Irak Das Ende der Illusionen
Der Aufstand im Irak beweist: Die Besatzer haben die Kraft des irakischen Nationalgefühls unterschätzt
Manchmal ist es hilfreich, den so genannten einfachen Leuten zuzuhören. Der Transportunternehmer Mustafa aus Falludscha ist einer von ihnen. Er wohnt mitten in der Rebellenstadt, nicht weit von einer Moschee, und da er unter Muskelschwund leidet und nicht mehr gehen kann, kommen die Menschen zu Besuch. In seinem Haus bewirtet er täglich viele Gäste, die seine Meinung einholen wollen. Mustafa verfügt offensichtlich über Autorität, deren Ursachen für einen Außenseiter nur schwer zu ergründen sind. Er weiß jedenfalls Bescheid. Er kennt seine Leute, und er kennt den Irak. Als er noch gehen konnte, fuhr er mit einem seiner Lastwagen kreuz und quer durchs Land, in den Süden, zu den Schiiten, und in den Norden, zu den Kurden. Auf die Möglichkeit eines Bürgerkrieges zwischen Schiiten und Sunniten angesprochen, antwortet Mustafa: „Die Trennung zwischen Sunniten und Schiiten, das ist nur ein Keil, den die Amerikaner zwischen uns treiben wollen, um uns zu beherrschen. Aber Sie werden sehen, in einem Jahr bewegen sich auch die Schiiten!“ Es war September 2003, als Mustafa dies dem ZEIT-Reporter sagte.
Nicht einmal sieben Monate später ist im Irak eine Rebellion ausgebrochen, an der sich Sunniten wie Schiiten beteiligen. Falludscha ist von der US-Armee abgeriegelt; die Stadt al-Kut war zeitweise in den Händen aufständischer Schiiten, Nadschaf ist teilweise unter Kontrolle der Rebellen; Scharmützel und gewaltsame Demonstrationen werden in diesen Tagen aus vielen anderen Städten und Ortschaften des Iraks gemeldet, darunter aus dem hauptsächlich von Schiiten bewohnten Bagdader Stadtteil Sadr-City. Dutzende Ausländer wurden als Geisel genommen und zwei deutsche GSG9-Beamte auf ihrem Weg nach Bagdad getötet. Fünfundsiebzig US-Soldaten sind seit dem 4. April ums Leben gekommen, und allein in Falludscha an die 600 Iraker.
Ist das nun die von vielen befürchtete nationale Erhebung der Iraker gegen die Besatzer?
Nein, das ist es nicht. Die Mehrheit der Iraker bleibt angesichts der Gewalt passiv. Auch wenn es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen in vielen Teilen des Landes gekommen ist, die bisher ruhig waren, von einem landesweiten Aufstand kann nicht die Rede sein. Und doch hat sich etwas Entscheidendes verändert. Bisher hatten die Amerikaner für alle Angriffe auf ihre Soldaten drei Gruppen verantwortlich gemacht: ausländische Terroristen, Saddam-Hussein-Loyalisten, bezahlte Mörder. Das lässt sich nicht mehr halten. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld spricht zwar immer noch von „Mördern und Gangstern“, aber seine eigenen Offiziere im Irak haben längst festgestellt, dass es „auf einer, wenn auch niedrigen Ebene eine Zusammenarbeit zwischen sunnitischen und schiitischen Gewalttättern gibt“; es gibt auch Berichte, dass Schiiten und Sunniten derzeit versuchen, eine gemeinsame islamische Armee auf die Beine zu stellen: So viele Mörder und Gangster gibt es nicht einmal im Irak, dass man ihnen die Bildung einer Armee zutrauen könnte.
