wiederkehrer Ich habe einen Traum
Omar Sharif, geboren in Kairo, studierte Mathematik und Physik und wurde mit 22 Jahren von dem ägyptischen Regisseur Youssef Chahine für den Film entdeckt. In den sechziger Jahren machten ihn seine Rollen in »Lawrence von Arabien« und »Doktor Schiwago« international bekannt. Sharif, der an diesem Samstag 72 Jahre alt wird, ist derzeit nach sechs Jahren Pause in zwei Kinofilmen zu sehen: »Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran« und »Hidalgo«. Hier erzählt er von einem immer wiederkehrenden Traum
»Ich mag es nicht, wenn Menschen mich ansehen. Früher hat meine Mutter mich unentwegt angeschaut. Wenn ich aufwachte und in die Küche ging, um Kaffee zu trinken, stand sie neben mir und schaute mich an. Ich sagte: ›Bitte! Mutter, bitte sieh mich nicht an‹«
Bis vor zwölf Jahren habe ich täglich hundert Zigaretten geraucht. Es war kurz vor meinem 60. Geburtstag, in Budapest, als ich auf dem Bett in einem Hotelzimmer lag und einen stechenden Schmerz in meiner Brust spürte. Bis dahin hatte ich mich für den gesündesten Menschen der Welt gehalten. Aber ich fürchtete sofort, dass es das Herz sein könnte. Am nächsten Tag sollten die Dreharbeiten für einen neuen Film beginnen. Ich kannte niemanden von der Filmcrew. Ich kannte überhaupt niemanden in Budapest. Ich wusste nicht, wen ich anrufen sollte. Vor allem wollte ich der Produktionsfirma nichts erzählen. Das hätte zu Versicherungsproblemen geführt. Also lag ich allein mit Stichen in der Brust in einem Hotelzimmer.
Ich bin Atheist. Ich glaube an überhaupt keinen Gott. Ich hatte niemanden, mit dem ich reden konnte. Also sprach ich zur Zimmerdecke. Ich sagte: »Schau, ich habe noch nie mit dir gesprochen, aber wenn du mich bis morgen leben lässt, werde ich nie wieder rauchen.« Das sagte ich einfach so. Kurz darauf griff ich gewohnheitsmäßig zu einer Zigarette – ich bekam einen elektrischen Schlag. Ich steckte sie in den Mund – und übergab mich. Von diesem Tag an konnte ich nie wieder eine Zigarette anrühren.
Nach 40 Jahren von hundert auf null, ohne das geringste Problem. Mein Körper war voll mit Nikotin. Ich war gelb und braun, über und über. Meine Haare, meine Haut, meine Zähne. Ich begann, mehr auf mich zu achten, trieb jeden Tag Sport. Einige Zeit später hatte ich trotzdem eine Bypassoperation. Ich betrachte es als ein Wunder, dass ich noch lebe.
Leider aber waren seitdem meine Schlafgewohnheiten gestört. Wenn ich überhaupt schlief, schlafwandelte ich meist. Das lag auch daran, dass ich versuchte, möglichst wenig zu essen. Ich fürchtete, fett zu werden. Also ging ich hungrig schlafen. Dabei gewöhnte ich mich an Schlafmittel. Irgendwann ging ich in ein Schlaflabor, um mich untersuchen zu lassen. Sie schlossen Elektroden an meinen Kopf an. Dann gaben sie mir Tropfen, die normalerweise gegen Epilepsie verschrieben werden. Damit konnte ich wieder wunderbar schlafen.
Seitdem träume ich. Immer. Und nicht gerade angenehm. Ich träume fast jede Nacht, dass ich spiele – und mitten in der Szene meinen Text vergesse. Jede Nacht. Es macht mich verrückt! Manchmal spielt die Szene im Theater, manchmal vor der Kamera. Es gibt keinen Regisseur und keine anderen Schauspieler. Ich bin allein und halte eine Rede. Wenn da noch jemand wäre, würde ich mich sicherer fühlen. Vielleicht würde er mir ein Stichwort zuflüstern. Aber ich bin immer allein. Das Licht ist auf mich gerichtet, und alle schauen mich an. Mein Leben lang hatte ich ein sehr gutes Gedächtnis. Es ist mir immer leicht gefallen zu lernen. In England habe ich ein Jahr lang Theater gespielt, achtmal die Woche, ohne auch nur einmal ein Wort zu vergessen. Ich habe normalerweise keine Angst vor Bühnen oder Kameras. Aber der Traum ist mir so unangenehm, dass ich mich manchmal aus dem Schlaf heraus zum Aufwachen zwinge. Den Text zu vergessen ist für einen Schauspieler eine quälende Erfahrung. Ich hatte ein sehr glückliches Leben. Da gab es keine Traurigkeit. Also sollte ich wirklich keine Albträume haben. Vielleicht muss ich im Schlaf leiden, weil ich es in der Realität nie musste.
Ich lebe in einem Hotel in Paris. Wenn man alt und allein ist, ist es sehr angenehm, in diesem Hotel zu wohnen. Da sind immer Leute, die dein Bett machen und deine Sachen reinigen. Wenn du dich allein fühlst, gehst du runter an die Bar. Wenn mitten in der Nacht etwas mit dir nicht stimmt, brauchst du nur den Concierge anzurufen. So sehr habe ich mich an diesen Lebensstil gewöhnt, dass ich nicht mehr fähig wäre, mit jemandem zusammenzuleben. Die Anwesenheit eines anderen Menschen in meinem Zimmer stört mich. Ich mag es nicht, wenn Menschen mich ansehen. Außer wenn ich ausgehfertig bin. Früher hat meine Mutter mich unentwegt angeschaut. Wenn ich aufwachte und in die Küche ging, um einen Kaffee zu trinken, stand sie immer neben mir und sah mich an. Ich sagte: »Bitte! Mutter, bitte sieh mich nicht an. Ich bin gerade erst aufgewacht. Ich habe Kopfschmerzen.« Sie sagte: »Oh, Entschuldigung.« Aber kurz darauf stand sie wieder da und sah mich an.
Mittlerweile habe ich nicht nur aufgehört zu rauchen, ich habe auch mit anderen Gewohnheiten Schluss gemacht: zum Beispiel mit dem Glücksspiel, das ich eigentlich nie mochte. Ich habe immer nur gespielt, weil ich so viel auf Reisen war. Wenn ich mit meinen Koffern an einem Ort ankam, wo ich niemanden kannte, hatte ich meist keine Lust, allein zu essen. Also ging ich in das nächste Casino. Dort aß und spielte ich ein wenig, um die Zeit herumzubringen. Ich bin niemals in ein Casino gegangen, wenn Freunde in der Nähe waren. Vor einiger Zeit habe ich in einem Casino die Fassung verloren und dann einen Polizisten geschlagen, der mich herausbringen wollte. Ich habe selbst nicht verstanden, wie das geschehen konnte. Ich bin kein gewalttätiger Mensch. In mir kocht es ständig. Ich bin nervös, vielleicht auch reizbar. Aber Gewalt? Später habe ich im Beipackzettel meines Medikaments gelesen, dass auch Anfälle von Gewalttätigkeit zu den Nebenwirkungen zählten.
- Datum 07.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 07.04.2004 Nr.16
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