Frankreich zwischen Islam und Islamismus Die Korrekten
Frankreichs oberste Muslime geißeln den Terror. Aber noch lauter warnen sie vor "Islamophobie"
Paris
Das Pariser Stadtviertel Goutte d’Or am Fuß des Montmartre ist im Maghreb bekannter als die Champs-Elysées oder Notre-Dame. Es ist die erste Anlaufstation für Nordafrikaner, die auf französischem Boden ihr Glück suchen. Wenn freitags der Imam zum Gebet ruft, platzt die kleine Moschee an der Rue Polonceau aus den Nähten. Oft rollen 3000 bis 4000 Gläubige ihre Gebetsteppiche auf der Straße aus und legen das Quartier unterhalb von Sacre Cœur lahm.
Als sich am Freitag, dem 12. März, herumspricht, dass die Anschläge in Madrid von islamischen Terroristen verübt wurden, sollen Gläubige während des Gebets geweint haben. Der Marokkaner Ahmed, ein Diener der Moschee, erinnert sich an die ersten Reaktionen: „Wir waren entsetzt und haben zugleich Angst bekommen, dass sich wieder alle Blicke auf uns richten.“ Schon während der offiziellen Schweigeminuten für die Opfer einige Tage später habe er deutlichen Unmut vernommen: „Drei Minuten für die Opfer von Madrid, drei Minuten für die Toten des 11. September – aber keine Minute für die toten Afghanen, Iraker oder Palästinenser.“
„Ich empfinde Scham und Schande“
Solche Vergleiche hört Lhaj Thami Breze, 47, derzeit häufig. Er ist Präsident der Union des Organisations Islamiques de France (UOIF), des größten islamischen Verbands in Frankreich, und darf die Unruhe unter seinen Mitgliedern nicht ignorieren. Aber nach außen muss er zugleich einen klaren Kurs vorgeben, wie es dem Selbstbewusstsein von Frankreichs Muslimen als Citoyens entspricht. Denn sie verstehen sich als fester Bestandteil des politischen Lebens. Anders als deutsche Muslime, die weder Erfahrung noch Neigung zeigen, sich öffentlich zu artikulieren, und auch im Gegensatz zur kommunitaristischen Abschottung des britischen Islams, agiert Präsident Breze wie ein moderner Verbandspolitiker.
Gleich am 12. März setzte der gebürtige Marokkaner („Ich empfinde Scham und Schande für mein Land“) einen Kondolenzbrief an den spanischen Botschafter in Paris auf, in dem er die Anschläge rigoros verurteilte („notre condamnation la plus totale“). Am selben Tag richtete Breze ein Rundschreiben an seine 280 assoziierten Vereine und Gebetsstätten: „Wenn es sich bei den Tätern um Muslime handelt, verdammen wir sie doppelt, weil sie das Ansehen des Islams als einer friedlichen und toleranten Religion beschädigen.“
Gleich nach dem 11. März folgten weitere offizielle Stellungnahmen: von Mohamed Bechari von der orthodoxen islamischen Föderation FNMF, der zweitstärksten französischen Gruppierung, bis hin zu Dalil Boubakeur, dem liberalen Vorsteher des französischen Zentralrats der Muslime, der seit vergangenem Jahr der offizielle Ansprechpartner der Regierung ist. Wie schon nach dem 11. September geben sich die Wortführer auch diesmal unmissverständlich: Die Anschläge seien „mit dem Islam unvereinbar“ und die Täter „religionslos“. In Lille, Lyon und anderen französischen Städten gab es in der Woche nach den Attentaten einzelne Demonstrationen von Muslimen, einige nahmen auch an der Mahnwache vor der spanischen Botschaft in Paris teil. Überall im Land rufen Imame zum religiösen Widerstand gegen den Terror auf.
Nahostkrieg im Pariser Vorort
Doch schon am Montag dieser Woche schlug die französische Polizei wieder zu: Sie nahm 15 Marokkaner im Großraum Paris fest, die in Verbindung zu den Attentätern von Casablanca stehen sollen. Der zuständige Antiterrorrichter Jean-Louis Bruguière will noch nicht von „Schläfern“ sprechen, kennt aber die Namen der Verdächtigen von seinen jüngsten Ermittlungen in Casablanca.
Für die muslimische Führungselite in Frankreich sind solche Vorfälle eine schwere Belastungsprobe. So sehr sie sich in der Öffentlichkeit um eine klare Position gegen den islamischen Terror bemühen, so wenig können sie sich dafür verbürgen, dass sie auch von allen Muslimen geteilt wird. Mit ihrer bloßen Ablehnungsstrategie, spüren die Religionsführer, treffen sie nicht immer den Nerv der Gemeinden.
