Lars Frormann, 36, sitzt jeden Tag von morgens halb sieben bis abends halb sechs im Büro. Er macht keine Mittagspause und nimmt Akten und Antragsformulare mit nach Hause. Er arbeitet am Wochenende; sein Büro steht in der niedersächsischen Provinz. In seinem vorherigen Job in der Wirtschaft hat er netto 1000 Euro mehr verdient. Lars Frormann hat das so gewollt: Er ist Juniorprofessor.

"Ich finde das toll", sagt Frormann, "ich kann meine Arbeit völlig frei gestalten." Vier Stunden pro Woche lehrt er Kunststofftechnik an der Technischen Universität Clausthal, hat eigene Doktoranden und Forschungsprojekte, und in den Uni-Gremien arbeitet er genauso mit wie ein etablierter Lehrstuhlinhaber. Frormann ist vielleicht ein Muster-Junior. So wie er, so war er gedacht, der deutsche Juniorprofessor. Jung sollte er sein, unabhängig, brillant, international versiert.

Vor gut zwei Jahren setzte Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) die akademischen Alleskönner in die Welt: Endlich sollte es an deutschen Universitäten nicht nur der gut haben, der drin ist, sondern auch der, der rein will. Junge Wissenschaftler brauchen nicht mehr ein halbes Dutzend Jahre als Assistenten einem großen Ordinarius zu dienen und eine totschlägerschwere Habilitationsschrift anzufertigen. Stattdessen forschen sie sechs Jahre lang selbstständig, lehren selbst, werben Forschungsgelder ein, reden in Gremien mit – und legen nach drei und nach sechs Jahren Rechenschaft ab über das, was sie leisten. Der frühere Einstieg in die Karriere sollte die Wissenschaft attraktiver machen für Frauen und Ausländer. Bulmahn feierte die Neuerung als "größte Reform seit Öffnung der Hochschulen" und ließ erst 75000, dann 60000 Euro Startgeld für die Erstausstattung jedes Juniors springen.

Lars Frormann ist nicht minder euphorisch als die Ministerin und hat deshalb einen Club gegründet: den Förderverein Juniorprofessur e. V. mit derzeit 40 Mitgliedern. Er soll die versprengten Wissenschaftler vernetzen, Sprachrohr sein. Frormann sagt: "Die Juniorprofessur hat noch keine richtige Lobby."

"Wehret der McDonaldisierung des Weges zur Professur"

Denn die Juniorprofessur steht unter Beschuss: Nicht nur, weil Besitzstandswahrer am etablierten Ausleseverfahren der Universitäten festhalten wollen. Sondern auch, weil es in der Praxis knirscht und knarrt. "Die Zielpunkte sind nicht erreicht", klagt die Chefin des Wissenschaftsausschusses im Bundestag, Ulrike Flach (FDP). Weder seien die Juniorprofessoren am Ende ihrer Zeit jünger als Habilitanden, noch seien mehr Frauen und Ausländer für die Wissenschaft gewonnen worden. Auch gibt es viel weniger Jungprofessoren als von Ministerin Bulmahn geplant – bislang nur 800 statt der als Ziel angepeilten 6000 Stellen. "Der Juniorprofessor läuft Gefahr, nur noch vor sich hin zu dümpeln", sagt Flach. Sie hat im vergangenen Jahr die deutschen Universitäten über die Jungprofs befragt – mit ernüchterndem Ergebnis. Zwar lobten Hochschulen in Osnabrück, Clausthal und Frankfurt/Oder die berufenen Wissenschaftler als "engagiert", "vorzüglich" oder "Bereicherung".

Doch viele Universitäten berichteten von vermintem Campus. Paderborn sah "noch immer hohe Skepsis in der Professorenschaft", Hamburg meldete eine "kritische Haltung der Fachbereiche", Braunschweig beklagte "sehr geringes Interesse von guten Kandidaten" und "wenig Verständnis im Ausland", die Uni Rostock hielt es gar für "fraglich, ob die wissenschaftliche Qualifizierung darunter nicht leidet". Manche Universitäten verweigern sich der Neuerung total. Sie halten die Überholspur-Profs bloß für Schmalspurwissenschaftler, die nicht gleichzeitig gut lehren und exzellent forschen können. "Wehret der McDonaldisierung des Weges zur Professur", fordert der Kanzler der Bonner Universität, Reinhardt Lutz, und wirft der Bildungsministerin vor, sie wolle "das akademische Niveau durch einen kalten Staatsstreich senken". Da verzichte seine Uni lieber auf die neuen Kollegen und die 60000 Euro vom Bund. "Aber damit verzichten wir auch auf das Mittelmaß."

Besonders unter Juristen, Medizinern und Geisteswissenschaftlern gelten die Vorbehalte gegen die Professoren-Jünglinge als hoch. Viele Mediziner glauben, dass ein rasch promovierter Arzt schlicht zu wenig kann, um zum Professor aufzusteigen. Und Geisteswissenschaftler monieren, dass den Neulingen die Habilitation fehlt, das "zweite Buch", das sie für unabdingbar halten. Häufig fühlt man sich auch an ideologische Spiele erinnert, die man an den Universitäten ausgestorben wähnte. Da berichten etablierte Professoren davon, dass ebenso etablierte Kollegen aus bloß einem Grund für die Junioren seien: weil die ihnen die lästige Lehre in den unteren Semestern abnähmen. Da erzählt man sich von Medizinern, die offen sagen: "Wir lassen die Juniorprofessoren gegen die Wand fahren!"