Frankreich zwischen Islam und Islamismus Die KorrektenSeite 2/2

Deshalb gehen sie unter dem Banner der Trikolore zum Angriff über und haben bereits eine neue Frontlinie ausgemacht: die „Islamophobie“. Lhaj Thami Breze sieht bereits einen neuen „Kreuzzug gegen den Islam“ heraufziehen, auch Mohamed Bechari sorgt sich um „die neue Feindseligkeit gegen Muslime in Europa“. Es ist eine Flucht nach vorn, um ein jüngst verlorenes Terrain wettzumachen: die Niederlage im Streit um das gesetzliche Kopftuchverbot in Schulen. Während dieser Debatte, deren Intensität bis heute das Terror-Thema weit in den Schatten stellt, erlitten Frankreichs Muslime erhebliche Sympathieverluste – gerade von eher religionsferner Seite. „Die dümmste Religion, die ich kenne, ist der Islam“, stöhnte der vom Dauerpalaver entnervte Schriftsteller Michel Houellebecq.

Lhaj Thami Breze von der Muslim-Union UOIF hat dafür nur Kopfschütteln übrig. Der redegewandte und hoch gebildete Absolvent einer französischen Eliteschule will gegen das Kopftuchverbot allein mit den Mitteln des Gesetzes und mit Hilfe von Gerichten angehen, da es der Égalité, der Gleichheit, widerspreche. Weil er sich nach außen liberal und diskussionsfreudig gibt, aber zugleich der radikalen Muslim-Bruderschaft nahe steht, sagt man Lhaj Thami Breze Doppelzüngigkeit nach. Doch wenn er in seiner fabrikartigen Neubau-Moschee im rauen Pariser Vorort Courneuve mit solchen Vorwürfen konfrontiert wird, schwenkt er ein umfangreiches Dossier mit Interviews aus Le Monde, Le Figaro und Economist, in denen er immer wieder beteuert hat: „Der Islam muss sich Frankreich anpassen, nicht Frankreich dem Islam.“

Die Treue zur Republik, sagt er, gehe für ihn über alles. Für einen guten Muslim, der vom dritten Lebensjahr an die Zwangsintegration des französischen Schulsystems erlebt habe, gehöre es sich einfach, an erster Stelle ein guter Staatsbürger zu sein. Den Verdacht der Heuchelei weist er zurück: „Wir befinden uns hier in einer Moschee, einem Ort, an dem Heuchelei unstatthaft ist.“ Als Beleg zeigt er einen weiteren Rundbrief, in dem er nach der Tötung des Hamas-Führers Scheich Jassin durch die israelische Regierung seine Gemeindemitglieder jüngst zur Zurückhaltung aufrief. „Wir dürfen nicht zulassen“, schreibt er darin, „dass Konflikte aus dem Ausland auf französischem Boden ausgetragen werden.“ Dass junge Muslime den Nahostkrieg nachstellen und so tun, als lägen die Pariser Satellitenstädte von Courneuve oder Sarcelles im Westjordanland, tut Breze als „übertrieben“ ab.

Nach den Terroranschlägen von Madrid wussten die Imame in den 995 Moscheen und Gebetsstätten Frankreichs, dass ihre Worte besondere Beachtung erfuhren. Selbst der radikale Imam der Moschee von Courneuve, Ahmad Jaballa, Mitglied der Islam-Union UOIF, weist seitdem in seinen Freitagsgebeten darauf hin: „Die Koransuren 32 und 68 verbieten es ausdrücklich, menschliches Leben zu töten. Attentate sind aus religiösen Gründen zu verurteilen.“

Gleichwohl sehen sich die führenden Muslime dem Vorwurf ausgesetzt, sie seien mehr damit beschäftigt, Schaden von ihrer Religion abzuwenden, als den Kampf gegen den Terror zu thematisieren. Lhaj Thami Breze weist eine solche Bringschuld zurück: „Die Polizei soll ihre Arbeit machen, wir leisten unseren Beitrag durch Erziehung und Unterricht.“ Auch Mohamed Bechari von der Muslim-Föderation FNMF wiegelt ab: „Alle Religionen haben ihre Terroristen – warum verlangt man ausgerechnet von uns doppelte Demonstrationen und Distanzierungen.“ 

Aus solcher Abwieglung spricht allerdings auch eine realistische Einschätzung der Wortführer über ihren begrenzten Einfluss: In den tristen Vorstädten herrscht ein raues Klima, die soziale und religiöse Spannung wächst. Es fragt sich, ob islamische Verbandsfunktionäre mit ihren Worten noch jene Gruppen erreichen, zu denen radikale Prediger und Missionare von al-Qaida bereits Zugang haben. Zudem: Nicht einmal die Hälfte der rund vier Millionen französischen Muslime geht in die Moschee, und nur 20 Prozent von ihnen gelten als religiös aktiv.

 
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