ArgentinienAufbruch der Armen

Sie übernehmen Fabriken, beherrschen ganze Stadtteile von Buenos Aires und zwingen dem Staat ihre Forderungen auf: Zwei Jahre nach der Krise haben die Verlierer in Argentinien eine Parallelgesellschaft etabliert

Es war ausgerechnet der „Tag des Papierarbeiters“, als die Belegschaft der Papierfabrik San Jorge erfuhr, dass ihr Arbeitgeber pleite war. Er hatte sieben Millionen Dollar Schulden angehäuft, die Polizei räumte das Gelände in der Provinzstadt La Plata nahe Buenos Aires, und die Arbeiter standen auf der Straße.

Doch statt nach Hause zu gehen und sich ins Heer der argentinischen Arbeitslosen einzureihen, besetzte Pedro Montes, bis dato Elektriker bei San Jorge, nur Tage nach der Kündigung gemeinsam mit 24 Kollegen die Fabrik und gründete eine Kooperative. Heute ist Pedro ihr Präsident. „Wir schoben abwechselnd Wache, damit keiner die Fabrik plündern konnte“, erzählt der stämmige 50-Jährige. Mehrere Monate hielten sie aus, ohne Lohn, unterstützt nur von Arbeitslosenorganisationen, die ihnen täglich Lebensmittel brachten.

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Seither sind zweieinhalb Jahre vergangen, in denen sich in La Plata wie auch in ganz Argentinien eine Parallelgesellschaft verfestigt hat: mit eigenen Organisationen, eigenen Unternehmen und eigenen Führern. Es ist das Reich derer, die im normalen Wirtschaftsleben keinen Platz mehr hatten. Doch sie sind nicht verschwunden – im Gegenteil: Ihr politischer und ökonomischer Einfluss bestimmt den Alltag des Landes heute sichtbar mit.

Das Genossenmodell der Papierfabrik hat seit seinen ersten Tagen zahlreiche Nachahmer gefunden. 150 Kooperativen mit insgesamt 12000 Genossen gibt es in Argentinien. Was niemand erwartet hätte: Die Arbeiter in San Jorge sind heute erfolgreicher als der Pleite gegangene private Betrieb. Anfangs konnten sie nur Klopapier herstellen. Mit den ersten Erlösen brachten sie dann weitere Maschinen in Schwung und pressten Pappkartons aus Altpapier. In normalen Zeiten hätte ihnen kaum einer die Recycling-Ware abgenommen, aber weil die Regierung damals die Bindung des Peso an den Dollar löste und massiv abwertete, war importiertes Papier plötzlich so teuer, dass die Kooperative ihre Produkte problemlos absetzen konnte. Unter dem neuen Namen Union Papelera Platense nutzt die Fabrik heute wieder 70 Prozent ihrer maximalen Kapazität. 60 Genossen gibt sie Arbeit.

Sie zahlen pünktlich Strom und Wasser – doch ihre Firma ist illegal

Alle Mitglieder der Kooperative sind sozialversichert, Strom, Wasser und Steuern werden pünktlich bezahlt, „alles wie in einem ganz normalen Unternehmen“, sagt Pedro stolz. So ist eine für Argentinien inzwischen normale, im westeuropäischen Wirtschaftsleben hingegen kaum vorstellbare Mischung aus Legalität und Illegalität entstanden. Unter den Genossen wird nach Abzug aller Kosten der Überschuss verteilt. Jeder bekommt gleich viel. Während der ersten vier Monate gab es zwar nichts zu verteilen, danach aber bekamen die Arbeiter umgerechnet 30 Euro. Bis heute hat sich die monatliche Ausschüttung auf 350 Euro gesteigert, was in Argentinien einem Mittelklassegehalt entspricht.

In anderen Zeiten wäre die Entstehung und die Duldung einer solchen Kooperative nicht möglich. Aber Argentinien durchlebt seit drei Jahren die schwerste politische, wirtschaftliche und soziale Krise seiner Geschichte: Das Währungssystem kollabierte, Milliarden Dollar wurden ins Ausland überwiesen, Konten gesperrt, die Wirtschaft versank in der bislang tiefsten Rezession. Der Staat, faktisch bankrott, stellte zeitweise alle Zahlungen an internationale Gläubiger ein, der damalige Präsident wurde vertrieben, und nicht weniger als vier mehr oder minder lange amtierende Übergangspräsidenten wurden vom Chaos aufgerieben.

Die Folgen sind bis heute dramatisch: Knapp 20 Prozent der 14 Millionen Erwerbsfähigen haben keine Arbeit, ein weiteres Fünftel ist unterbeschäftigt. Obwohl die Wirtschaft 2003 knapp acht Prozent wuchs und auch 2004 nach Schätzungen der Dresdner Bank Lateinamerika etwa fünf Prozent zulegen wird, sinkt die Arbeitslosigkeit kaum. Gemäß dem offiziellen Statistikinstitut Indec lebt mehr als die Hälfte der 37 Millionen Argentinier in Armut.

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