Ungarn sind im Allgemeinen an zwei Eigenheiten zu erkennen. Wenn sie reden, sprechen sie eine merkwürdige, unverständliche Sprache voller ÄLaute. Und wenn sie schweigen, grübeln sie offenbar darüber nach, wer sie eigentlich sind. Sollte ihnen hierzu partout nichts einfallen, schlagen sie sofort bei ihren klassischen Dichtern nach, denn sie glauben, dass man ein Land – in diesem Fall also ihr eigenes – am gründlichsten über seine Dichtkunst verstehen kann. Nun ist es allerdings so, dass ihre klassischen Dichter unter anderem gerade dadurch zu Klassikern geworden sind, dass auch sie sich unablässig exakt dieser Frage widmeten – und dabei ihre eigene Ratlosigkeit in erschütternde Gedichte fassten.

Einer ihrer großen Dichter, Dániel Berzsenyi, stellte bereits während der Napoleonischen Kriege die Frage: "Was ist der Ungar heute?", und er antwortete prompt: "Rút szibaríta váz." Diese seltsame Formulierung könnte im Deutschen in etwa lauten: "Ein sybaritisches, also ein verweichlicht-verdorbenes Gerippe." Er hatte damit konkret wohl die aufständischen Truppen des ungarischen Adels im Auge, die 1809, angesichts der napoleonischen Übermacht, Hals über Kopf die Flucht ergriffen, statt bis auf den letzten Mann den Heldentod zu sterben.

Nun ist seitdem schon einige Zeit ins Land gegangen. Wir schreiben das Jahr 2004, ein Napoleon ist weit und breit nicht in Sicht, und auch der Heldentod gehört nicht ins aktuelle Programm. Aber die Frage, die steht nach wie vor im ungarischen Raum. Und zwar genau so, im Singular. Es geht also nicht darum, was etwa "typisch ungarisch" sei, sondern die Frage lautet tatsächlich: "Was ist der Magyar?" Und so sehr sich der Ungar nach Antwort sehnt, er findet keine. Stattdessen stiftet er sogar noch weitere Verwirrung, indem er behauptet, "Ungar" und "Magyar" bedeuteten nicht dasselbe. Österreicher, insbesondere Wiener, hätten davon noch eine Vorstellung. In Wien gibt es zwar eine Ungargasse, aber keine Magyarengasse. Und das ist angemessen. "Der Magyar" könne sich letztlich ohnehin nur einem Magyaren erschließen. Denn die in deutscher Übersetzung zugängliche ungarische Literatur beispielsweise enthielte nicht das gleiche Wertesystem wie die Gesamtheit der in ungarischer Sprache erschienenen magyarischen Literatur. Worin die Unterschiede allerdings bestehen, muss unbenannt bleiben, weil ja die Frage "Was ist ein Ungar/Magyar?" unbeantwortet ist. Ich für meinen Teil denke, dass genau diese Frage den Ungarn den Blick verstellt und dass es dieser verstellte Blick ist, der den "Ungarn an sich" ausmacht.

Ein Außenstehender dürfte all das, was die Ungarn so sehr beschäftigt – und was sich von Zeit zu Zeit auch in parteipolitischen Konflikten niederschlägt, in denen besagte Frage nicht selten auftaucht –, kaum durchschauen, weil es teilweise sehr alten, verborgenen Mustern folgt. Am wirksamsten werden solche Muster durch die Kultur, insbesondere die Literatur tradiert, und das bestimmt sogar das Denken derjenigen Ungarn, die überhaupt nicht lesen. Die erfolglose Suche nach sich selbst macht die Ungarn zu ihren eigenen Opfern und sperrt sie in ein Gefängnis der Selbstbezüglichkeit, die übrigens nicht ohne Hybris ist. Der mittelalterliche Topos der "Lesbarkeit der Welt" variiert im ungarischen Bewusstsein zur "Lesbarkeit Ungarns". Aber was steht da? Was lernt der Ungar über sich, wenn der ungarische Denker Béla Hamvas den Genius ungarischer Landschaften besingt oder wenn der Historiker Gyula Szegfü die Denkweise der landschaftsmalerischen Gedichte von Sándor Petöfi auf seine eigenen wirtschaftsgeschichtlichen Forschungen überträgt? Es bleibt ein Kreisen um einen Kern, der sich einfach nicht preisgeben will.

Und noch etwas kommt erschwerend hinzu. Dass die Ungarn nicht wissen, wer sie sind, steigert ihr Bedürfnis nur umso mehr, es Nicht-Ungarn erklären zu wollen. Diese Unmöglichkeit lässt dann unweigerlich das Gefühl entstehen, von niemandem verstanden zu werden, und erlaubt es den Ungarn, sich in einem Zustand fortwährender Verletztheit einzurichten. Für jede Niederlage und jedes Scheitern in den vergangenen 400 bis 500 Jahren geben sie diesem Unverstandensein die Schuld. Dabei wissen sie in den tiefsten Schichten ihres Bewusstseins, dass sie eben daran, an diesem Unverstandensein, nicht unschuldig sind. Und dafür haben sie die Strafe Gottes zu fürchten. Dies kommt sehr schön in der Hymne der ungarischen Nation zum Ausdruck, die jedes Schulkind auswendig lernen muss: "Uns, die lang das Unglück schlug,/ Schenke wieder Freuden,/ Denn wir büßten hart genug/ Schuld für alle Zeiten."

Endre Ady, der große ungarische Dichter, hat Ungarn einmal als Fährenland bezeichnet, das zwischen Ost und West pendelt. Diese Wortschöpfung ist mehr als eine Metapher, die Ungarn empfinden sich wirklich als Hin-und-HerGeworfene. Das Fährenland war zuletzt, 1945, in ein östliches Staatengebilde geschlingert; jetzt, sechs Jahrzehnte später, legt es an einem westlichen Ufer an. Und ich hoffe, für lange.

Doch hoffe ich auch, dass die Stammesgeheimnisse der Ungarn in absehbarer Zeit keine Geheimnisse mehr sein werden. Zuvor allerdings müssten sich die Ungarn endlich von der eingangs gestellten Frage ab- und ihrer eigenen Geschichte und Gegenwart zuwenden.