Der Verfall der deutschen Universität – einst Vorbild für die ganze Welt – hat sich seit Generationen angebahnt. Er begann mit der Anbiederung der Universitäten an das Naziregime und ihrer damit vollzogenen Selbstentmündigung. Seit sich die Hochschulen freiwillig in Gefangenschaft begeben haben, ist ihre staatliche Bevormundung zur Selbstverständlichkeit geworden. Sie haben sich im Guten wie im Bösen darauf eingerichtet. In diesen geldknappen Zeiten hört man aus den Universitäten allenthalben dissonante Klagelieder – von seiner hoch entwickelten Empfängermentalität jedoch sagt sich der initiativenarme Habenichts nicht los. Denn die meisten Reformvorschläge – Bachelor-Studiengänge, Juniorprofessuren, Studentenauswahl und neuerdings das Gerede von Elite-Universitäten – kommen fast ausnahmslos von staatlicher Seite oder außeruniversitären Einrichtungen.

Im amerikanischen "Hochschulsystem", auf das sich nahezu alle Neuerungsbemühungen in Deutschland berufen, hat es eine organisierte, geschweige denn verordnete Hochschulreform nie gegeben. Schon von einem System zu sprechen ist falsch, weil es die vielen Formen der higher education nicht ausdrückt. Der Begriff Hochschullandschaft trifft die Sache besser, und diese umfasst mehrere tausend staatliche und private Hochschulen unterschiedlicher Typen – vom Community College bis zur Forschungsuniversität. Diese stehen im permanenten Wettbewerb um Ideen, Mittel, Forscher und Studenten, dem eigentlichen Motor aller Veränderungen.

Niemals hat es einen Versuch gegeben, Elite-Universitäten zu gründen oder bestehende Institutionen zu solchen zu machen. Diejenigen amerikanischen Institutionen, die man in Deutschland dafür hält, sind aus eigener Kraft zu dem geworden, was sie sind. Auch lassen sie sich keinesfalls auf eine Hand voll reduzieren. Nicht nur Harvard und Stanford gehören zu den führenden Universitäten, sondern unter den privaten Institutionen ebenso Yale, Princeton, Columbia, Cornell, Pennsylvania, Chicago, MIT und CalTech sowie unter den staatlichen die University of California und die University of Texas. Auch die Big Ten des Mittleren Westens, angeführt von Michigan, darf man nicht vernachlässigen. Sie haben alle verschiedene Departments aufzuweisen, die in den nationalen Rankings hoch angesiedelt sind. Worin aber bestehen Voraussetzungen und Bedingungen des Erfolgs amerikanischer Hochschulen?

I. Administrative Autonomie. Weder die privaten noch die staatlichen Hochschulen unterstehen der Kontrolle einer Ministerialbürokratie. Die Aufsicht führt ein unabhängiger Verwaltungsrat, Board of Trustees genannt. Auch in Deutschland gibt es inzwischen vergleichbare Gremien, doch werden sie von politischen Vertretern und Wirtschaftslobbyisten dominiert. In den USA stammen ihre Mitglieder vorwiegend aus den Reihen ehemaliger Studierender. Sie haben eine innere Beziehung zu ihrer Hochschule, wodurch das individuell gewachsene Profil der Universität bewahrt wird. Der Stolz der Alumnen auf ihre Alma Mater bildet die wichtigste Triebkraft im Streben nach Qualität.

II. Akademische Selbstverwaltung. Hierzulande inzwischen ein leeres Schlagwort, bedeutet es in der amerikanischen Universität vor allem ein gemeinsames Erarbeiten der Lehrpläne und Studienordnungen. Diese beruhen auf bewusst gepflegten Eigenarten der Hochschule und sind deshalb von Universität zu Universität sehr unterschiedlich. So hat Yale ein anderes Lehrprogramm als Columbia, wie auch Princeton sich deutlich von Chicago oder Berkeley absetzt. Bei allen Neuerungen und Experimenten steht immer wieder die entscheidende Frage im Mittelpunkt: Was sollte ein Student heute wissen müssen? Wie ist dieses Wissen am besten zu vermitteln? In Deutschland wird diese Frage kaum gestellt. Im Educational Policy Committee der Harvard Faculty of Arts and Sciences stecken in monatlichen Sitzungen 15 Professoren der Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften ihre Köpfe zusammen und beraten gemeinsam immer wieder aufs Neue Studieninhalte, Lehrmethoden und die Heranführung der Studenten an empirisches Forschen.