Der Aufstand hat also die Illusion zunichte gemacht, es genüge, mit harter Hand gegen „Mörder und Terroristen“ vorzugehen und mit reichlich Geld den Wiederaufbau zu finanzieren. Repression plus Geld ergibt Demokratisierung: Diese aus einem unerschütterlichen Überlegenheitsgefühl geborene Gleichung geht nicht auf; außerdem hat sie dazu geführt, dass viele Iraker, die den Besatzern gleichgültig gegenüberstanden, sich den Rebellen angeschlossen haben. Wo immer nämlich auf die Besatzer geschossen wurde, reagierte die US-Armee sehr hart. Selbst bei den engsten Verbündeten der USA löst dies inzwischen Kritik aus. „Die Amerikaner betrachten die Iraker als Untermenschen“, sagte ein hoher Offizier der britischen Armee dem Sunday Telegraph und verwendete das von den Nazis geprägte deutsche Wort. Der Offizier wurde weiter zitiert: „Meine Meinung und die der britischen Befehlskette ist, dass die Gewaltanwendung in keinem Verhältnis zu der Bedrohung steht, der die Amerikaner gegenüberstehen!“ Schwerer noch wiegt die Aussage des liberalen irakischen Politikers Adnan Pachachi, eines Mitglieds des Übergangsrates. Er verurteilte die amerikanische Militäraktion in Falludscha als „Massenbestrafung für den Tod von vier Amerikanern“. Pachachi ist einer der wenigen amerikafreundlichen Politiker in Bagdad, die auch unter Irakern Achtung genießen.
Pachachi und viele seiner Kollegen befürchten, das Vorgehen der USA werde nur den Extremisten nützen, namentlich dem prominentesten unter ihnen, dem schiitischen Mullah Mokhtada al-Sadr. Der junge Kleriker ist ein Außenseiter in der schiitischen Gemeinde, und ohne Zweifel sucht er gerade deswegen, die Straße zu mobilisieren. Richtig ist auch, dass seine „Mehdi-Armee“ gerade 1000 Kämpfer hat, dass er aber über 10000 gewaltbereite Anhänger verfügt. In Afghanistan würde man jemanden wie Mokhtada einen Warlord nennen. Militärisch stellt er für die USA ein durchaus lösbares Problem dar. Aber das allein sagt wenig über das Gefahrenpotenzial Mokhtada al-Sadrs aus.
Die USA haben sich von dem 31-jährigen Mullah in eine gewalttätige Auseinandersetzung zwingen lassen. Mokhtada ist dafür verantwortlich, dass die Politik im Irak derzeit allein von den Waffen bestimmt wird, dass sich die Besatzer auf das Militärische haben reduzieren lassen. Gleichzeitig versucht er, sich selbst neue politische Optionen zu eröffnen. In einer am 6. April veröffentlichen Stellungnahme Mokhtadas heißt es: „Ich werde der schlagende Arm Ajatollah al-Sistanis sein und helfen, meine irakischen Brüder und Schwestern zu befreien. Ich rufe meine sunnitischen Brüder dazu auf, ihren heldenhaften Widerstand gegen die brutalen Besatzer weiterzuführen!“
In diesen Worten ist die gesamte Gefahr enthalten und die politische Klugheit eines Mannes, der allzu schnell als tumber Radikalinski abgetan wird. Mokhtada fordert al-Sistani nicht heraus, weil er weiß, dass er dem unumstrittenen Führer der schiitischen Gemeinde nicht frontal begegnen kann. Dafür ist er zu schwach. Er stellt sich daher wohlweislich in den Dienst des verehrten Ajatollahs und deutet auch an, dieser habe nun die verlockende Möglichkeit, zum Helden der irakischen Nation zu werden. Ajatollah al-Sistani hat bisher dem Werben Mokhtadas widerstanden. Er hat die Schiiten dazu aufgerufen, keine Gewalt anzuwenden. Wohl aber hat er das amerikanische Vorgehen scharf verurteilt. Das war ein Wink an Mokhtada und seine Anhänger, dass sie nicht ganz allein stünden in ihrem Kampf.
