Tagebücher Das Leben ist ein Ausnahmezustand

Einzelkämpfer in der Wolfsgesellschaft. Die erhellenden Tagebücher des jungen Rechtsgelehrten Carl Schmitt

Zu den ungelösten Rätseln der deutschen Geistesgeschichte, so meinte einmal der Religionsphilosoph Jacob Taubes, gehört die Besinnungslosigkeit, mit der Intellektuelle wie Carl Schmitt dem Nationalsozialismus in die Hände arbeiteten. Schmitt war keineswegs ein harmloser Mitläufer oder lediglich in das NS-System „verstrickt“ Vielmehr legte der am 1. Mai 1933 symbolträchtig in die NSDAP eingetretene Staatsrechtler einen bis heute unfassbaren apologetischen Eifer an den Tag. Bis zum Dezember 1936, so der Rechtswissenschaftler Bernd Rüthers, verfasste Carl Schmitt nicht weniger als 40 Beiträge und Artikel darunter Texte, die „die Herrschaft der Nationalsozialisten selbst dort begeistert rechtfertigten“, wo es sich, wie im Juni 1934, um „85 von Hitler befohlene, feige Morde“ an „Stabschef“ Röhm und Teilen der SA-Führung handelte.

Aus welchen antidemokratischen Versatzstücken und „abendländischen“ Affekten sich das Schmittsche Denkgebäude damals zusammensetzte, ist hinlänglich erforscht. Weniger bekannt ist, welche biografischen Erfahrungen und prägenden Erlebnisse Eingang in das Werk fanden. Gibt es gar eine Wechselwirkung aus geschichtlicher Erfahrung und rechtsphilosophischer Theorie?

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Über diese Fragen können Schmitts hervorragend edierte Tagebücher Aufschluss geben, die er vom Oktober 1912 bis Februar 1915 verfasst hat. Schmitt, 1888 im sauerländischen Plettenberg geboren, lebte damals als Student der Rechtswissenschaften in Düsseldorf und musste sich seinen Unterhalt mühsam in Kanzleien verdienen. Nebenher, meist in den frühen Morgenstunden, schreibt er ein Buch über den Wert des Staates und die Bedeutung des Einzelnen, auch Aufsätze und Satiren, zum Beispiel über seinen Intimfeind Thomas Mann. Eine „innige Freundschaft“ verbindet Schmitt mit dem mystischen Dichter-Vagabunden Theodor Däubler (1876 bis 1934), dessen Nordlicht- Epos zum Stern seiner literarischen Jugend wurde.

Der „Stern“ seines Lebens aber ist die Tänzerin Pawla Carita Maria Isabella von Dorotic. Die Beziehung zu „Cari“, die angeblich aus „einem berühmten kroatischen Adelsgeschlecht“ stammt, ist für Schmitt keine Affäre, sondern die große, „einzige“ und ewige Liebe. Cari ist das Geschenk des Himmels und ein Zeichen Gottes, bejubelt in Hunderten von Briefen und Tagebucheintragungen. „Mein Herz klopft vor Sehnsucht und meine Seele blutet wie das Abendrot.“

Die Geliebte ist eine Hochstaplerin und verschwindet samt Hausstand

Die Beziehung zu Pawla Dorotic ist das heimliche und bewegende Zentrum des Tagebuchs. Pedantisch vermerkt Schmitt alle nächtlichen „Unartigkeiten“, jede Missstimmung und jede Aussöhnung. Mal ist Cari, die so schön „beten kann“ und so „fleißig Strümpfe strickt“, das ätherische Inbild einer lichten und gesicherten Zukunft; mal lässt ihre Imago seinen Alltag noch düsterer erscheinen, als er ohnehin schon ist. Aber stets ist die Geliebte mit ihrer „hingebenden, zärtlichen Herzlichkeit“ ein rettender „Engel“. In Wirklichkeit war sie eine Hochstaplerin von Graden. Nach „Kriegstrauung“ und kurzer Ehe verschwindet Pawla Dorotic aus Schmitts Leben, mitsamt Hausstand und einem großen Teil der Bibliothek.

