DER KLEINE STAATSANWALT. Wenn Bernhard Englisch sein Dienstgesicht macht, wie gerade jetzt, scheint sich der Blick nach innen zu kehren, so als habe er einen Anfangsverdacht gegen sich selbst. "Nein", sagt er ins Telefon, und er wägt seine Worte, "es kann nicht die Rede davon sein, dass wir das Babcock-Verfahren neu aufrollen. Die Ermittlungen gehen in die eingeschlagene Richtung weiter. Zum Stand des Verfahrens sage ich nichts."

Oberstaatsanwalt Englisch kann aber auch locker sein. Seine Augen lachen dann aus dem gebräunten Sportsmann-Gesicht. Seine Sprache gönnt sich die Freiheiten des rheinischen Dialekts. Er legt den Hörer auf. "So isset", sagt er verständnisheischend, und er meint damit: Momentan klingelt das Telefon verdammt oft.

Englisch ist Sprecher der Staatsanwaltschaft Düsseldorf und Spezialist für Wirtschaftsdelikte. Seit seine Behörde im spektakulären Mannesmann-Verfahren ein paar wirklich große Bosse der Deutschland AG wegen Untreue oder Beihilfe angeklagt hat, muss er viele Fragen beantworten. Nicht nur zu Mannesmann. Plötzlich will die Presse auch wissen, wie es mit den Ermittlungen bei Babcock Borsig stehe. Oder bei der Westdeutschen Landesbank. Oder im Klöckner-Verfahren. Die Düsseldorfer Staatsanwälte haben derzeit gleich vier Mammutverfahren laufen. Englisch wird auch gefragt: Wie kommt es, dass Sie mit einem Mal so massiv gegen die Großen der Wirtschaft vorgehen?

Der Oberstaatsanwalt schaut wieder in sein Inneres. "Es ist leichter geworden", sagt er dann. "Der Revisionschef schluckt heute nicht mehr alles, was der Vorstand vorgibt. Wir kommen eher an Informationen."

Als wolle er den Worten Nachdruck verleihen, blickt er auf die Akten, die das Dienstzimmer füllen. Regale voller Stehordner, Bündel von Schnellheftern auf dem Fußboden. Sehr transparent wirken die Stapel nicht. "Okay", sagt Englisch, "wenn wir einen Anfangsverdacht bejahen und loslegen, müssen wir das flächendeckend betreiben. Dann kommt eine Masse an Akten und Daten zusammen, aus denen man die Vergangenheit eines Unternehmens rekonstruieren muss. Man muss sich Dinge erarbeiten, von denen man vorher keine Ahnung hatte. Das erfordert eine ungeheure Gedächtnisanspannung."

Dennoch bleibt er dabei, dass sein Geschäft leichter geworden sei. "Bessere EDV", sagt er, "wir sind auch selbstbewusster geworden. Heute hilft es der Karriere, wenn man ein großes Wirtschaftsverfahren erfolgreich abschließt."

Dabei sei es allerdings immer noch so wie bei einem Boxkampf zwischen Vitali Klitschko und Regina Halmich: "Beides gute Boxer. Nur wird Regina Halmich wohl etwas mehr laufen müssen." Englisch macht kein Aufhebens davon, dass beschuldigte Topmanager die besten Anwälte der Republik ins Feld schicken und sie mit teuren Gutachten munitionieren. Was ihn mehr beschäftigt, sind die strukturellen Vorteile der Gegenseite. Zum einen der Platzvorteil der Verteidiger, der sich aus dem Prinzip " Im Zweifel für den Angeklagten" ergebe: "Die müssen ja nichts Konstruktives beweisen. Es genügt, die Anklage zu erschüttern, einen minimalen Fehler zu finden und den zum Hauptgegenstand des Verfahrens zu machen." Zum anderen ist es so, dass die Wirtschaft als solche eine Aura der Überlegenheit um sich verbreitet. Sie hat die Effizienz, das Geld und die Schnelligkeit auf ihrer Seite. Die Justiz dagegen ist langsam aus Prinzip und arm wegen der Knappheit der öffentlichen Mittel. Dass Staatsanwälte leicht schlecht aussehen, scheint zur Ratio ihres Standes zu gehören. "Zu 99 Prozent kann die Gegenseite uns immer ausrechnen", sagt Englisch. "Wir sind immer unterlegen."