studieren Neue Ärzte braucht das Land
Das Medizinstudium ist verschult und praxisfern. Das soll sich ändern. Doch es mangelt an Geld, Infrastruktur und didaktisch geschulten Dozenten
Beim Vorspielen ist Juliet Willi super. „Ich habe Schmerzen in der Hand“, jammert sie der jungen Frau im weißen Kittel vor und zeigt auf ihre Fingerknöchel. „Besonders stark sind sie am Morgen, da kann ich kaum eine Tasse halten.“ Dann beantwortet sie konzentriert alle Fragen. Das Gespräch dauert keine zehn Minuten. „Für eine Diagnose ist es zu früh“, sagt die Medizinstudentin. „Dazu müssen noch ein paar Untersuchungen abgewartet werden.“
Juliet Willi ist nicht krank. Die 31-Jährige ist Schauspielerin, steht gerade als betrogene Ehefrau auf der Bühne des Blutenburg-Theaters in München. Aber für den guten Zweck und 50 Euro erzählt sie gern ein paar Studenten, dass ihre Finger schmerzen. Sie gehört zu den 140 „standardisierten Patienten“, die Stefan Schewe bei einer praxisnäheren Ausbildung für Medizinstudenten helfen. In Schauspielschulen und bei Seniorentreffen hat der 59-jährige Rheumatologe der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität die Ausbildungspatienten geworben. Stanislaus Chylla ist zum fünften Mal dabei. „Ich sehe das als soziale Verpflichtung“, sagt der 64-Jährige. Er macht sich Vorwürfe, wenn er nicht richtig antwortet und Studenten auf falsche Fährten führt.
Rund 300000 Mediziner sind in Deutschland ärztlich tätig. Doch nicht alle taugen für die Praxis. Das ist kein Wunder – an deutschen Universitäten hat die Arztwerdung des Menschen viele Schwachstellen. Besonders häufig bleibt die Menschwerdung der künftigen Doctores auf der Strecke. Das soll sich nun ändern. Die neue Approbationsordnung (AO) nimmt die Universitäten in die Pflicht. Im kommenden Sommersemester müssen sie die Anforderungen umsetzen. Die neue AO fordert fächerübergreifendes, problemorientiertes Lernen und „praktische Anschauung“, die – wie es im schönsten Amtsdeutsch heißt – Studenten befähigen soll, „unter Anleitung am Patienten tätig zu werden“. Praktische Übungen und Unterricht am Krankenbett gehören verstärkt zur Ausbildung.
Das klingt nahe liegend, kommt aber einer Revolution des Medizinstudiums gleich. Bisher ist es ein Hort theoretischer Wissensvermittlung: Naturwissenschaften werden häufig ohne Praxisbezug gepaukt – und die ersten Patienten, die Medizinstudenten zu sehen bekommen, sind reglos und stumm: die Leichen in der Anatomie.
Auch im klinischen Abschnitt glänzt das Studium derzeit nicht durch Praxisnähe: Die meisten Universitäten bieten Frontalunterricht vor mehr als 200 Hörern. Im begleitenden Praktikum dürfen sich die Studenten gelegentlich zu Patienten an die Bettkante setzen und Fragen stellen. Sind die Dozenten schlecht organisiert, findet der Kurs ohne Kranke statt, die Studiosi untersuchen sich lustlos gegenseitig. Wenige Reforminseln wie die Universität Witten/Herdecke oder die Berliner Charité können die Misere an den meisten der 35 Medizinfakultäten nicht verdecken.
Wie man mit Kranken und Hilfsbedürftigen umgeht oder Angehörige eines Sterbenden informiert, das wird in sechs Jahren Regelstudienzeit nicht unterrichtet. Menschlichkeit lässt sich zwar nur bedingt lernen, doch ist das ein Grund, im Studium keinen Wert darauf zu legen? Die fehlende Vermittlung sozialer Kompetenzen ist nicht das einzige Manko. So lernen die Studenten auch kaum, wie sie Patienten richtig untersuchen sollen. Mit wie viel Druck kann man eine Leber abtasten, wie lässt sich die Funktion eines Gelenks testen? In Prüfungen wurde dies kaum abgefragt: Lehrbuchwissen, nicht praktische Erfahrung zählte.
Solch mangelhaft ausgebildete Studenten verwandeln sich nicht flugs in gute Ärzte. Die Defizite der Ausbildung begründen zugleich einen Großteil der allseits beklagten Schwächen des Gesundheitssystems: wenig sprechende Medizin, fehlende praktische Erfahrung, kaum Qualitätskontrollen. Wer trotzdem ein guter Arzt geworden ist, hat sich seine Fähigkeiten meist durch Famulaturen, Auslandspraktika und Fortbildungen erworben.
Zwar steht die grundlegende Umstrukturierung der Ärzteausbildung jetzt an allen Universitäten auf der Tagesordnung, aber sie kommt nur schleppend voran. Theoretisch begrüßen viele Mediziner die Reformen, doch die Praxis hindert sie an der Umsetzung. Denn die Medizinfakultäten haben mit mindestens drei Strukturproblemen zu kämpfen:
- Datum 15.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 15.04.2004 Nr.17
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