Literarische EU-Erweiterung Kleine PolenkundeSeite 2/2
Kultur und Kunst. Höchster Poetisierungs-Koeffizient pro Kopf der Bevölkerung. Etwa hunderttausend Menschen schreiben Gedichte, darunter zwei Nobelpreisträger, die beide in Krakau wohnen.
Die Küche. Als typisch polnische Gerichte gelten ukrainischer Borschtsch und russische Piroggen. Empfehlenswert sind Wurstwaren (siehe: Verdienste um die Welt), Pilzgerichte und Berglerkäse. Polen gehört zu jenen traurigen Orten, an denen kein Wein gedeiht. Deshalb haben sich die Bewohner auf Wodka verlegt. Es ist falsch, dass die Polen den meisten Alkohol in Europa trinken, ihr Verbrauch liegt nur leicht über dem Durchschnitt.
Stabile Krise. Der natürliche gesellschaftspolitische Zustand, den die Polen seit Generationen gewohnt sind und mit dem sie ausgezeichnet zurechtkommen. Es ist zu befürchten, dass jede Normalisierung der Verhältnisse gesellschaftliche Unruhen hervorrufen könnte.
Die großen Mythen. 1. Das antemurale christianitis, Polen als Bollwerk der christlichen Welt und damit verpflichtet zum Schutz der westlichen Zivilisation vor den Barbaren. 2. Die Unterstützung jedes Kampfes um Freiheit und Unabhängigkeit, wo auch immer. Nach diesen Mythen zu handeln ist kostspielig und stößt bei den Schutzbefohlenen meist auf wenig Verständnis.
Verdienste um die Welt. 1. Die fachkundige und diskrete Zerlegung des Kommunismus. 2. Die Verbreitung der Kultur des Kaffeetrinkens und die Gründung der ersten Cafés in Wien. 3. Die Erfindung des Baseballs für die Amerikaner. 4. Die polnische Wurst.
Was Polen in die EU einbringen kann. Die Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen zurechtzukommen (siehe: Stabile Krise). Das Talent, Steuerschlupflöcher zu finden. Den Urwald von Białowieza. Ein bisschen Chaos.
Olga Tokarczuk, geb. 1962, hat an der Warschauer Universität Psychologie studiert und den Verlag Ruta mitgegründet. Ihre Romane und Essay-Bände wurden mehrfach ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt
Aus dem Polnischen von Olaf Kühl
- Datum 12.06.2009 - 15:55 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 15.04.2004 Nr.17
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