Tel Aviv

Dem eleganten Herrn – nennen wir ihn Joram Rosenzweig, denn er möchte seinen wahren Namen lieber nicht gedruckt sehen – fällt das Warten schwer, nicht nur wegen seines hohen Alters. Es schmerze ihn im Herzen, sagt er, auf einen Stock gestützt, dass er heute als 85-jähriger Israeli hier in Tel Aviv vor dem polnischen Konsulat stehe und um eine Zweitschrift seiner verloren gegangenen Geburtsurkunde bitte. Nein, niemals wäre er hergekommen, wenn ihn sein Enkel nicht so bedrängt hätte. Aber der ist Ingenieur und denkt nicht an die düstere Vergangenheit, sondern an seine Zukunft und an die Freiheit, die ihm ein polnischer Pass vom 1. Mai an in der EU eröffnet. Denn von diesem Datum an gehört Polen zur Union, und weil sich die polnische Staatsbürgerschaft auch im Ausland vererbt, stehen die Chancen für den Enkel gut.

In der Erinnerung von Joram Rosenzweig, dem Großvater, ist Polen ein riesiger Friedhof: Seine Eltern und Großeltern wurden in Treblinka ermordet, das Familienhaus steht noch, enteignet und längst von Fremden bewohnt. Joram war 1934 nach Palästina ausgewandert; im Zweiten Weltkrieg kämpfte er als Soldat der britischen Royal Air Force. Ein Zurück gibt es für ihn nicht. Auch sein Sohn hat nicht vor, in Polen zu leben. Aber der Pass verschafft ihm Zugang zur EU – und das bedeutet Sicherheit.

Wie sehr der Gang zum Konsulat in der Soutine-Straße die hier in einer langen Schlange Wartenden aufrührt, offenbart sich sofort in allen Gesprächen. Besonders erregt viele, dass ihnen die polnischen Konsularbeamten das Gefühl vermitteln, sie täten ihnen mit der Anerkennung der ehemaligen Staatsbürgerschaft einen großen Gefallen, für den sich die Bittsteller zu bedanken hätten. In fast jedem Fall waren es die Kinder, die ihre Eltern oder Großeltern zum Konsulat geschickt haben. Ein Mann erzählt von seinen zwei Enkeln, die gerade den Dienst in der Armee beendet haben. Sie möchten jetzt einen EU-Pass. Wozu, wissen sie selber noch nicht. Vielleicht wollen sie in Holland zu studieren; vielleicht wollen sie bloß unkomplizierter reisen können. In jedem Fall aber gehe es ihnen darum, alle Möglichkeiten offen zu halten.

Zurück nach Polen? Das war vor wenigen Jahren noch undenkbar

Noch vor ein paar Jahren wäre kaum ein Israeli auf die Idee gekommen, einen polnischen Pass zu beantragen. 2003 wurden bereits 4000 Antragsformulare ausgegeben, 1500 wurden zur Erledigung nach Polen geschickt. In diesem Jahr rechnet man mit einem weiteren rasanten Anstieg. Es sind vor allem die Jungen, die sich damit den Weg nach Europa freihalten wollen. Nicht unbedingt aus einer neu entdeckten Liebe zum Alten Kontinent, sondern aus ganz pragmatischen Gründen. In vielen EU-Staaten kann man gebürenfrei studieren, und außerdem darf ein EU-Bürger ohne Visum in die USA einreisen. Der Wunsch nach einem zweiten Pass aber hat auch mit der verweifelten Lage im Nahen Osten zu tun. Nach einer neuen Umfrage sehen 66 Prozent der Israelis die Zukunft ihres Staates als nicht gesichert an. Der EU-Pass in der Hinterhand bietet Sicherheit – für alle Fälle.

Weil neben Polen auch Tschechien, Ungarn, die Slowakei, Litauen, Estland und Lettland der EU angehören werden, "können ab dem 1. Mai mehr als eine Million Israelis um einen europäischen Pass bitten", sagt der Leiter der EU-Delegation in Tel Aviv, Giancarlo Chevallard. Sechs Prozent aller erwachsenen jüdischen Israelis besäßen bereits EU-Pässe, weitere 14 Prozent würden jetzt einen beantragen wollen. Ob Polen, Lettland oder Belgien dieses Dokument ausfüllt, ist zweitrangig. Wichtig allein sind zwei Buchstaben auf dem Pass: EU. "Die Europäische Union hat keine klare Identität. Da kann sich auch ein Israeli zurechtfinden", schrieb die Tageszeitung Maariv.

So kritisch viele Israelis die europäische Nahostpolitik sehen, die in ihren Augen einseitig propalästinensisch ist, so positiv beurteilen sie das Projekt Europa. Denn das steht für Bewegungsfreiheit – ohne Passkontrollen –, wovon man im Nahen Osten nur träumen kann. 80 Prozent der Israelis halten die EU für eine gute Sache, sagt Chevallard.