Schmitt leidet wie ein Hund, ohnehin sind seine frühen Jahre eine Plackerei und eine Kette von Demütigungen. Geld hat er nie, Geld haben immer nur die anderen. „Hatte kein Geld mehr, aß für 25 Pfennig auf dem Bahnhof zu Abend“. Schmitt muss für Cari sorgen, obwohl es nicht einmal für ihn selbst reicht. „O Gott, was soll aus mir werden? Wovon soll ich leben? (…) Ich armer Junge, der Zielpunkt der Pfeile des Schicksals, ich vielgeschlagener Unglücksrabe.“ Schmitt hat zwar einen reichen Gönner, den Zentrumsabgeordneten und Geheimrat Hugo am Zehnhoff, aber dieser ist ihm aus ganzem Herzen zuwider. In finanziellen Dingen gelingt nichts. Als er sich als Zwischenhändler für Tuchwaren verdingt, wird er über den Tisch gezogen und geht fast leer aus. Am Ende fühlt sich Schmitt von der ganzen Welt betrogen, sogar von seinen Zimmerwirtinnen, die falsche Rechnungen schreiben oder Sachen unterschlagen. „Die Wäsche kam, es fehlte wieder ein Hemd. Ich wurde rasend und geriet in Wut; Ernährungssorgen, Verzweiflung, kleinmütig.“ In den Monaten vor Kriegsausbruch gehen ihm die Selbstmordgedanken nicht aus dem Kopf. Schmitt will in den „Mutterschoß zurück“ und „seinen Eintritt ins Leben wieder rückgängig machen“. Als sein Freund Eisler im Frankreich-Feldzug stirbt, verliert Schmitt den Boden unter den Füßen. Dann liest er Kierkegaard und fühlt sich erkannt. Und gerettet.

Der jähe Wechsel aus Sentimentalität und Härte, Mitgefühl und Verachtung ist typisch für den jungen Schmitt. Mal zerfließt er in kosmischer Liebe zu Cari, dann wieder gefrieren seine Sätze in eisiger Kälte. Von Ehrgeiz zerfressen, überreizt und fiebrig, giert er nach Anerkennung, will berühmt werden, taxiert seine Gegner und empfindet ein „großes Machtbedürfnis“. „Ich raste herum, auf dem Bett, wahnsinnig vor unsinniger, vernichtender, vernichtungssüchtiger zweckloser Gier.“ Dann wieder fühlt er sich „müde, gedrückt, jedem unterlegen und feige und furchtsam“. Die Welt ekelt ihn an und hat sich gegen ihn verschworen. Überall schlägt ihm Feindseligkeit entgegen, die Zeitgenossen sind „wandelnde Würste und schwänzelnde Giftpilze“. Eine Ausnahme macht Fritz Eisler, sein Freund. Aber Eisler ist Jude, und eigentlich mag Schmitt „die Juden“ nicht. Begegnet er jedoch einem „wilhelminischen Spießer“, sind ihm die Juden wieder lieber. Sie „können doch Prachtkerle sein, was ich gar nicht gedacht hatte“.

Es wimmelt von Feinden, es herrscht tödlicher Ernst

Es bleibt dabei, die Welt ist Feindesland. Wie viel „Neid, Wut, Haß und Eifersucht, ja Ekel die Leut voreinander empfinden; zähle das alles zusammen, die Erde ist bedeckt davon.“ Nicht einmal seine Familie ist ihm ein Trost. Den Vater empfindet Schmitt als Feigling, für seine intrigante und herzenskalte Mutter hat er nur Verachtung übrig („abscheulich, gemein, lasterhaft, böse“).

Auch eine (katholische) Kapitalismuskritik ist Schmitt durchaus geläufig. „Der Kapitalismus als die Herrschaft des Mittels geht hilflos an sich selbst zugrunde, weil uns alle Zwecke fehlen.“ In der sündigen Welt des Kapitalismus vertauschen die Menschen die Vorzeichen des Lebens. Sie „beten die Mittel an“ und haben die „letzten Zwecke vergessen“. Man weiß nicht genau, was für Schmitt die letzten Zwecke sind, aber was die erste Wahrheit ausmacht, erfährt man schon. Die „tiefere Wahrheit“ ist, dass menschliches Leben in Kampf und Niederlage besteht, in Schmach und Demütigung. „Heftig geweint über die Sorgen und den Kampf des Erdendaseins“. Alles „ist ein Kämpfen, und das Leben ist im tieferen Sinne ein Kampf“, und zwar mehr, als die Menschen „glauben“.

