Literarische EU-Erweiterung Kleine Polenkunde
Was Sie schon immer über uns wissen wollten, sich aber nie zu fragen trauten
Die Lage. Ungünstig. Die weite Ebene zwischen Osten und Westen, zwischen zwei räuberischen Reichen, zwei Zivilisationsgewalten, ist wie ein Pingpongtisch. Sie war Schauplatz sämtlicher großer Kriege – von Napoleon bis zum Zweiten Weltkrieg.
Die Grenzen. Beweglich. In manchen historischen Epochen: ausgedehnt, einmal sogar von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Zu anderen Zeiten: völlig verschwunden. Zuletzt von drei Großmächten – den USA, Großbritannien und der Sowjetunion – in Jalta willkürlich festgelegt. Polen verlor Lemberg und Wilna, gewann aber Breslau und Stettin. Ob das gut war, ist bis heute umstritten.
Häufigster politischer Fehler. Wahl des falschen Bündnispartners.
Die Sprache. Slawisch, angeblich schwierig wegen der Zischlaute (wer’s nicht glaubt, lese laut: Chrząszcz brzmi w trzcinie, auf Deutsch: Der Käfer brummt im Schilf). Setzte sich im multikulturellen polnischen Staat mit der Abschaffung des Lateinischen durch. Solange es keinen Staat gab, war einzig die Sprache Träger der gemeinsamen Identität, deshalb achten die Polen sie hoch.
Die Bevölkerung. Fast 40 Millionen in Polen, etwa 10 Millionen im Ausland. Ergebnis einer jahrhundertelangen ethnischen Durchmischung (Ukrainer, Juden, Weißrussen, Litauer, Deutsche, Schlesier, sogar Tataren). Es trifft nicht zu, dass jeder Pole einen Schnauzbart hat.
Der Nationalcharakter. Auf den ersten Blick sind die Polen ziemlich brummig, manchmal wirken sie arrogant. Häufig sind es Individualisten, zuweilen sogar Exzentriker. Jedwede Macht weckt ihr Misstrauen, sie sind geborene Anarchisten. Achtung: Sie mögen es nicht, wenn man Witze über sie macht. Ihre Stimmung balanciert zwischen Selbstverliebtheit und melancholischem Minderwertigkeitskomplex.
Die Religion. Polnischer Katholizismus, eine spezifische Abart des Katholizismus. Zeichnet sich durch Sendungsbewusstsein und eine enge Bindung an die nationale Identität aus (siehe: Die großen Mythen.), ebenso durch einen stark entwickelten Marienkult. Der Kirche gilt die Muttergottes als einzige und unwiderrufliche Königin Polens. In dieser Hinsicht kann man Polen als Monarchie bezeichnen. 95,8 Prozent der Erwachsenen bekennen sich zur katholischen Kirche, was nichts darüber aussagt, wie viele ihren Glauben auch praktizieren.
- Datum 12.06.2009 - 15:55 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 15.04.2004 Nr.17
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