Wer heute im Irak den USA zu nahe steht, ist diskreditiert
Al-Sistani hat sich also alle Möglichkeiten offen gehalten. Das muss er auch. Wenn er nämlich nicht die schiitischen Toten beklagte, die Amerikaner nicht verurteilte, würde er rapide an Autorität verlieren. Wer heute im Irak den USA zu nahe steht, ist im Handumdrehen unter den Irakern diskreditiert. So erklärt sich, dass ein großer Teil des Übergangsrates die Besatzer kritisiert. Selbst einflussreiche kurdische Politiker, die zu den treuesten Freunden der USA gezählt werden, finden inzwischen unfreundliche Worte für das Vorgehen der Besatzungssoldaten. Und die 70000 Polizisten, die im vergangenen Jahr ausgebildet, eingestellt und gut bezahlt worden sind, um für Sicherheit zu sorgen, haben sich immer dort, wo in den vergangenen Tagen Gewalt ausbrach, schnell davongestohlen. Ein frisch ausgebildetes irakisches Armeebataillon trat den ihm befohlenen Dienst in Falludscha gar nicht erst an. Nein, George W. Bush hat kaum noch Freunde unter den Irakern. Zwischen seinen Soldaten und den Aufständischen befindet sich kein irakischer Mitspieler mehr, der die Auseinandersetzung dämpfen könnte. Das ist die niederschmetternde Erkenntnis der vergangenen Tage.
Mokhtada bekundete in seiner Stellungnahme vom 6. April auch seine Unterstützung für die „sunnitischen Brüder und Schwestern“. Er musste nicht lange auf Antwort warten. In Bagdad zirkulierten in dieser Woche Flugblätter, in denen sunnitische Aufrührer sich mit den schiitischen Rebellen solidarisieren. „Wir sind mit euch!“, stand da zu lesen. Und als Schiiten in Basra, al-Kut, Hilla, Nasirija, in Kerbala und Nadschaf rebellierten, griffen jungen Männer aus dem von Sunniten bewohnten Bagdader Stadtviertel Adhamija US-Konvois an. Am 7. April dann setzte der Sprecher Mokhtadas den Angriff der Amerikaner auf Falludscha mit den Vorstößen der US-Armee in Sadr-City gleich.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt muss auch der größte Optimist unter den Besatzern an den irakischen Aufstand von 1920 gedacht haben. Die Parallelen sind frappierend.
Damals hatte die britische Besatzungsmacht versucht, nach dem Zusammenbruch des ottomanischen Reiches im Irak eine liberale Demokratie zu etablieren. Anfangs waren die Briten vor allem bei den Schiiten willkommen. Diese glaubten, sie würden von dem sunnitisch dominierten Bagdad befreit, so wie die Schiiten nach dem Sturz Saddam Husseins das erwarteten. Die Briten versäumten es, mit den Schiiten stabile Kontakte aufzubauen. Genauso wie es den Amerikanern nicht gelungen ist, wirklich gute Geschäftsbeziehungen mit Ajatollah al-Sistani herzustellen. Die britischen Besatzer fürchteten vor allem die Extremisten unter den Schiiten, so wie die USA Mokhtada fürchten. Schließlich verhaftete die Besatzungsmacht eine Gruppe radikaler schiitischer Geistlicher, genauso wie die Amerikaner einen engen Mitarbeiter Mokhtadas festnahmen. Die Antwort der Schiiten war Gewalt – die gleiche Antwort, die sie heute geben. 1920 war der Aufstand zunächst nur regional, bald schon aber breitete er sich über das ganze Land aus. Die Sunniten beteiligten sich an der Erhebung, weil sie fürchteten, ihre dominierende Stellung zu verlieren, die sie unter den Ottomanen eingenommen hatten. Sie kooperierten mit den Schiiten und rebellierten gegen die britische Besatzungsmacht und die von ihr eingesetzte neue Elite. Auch das findet in diesen Tagen wieder statt.
Die Briten haben damals den Aufstand niedergeschlagen. 10000 Iraker starben und mehr als 500 Soldaten Ihrer Majestät. Die Besatzer mussten gleichwohl einsehen, dass sie ihre Herrschaft nicht aufrechterhalten konnten. Sie entließen den Irak in die Unabhängigkeit, viel früher als sie dies selbst geplant hatten. Die Amerikaner haben heute den 30.Juni als Tag festgesetzt, an dem sie den Irakern ihre Souveränität zurückgeben wollen. Die meisten Experten halten dies für einen vorschnellen Schritt. Das Datum ist vor allem durch den beginnenden Wahlkampf in den USA diktiert worden.
Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie kann lehrreich sein. Das Jahr 1920 war das Geburtsjahr der irakischen Nation. Und diese Nation kam durch bitteren Kampf gegen eine ausländische Macht zustande. Die Besatzer von heute haben nicht verstanden, dass das stärkste Band unter den Irakern nicht die Religion ist, sondern das Nationalgefühl. Viel zu viel, viel zu lange war die Rede von den Rivalitäten zwischen Sunniten und Schiiten; sie hat überdeckt, dass die Iraker über alles verfügen, was eine Nation stark macht, über eine gemeinsame Geschichte und Erinnerung, über ein Zugehörigkeitsgefühl, Selbstbewusstsein. Mokhtada al-Sadr möchte ein Nationalheld werden, nicht nur ein Held seiner Schiiten. Dass er das bisher nicht geworden ist, zeigt nur, dass der Vergleich mit 1920 nicht zu weit getrieben werden darf und wir heute noch nicht von einem Nationalaufstand sprechen können.
Wer die Stärke des irakischen Nationalgefühls trotzdem noch unterschätzt, sollte einen Gedan-ken an den Krieg mit dem Iran verschwenden. Zwischen 1980 und 1988 schlachteten die Gegner einander zu Hunderttausenden ab. In den Schützengräben starben schiitische Iraker im Feuer ihrer iranischen Glaubensbrüder. Obwohl Ajatollah Chomeini aus Teheran die Schiiten des Iraks immer wieder zum Aufstand aufrief, kam es nie dazu. Die Iraker starben lieber für ihr Land als für ihre Religion. Die Historikerin und Journalistin Sandra Mackey nennt den Irak-Iran-Krieg denn auch treffend „Krieg der Identität“. Saddam Hussein war es gelungen, die irakische Nation durch das Blut zusammenzuschweißen.
Dennoch ist ein Bürgerkrieg möglich. Laut einer in diesen Tagen durchgeführten Umfrage der Universität Bagdad rechnen sogar 41 Prozent der Iraker damit. Das muss allerdings nicht bedeuten, dass dies ein Krieg zwischen Sunniten und Schiiten sein wird. Es kann auch ein Krieg zwischen radikalen Islamisten beider Gruppierungen gegen säkulare Kräfte sein. Er könnte auch einfach eine Chiffre für Chaos und Anarchie im Irak sein. Solange der Besatzer im Land ist, wird sich die Gewalt aller gegen ihn richten. Die USA schweißen das Land zusammen, anders freilich, als sie es gedacht haben.
Eine militärische Lösung wird es nicht geben. Man muss verhandeln
Der Aufstand dieser Tage hat Washington wohl aus seinen Träumereien geholt. Wie weit die Amerikaner in der Lage sind, die Grenzen ihrer Macht anzuerkennen, wird sich bald zeigen. Amerika wird sich vor allem daran messen lassen, wie es sich gegen die Aufständischen verhält. In Falludscha haben die Amerikaner eine einseitige Waffenruhe ausgerufen, um Hilfslieferungen an die Zivilisten zu ermöglichen und einer Delegation des Übergangsrates den Weg freizugeben. Sie sollen mit den Aufständischen verhandeln. Das ist ein kleines, aber doch bedeutsames Eingeständnis. Die Bereitschaft der US-Armee, Verhandlungen indirekt aufzunehmen, zeigt, dass auch der größte militärische Apparat der Weltgeschichte nicht in jedem Fall genügt, eine Stadt von 300000 Einwohnern in der mesopotamischen Provinz zu befrieden.
Bleibt es bei der rein militärischen Konfrontation, dann könnte eine Prophezeiung des gestürzten Diktators Saddam Hussein doch noch eintreten. Er hatte im Februar 2003, einen Monat vor Kriegsausbruch, gesagt: „Die Amerikaner sollten bei den Briten nachfragen, bevor sie sich entscheiden, den Irak anzugreifen!“ Es lässt sich alles Schlechte dieser Welt über Saddam Hussein sagen, nicht aber, dass er sein eigenes Land nicht kennt.
- Datum 15.04.2004 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 15.04.2004 Nr.17
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



