betriebe geschickt werden, bleiben aber Angestellte ihres Heimatunternehmens. Deutsche Schlachthöfe schließen lediglich Verträge mit diesen Unternehmen. Offiziell ist die Zahl der Arbeiter begrenzt, auf etwa 5000 in der Fleischbranche. Die meisten davon werden wahrscheinlich Tiere töten und zerlegen – wie insgesamt rund 30000 Menschen in Deutschland. Es ist eine harte Arbeit, "dafür braucht man Leute, die Blut sehen und eine Säge bedienen können", sagt ein Fleischer.