Osterweiterung „Wohnt ihr noch in Zelten?“
Ungarns junge Generation fühlt sich längst europäisch – und wundert sich, wie wenig das alte Europa über ihr Land weiß
Budapest/Debrecen
Komcsi war viel unterwegs in den vergangenen Monaten. In Brügge, Bordeaux und Saloniki, in Kroatien und Litauen. Zweimal im Jahr fährt er nach Bielefeld. Denn Komcsi ist Fußballfan, einer von der harten Sorte. Wenn sein Verein morgen in Grönland antreten würde – der junge Mann mit dem kahl rasierten Kopf und den martialischen Tätowierungen auf den Oberarmen wäre dabei. Aber morgen spielt der VSC Debrecen zu Hause, deshalb trifft sich Komcsi an diesem Nachmittag mit seinem Freunden in der Kövér Egér, der Dicken Maus. An den Wänden der Kneipe hängen Fanschals, Trikots und Plakate, die Devotionalien einer erfolgreichen UEFA-Pokal-Saison. Bis in die dritte Runde des europäischen Wettbewerbs hat sich Debrecen in diesem Jahr vorgekämpft, weiter als jeder deutsche Verein. Obwohl die Mannschaft, wie Komcsi einräumt, nicht mehr als drei wirklich gute Spiele im Jahr macht, „ungarischer Durchschnitt halt“. Schnell stürzt er sein zweites Bier hinunter.
Komcsi ist viel unterwegs, doch frei fühlt er sich nicht. Für den 23-Jährigen existiert die alte Grenze weiter, die einmal quer durch Europa lief. „Wir Ostblockschlucker“, sagt er und meint damit: Der wahre Fußball findet woanders statt. „Ein paar westliche Spieler könnten wir gebrauchen“, fachsimpelt er, „aber zehn Rumänen helfen uns nicht weiter.“ Doch mehr als den einen oder anderen Spieler aus der Slowakei, aus Serbien oder eben Rumänien kann sich der VSC Debrecen nicht leisten. Der Ostblock besteht fort in seiner Vorstellung, und auch sonst finden sich in Komcsis Weltbild manche wirren Ressentiments aus vergangenen Zeiten: Nur eine Autostunde von Debrecen entfernt liegt Siebenbürgen, das einmal ungarisch war und nun, seit mehr als 80 Jahren, ein Teil Rumäniens ist. Vor allem für die Konservativen gehört das Bekenntnis zu den ungarischen Minderheiten jenseits der eigenen Grenzen zur Staatsräson. Nicht so für Komcsi: „Die Ungarn in Siebenbürgen halten sich für etwas Besseres“, schimpft der junge Mann, der keine Arbeit findet, aber nie zugeben würde, dass er darunter leidet. Hier in der Kneipe, unter seinen Fußballfreunden, gibt Komcsi den starken Mann. Argwöhnisch beäugt er alles, was außerhalb passiert.
Was hält er davon, dass Ungarn jetzt der EU beitritt? Komcsi schweigt. Nach einer Pause hebt er an: „Niemand hat das gern. Es wird ein großes Durcheinander geben, eine Völkerwanderung mit unvorhersehbaren Folgen.“ Dann versucht er, zehn Tage nach dem Terroranschlag in Madrid, einen Scherz: „Der Vorteil wird sein, dass auch unsere Terrorkommandos frei reisen können.“
Sorgen jenseits der Puszta
Debrecen, die zweitgrößte Stadt des Landes, jenseits der Puszta, ist nur zweieinhalb Bahnstunden von Budapest entfernt und liegt doch in einer anderen Welt. Allein die registrierte Arbeitslosigkeit im Osten Ungarns liegt in einigen Regionen bei über 15 Prozent; der landesweite Durchschnitt beträgt nicht einmal 6 Prozent. Internationale Unternehmen, die nach der Wende 1989 fleißig in Ungarn investierten, haben sich hierher nur selten verirrt. Die Aussicht, dass sich daran nach dem EU-Beitritt am 1. Mai etwas ändern könnte, ist gering.
Boglárka ist Schülerin am städtischen Tóth-Árpád-Gymnasium in Debrecen und anders als Komcsi gut vorbereitet auf Europa. Die 18-Jährige spricht Deutsch und Englisch; im Unterricht hat sie die Geschichte der EU gelernt. Boglárka kennt die sechs Gründungsmitglieder der Union und weiß, was es mit den Römischen Verträgen auf sich hat. Der dunkle Collegerock und die weiße Bluse verraten den Stolz und Ehrgeiz ihrer Eltern. Auch die Schule selbst würde jede deutsche Stadt schmücken. Ein Hallenbad gehört zur Anlage; durch das hell geklinkerte Foyer tönt während der Pausen die Musik des schuleigenen Radiosenders.
„Zu Hause sprechen wir oft über den EU-Beitritt“, erzählt Boglárka. „Meine Eltern haben Angst davor. Sie besitzen einige Felder und fürchten, dass diese Felder von Ausländern gekauft werden. Viele ungarische Firmen wurden bereits verkauft.“
- Datum 07.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 07.04.2004 Nr.16
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