Deshalb gehen sie unter dem Banner der Trikolore zum Angriff über und haben bereits eine neue Frontlinie ausgemacht: die „Islamophobie“. Lhaj Thami Breze sieht bereits einen neuen „Kreuzzug gegen den Islam“ heraufziehen, auch Mohamed Bechari sorgt sich um „die neue Feindseligkeit gegen Muslime in Europa“. Es ist eine Flucht nach vorn, um ein jüngst verlorenes Terrain wettzumachen: die Niederlage im Streit um das gesetzliche Kopftuchverbot in Schulen. Während dieser Debatte, deren Intensität bis heute das Terror-Thema weit in den Schatten stellt, erlitten Frankreichs Muslime erhebliche Sympathieverluste – gerade von eher religionsferner Seite. „Die dümmste Religion, die ich kenne, ist der Islam“, stöhnte der vom Dauerpalaver entnervte Schriftsteller Michel Houellebecq.
Lhaj Thami Breze von der Muslim-Union UOIF hat dafür nur Kopfschütteln übrig. Der redegewandte und hoch gebildete Absolvent einer französischen Eliteschule will gegen das Kopftuchverbot allein mit den Mitteln des Gesetzes und mit Hilfe von Gerichten angehen, da es der Égalité, der Gleichheit, widerspreche. Weil er sich nach außen liberal und diskussionsfreudig gibt, aber zugleich der radikalen Muslim-Bruderschaft nahe steht, sagt man Lhaj Thami Breze Doppelzüngigkeit nach. Doch wenn er in seiner fabrikartigen Neubau-Moschee im rauen Pariser Vorort Courneuve mit solchen Vorwürfen konfrontiert wird, schwenkt er ein umfangreiches Dossier mit Interviews aus Le Monde, Le Figaro und Economist, in denen er immer wieder beteuert hat: „Der Islam muss sich Frankreich anpassen, nicht Frankreich dem Islam.“
Die Treue zur Republik, sagt er, gehe für ihn über alles. Für einen guten Muslim, der vom dritten Lebensjahr an die Zwangsintegration des französischen Schulsystems erlebt habe, gehöre es sich einfach, an erster Stelle ein guter Staatsbürger zu sein. Den Verdacht der Heuchelei weist er zurück: „Wir befinden uns hier in einer Moschee, einem Ort, an dem Heuchelei unstatthaft ist.“ Als Beleg zeigt er einen weiteren Rundbrief, in dem er nach der Tötung des Hamas-Führers Scheich Jassin durch die israelische Regierung seine Gemeindemitglieder jüngst zur Zurückhaltung aufrief. „Wir dürfen nicht zulassen“, schreibt er darin, „dass Konflikte aus dem Ausland auf französischem Boden ausgetragen werden.“ Dass junge Muslime den Nahostkrieg nachstellen und so tun, als lägen die Pariser Satellitenstädte von Courneuve oder Sarcelles im Westjordanland, tut Breze als „übertrieben“ ab.
Nach den Terroranschlägen von Madrid wussten die Imame in den 995 Moscheen und Gebetsstätten Frankreichs, dass ihre Worte besondere Beachtung erfuhren. Selbst der radikale Imam der Moschee von Courneuve, Ahmad Jaballa, Mitglied der Islam-Union UOIF, weist seitdem in seinen Freitagsgebeten darauf hin: „Die Koransuren 32 und 68 verbieten es ausdrücklich, menschliches Leben zu töten. Attentate sind aus religiösen Gründen zu verurteilen.“
Gleichwohl sehen sich die führenden Muslime dem Vorwurf ausgesetzt, sie seien mehr damit beschäftigt, Schaden von ihrer Religion abzuwenden, als den Kampf gegen den Terror zu thematisieren. Lhaj Thami Breze weist eine solche Bringschuld zurück: „Die Polizei soll ihre Arbeit machen, wir leisten unseren Beitrag durch Erziehung und Unterricht.“ Auch Mohamed Bechari von der Muslim-Föderation FNMF wiegelt ab: „Alle Religionen haben ihre Terroristen – warum verlangt man ausgerechnet von uns doppelte Demonstrationen und Distanzierungen.“
Aus solcher Abwieglung spricht allerdings auch eine realistische Einschätzung der Wortführer über ihren begrenzten Einfluss: In den tristen Vorstädten herrscht ein raues Klima, die soziale und religiöse Spannung wächst. Es fragt sich, ob islamische Verbandsfunktionäre mit ihren Worten noch jene Gruppen erreichen, zu denen radikale Prediger und Missionare von al-Qaida bereits Zugang haben. Zudem: Nicht einmal die Hälfte der rund vier Millionen französischen Muslime geht in die Moschee, und nur 20 Prozent von ihnen gelten als religiös aktiv.
- Datum 07.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 07.04.2004 Nr.16
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