Indien Fortschritt und kleine Pogrome

Wahlkampf in Indien: Die Regierungspartei BJP wirbt für die Modernisierung – und macht radikalen Hindus Zugeständnisse

Für Hindus ist Ayodhya eine heilige Stadt. Am Ufer des Flusses Saryu im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh soll einst eine Reinkarnation des Gottes Vishnu zur Welt gekommen sein: Rama, dem Epos nach der ideale Herrscher, der allen Menschen Wohlstand brachte und die soziale Ordnung in friedlichem Gleichgewicht hielt.

In engen Gassen, umsäumt von unzähligen Tempeln und überfüllt mit Händlern, die sakrale Öllampen, Pulver und Götterbildchen verkaufen, überlagern süße Düfte brennender Räucherstäbchen den Geruch von Urin und in der Hitze faulendem Müll. Um zu Hanuman, dem Affengott, zu beten, muss man im ehrfürchtig stummen Getümmel der Gläubigen und Bettler, der asketischen Priester und frechen Paviane barfuß 65 steile Stufen emporsteigen. Doch vor dem Heiligtum des Rama warten noch ganz andere Hindernisse.

Anzeige

Bataillone von Sicherheitskräften in khakifarbener Uniform. Spezialtruppen in blauen Tarnanzügen und in kugelsicherer Weste, das Gewehr geschultert. Absperrgitter, Zäune. Mehrfache Leibesvisitationen.

Und das nicht nur an diesem Aprilmorgen, an dem sich ein besonderer Wallfahrer vor dem Gottkönig verbeugen will – und vor den Kameras: Lal Krishna Advani, Indiens Vizepremier und Innenminister, mächtigster Mann hinter dem Regierungsoberhaupt Atal Behari Vajpayee. Die Visite soll ein Höhepunkt von Advanis Wahlkampftour sein, die ihn fast 8000 Kilometer weit vom südindischen Kanyakumari durch 121 Wahlkreise bis nach Amritsar im Norden führt. Auf den Besuch in Ayodhya blickt ganz Indien: Würde Advani hier erneut hindunationalistische und antimuslimische Ressentiments schüren? Sein Auftritt für die Bharatiya-Janata-Partei (BJP) hat eine Vorgeschichte – ebenso wie die hoch gerüstete Polizei vor Ramas Tempel.

Den glutrot angestrahlten Hindu-Schrein darf es eigentlich nicht geben. Er ist ein mit Gewalt durchgesetztes Provisorium, errichtet unter hässlichen Zeltplanen auf den Überresten der 500 Jahre alten Babri-Masjid-Moschee. Sie wurde im Dezember 1992 von radikalen Hindus dem Erdboden gleichgemacht, weil angeblich – was noch kein Archäologe belegt hat – an derselben Stelle einst ein Rama-Tempel stand. Der rohen Zerstörung schauten Sicherheitskräfte und Politiker untätig zu.

Auch Advani? Ob er damals vor Ort zu beschwichtigen versuchte, ist umstritten; beim Prozess sprach man ihn frei. Gewiss ist, dass er schon zwei Jahre vor dem inszenierten Furor verhaftet wurde, weil er im ganzen Land aufstachelnde Reden gegen die Moschee gehalten hatte. Als daraufhin radikale Hindus ihre safranfarbene Flagge auf die Kuppel der Babri Masjid pflanzten, schoss die Polizei. Für die Scharfmacher innerhalb der BJP sind die Opfer dieser Kugeln „Märtyrer“. Und die Bewegung zur Errichtung eines neuen Rama-Tempels auf den Trümmern der Moschee ist seither das Symbol für die Durchsetzung der „Hindutva“, einer hinduistischen Lebensweise, der sich der gesamte Subkontinent unterwerfen soll.

Legitimiert wird dieser chauvinistische Anspruch mit dem Bemühen, die „fragmentierte indische Gesellschaft“ von der anachronistischen Kastenhierarchie zu befreien. Gerichtet wurde er immer wieder gegen Andersgläubige. Bei Unruhen in ganz Indien nach der Zerstörung der Babri-Masjid-Moschee kamen Hunderte Muslime um.

Der Aufstand von 1992 scheint lange her. Heute wünschen sich die Händler von Ayodhya vor allem ein Ende der Spannung, damit endlich wieder mehr Besucher kommen. Von irgendetwas muss man leben, also verkaufen bettelarme Jungs staubige Andenkenheftchen mit Fotos, die statt der historischen Moschee den Sturm darauf zeigen. Dass auch Muslime einträchtig hinduistische Kultgegenstände feilbieten, belegt, wie sehr der ganze Konflikt von außen in die Stadt getragen wurde; ein Konflikt, dem die BJP unter anderem ihren rasanten Aufstieg in den neunziger Jahren verdankt.

Service