Es ist immer schwer zu beweisen, dass jemand etwas nicht gesagt hat. Bei Sokrates kommt erschwerend hinzu, dass wir seine Reden nur aus den Schriften späterer Autoren kennen, vor allem von Platon, aber auch von Aristophanes oder Plutarch.

Sokrates hat sich viel über das Verhältnis zwischen Alt und Jung ausgelassen, etwa in dem Dialog, der in Platons Staat wiedergegeben wird. Dort geißelt er die Verlotterung der Sitten, die sich durch ein Zuviel an Freiheit ergebe: „Der Lehrer fürchtet und hätschelt seine Schüler, die Schüler fahren den Lehrern über die Nase und so auch ihren Erziehern. Und überhaupt spielen die jungen Leute die Rolle der alten und wetteifern mit ihnen in Wort und Tat, während Männer mit grauen Köpfen sich in die Gesellschaft der jungen Burschen herbeilassen.“

Der Philosoph beklagt sich also über eine Auflösung der Rollenverteilung zwischen Alten und Jungen. Auch an anderen Stellen findet man negative Äußerungen des Sokrates über die Jugend. Das genannte Zitat allerdings findet sich zumindest bei Platon nirgends, wie drei ausgewiesene Experten von deutschen Universitäten bestätigen. Dass die „Jugend von heute“ immer schlimmer sei als die jeweilige Elterngeneration, wird gewiss seit Jahrhunderten beklagt – nur lässt sich das Sokrates-Zitat nicht als Beweis dafür nehmen. Christoph Drösser

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