Unablässig beschreibt Schmitt die Gesellschaft als Fortsetzung der Naturgeschichte mit anderen Mitteln. Es wimmelt von Feinden, und das Leben „ist ein Kampf und eine Belohnung für den Kampf, der zurückliegt. Der Kampf des Fötus um die Existenz, der Spermatozonen…“ Das Leben, „die anderen Menschen, die Umstände, die Zeit (sind) wie der Stahl, der auf der Drehbank liegt“. Der Einzelne „ist das scharfe Messer, das schneidet. Ist es hart genug, so formt es sich den Stahlklumpen, sonst zersplittert es elend und hilflos an dem Stahl.“ Oder prägnanter: „Homo homini lupus.“

Aufschlussreich ist, in welchen weltanschaulichen Mustern Schmitt seine Erfahrungen mit der kapitalistischen Wolfsgesellschaft verarbeitet. Linke Utopien oder christlich motivierte Zukunftsentwürfe bleiben ihm dabei vollständig fremd. Was ihn fasziniert und ihm den Schlaf raubt, sind Schriften über die Gnosis, also Bücher, die davon handeln, dass der Teufel bei der Erschaffung der Welt die Hand im Spiel hatte. Der dämonische Schöpfer- und der rettende Erlösergott können nicht identisch sein. „Über gnostische Sekten gelesen, meinen Dualismus mit großem Interesse wiedergefunden.“

Die gnostischen Autoren, ihre Rede von der heillosen Zeit und dem Fluch des Daseins, scheinen ihm aus der Seele zu sprechen. Denn wenn sich, wie Schmitt am eigenen Leib erfahren hatte, im täglichen Überlebenskampf die „Wahrheit“ des Daseins entbirgt, dann ist Gottes Schöpfung vom Teufel verhext. Genau diese „tiefere Wahrheit“ aber wird vom Kapitalismus verdrängt. Das „Zeitalter der Reklame, der Manager, der Zeitungen, des Geschwätzes“ entlässt einen dämonischen Schein, der die Menschen vom tödlichen Ernst ihrer Existenz ablenkt. Daraus bestimmt sich für Schmitt auch das „Böse“. Es entsteht nicht aus dem Unrecht; es besteht vielmehr darin, in die „Masse“ einzuwilligen und die Wahrheit des Lebens zu vergessen, den ewigen Kampf und den tödlichen Ernst. Schmitt hatte die Gesellschaft als permanenten Krieg erfahren, und so war ihm die Idee ihres Friedens unvorstellbar geworden.

Mit ein wenig Übertreibung könnte man sagen, dass Schmitts gnostisches Daseinsgefühl das Unterfutter seiner autoritären Staatstheorie bildet. Wenn die Schöpfung vom Teufel verhext ist, dann fällt dem Staat die Aufgabe zu, die Mächte der Finsternis in Schach zu halten – bis zum Jüngsten Tag. Mit dieser gnostischen Verschärfung spaltet der Katholik Schmitt den Kern des Christentums und trennt das ethische Moment des biblischen Erbes von ihm ab. Entsprechend interessiert ihn an der römischen Kirche nicht die Macht ihrer moralischen Autorität, sondern nur die Autorität ihrer Macht. Das Ideal des Staates, notiert er, „ist der Kirchenstaat“.

Diesem halbierten Christentum wird Schmitt später einen unheilvollen Gedankengang hinzufügen. Weil der Liberalismus den tödlichen „Ernst“ und den Ausnahmezustand des Lebens verdrängt, besteht die wahre Politik darin, die schicksalhafte Härte des ursprünglichen Daseins wiederherzustellen. Ernst Jünger und Martin Heidegger dachten kaum anders. Auch sie feierten Adolf Hitler als Retter in der Not, der den existenziellen Ernst des Lebens gegen seine liberale Verflachung wieder in das ursprüngliche Recht setzt.

Carl Schmitt: Tagebücher Oktober 1912 bis Februar 1915; hrsg. von Ernst Hüsmert; Akademie Verlag, Berlin 2003; 433 S., 44,80 ¤TagebücherTagebuchPolitisches BuchOktober 1912 bis Februar 1915; hrsg. von Ernst HüsmertCarl SchmittBuchAkademie Verlag2003Berlin44,80433
 
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