Kriminalroman
Mordwaffe: Die Feder
Der Schauplatz eines Verbrechens ist klar umrissen. Absperrbänder halten Neugierige fern, hinter den grellen Aufschriften „ befinden sich nur Opfer oder Ermittler. Hier sprechen die Spuren.
Ganz anders der Schauplatz eines Kriminalromans. Hier sprechen Worte. Abgegrenzt wird er materiell durch Buchdeckel und Seitenschnitt, immateriell durch Fantasie. Ein Verbrechen geschieht in der Wirklichkeit, der Kriminalroman spielt in der Schattenzone zwischen Imagination, Schrift und Moral.
Dieses opake Terrain zwischen Logik und Fantastik, Detailversessenheit und Paranoia hat so unterschiedliche Temperamente wie Bertolt Brecht, Jorge Luis Borges oder Gertrude Stein fasziniert. Trotzdem sind die Autoren eher selten, die die Sprache selbst ins kriminelle Geschehen verwickeln. Jorge Luis Borges und sein Compadre Adolfo Bioy Casares wären zu nennen; Helmut Heißenbüttel hat auf ihren Spuren zwischen der Ermittlungsarbeit des Detektivs und der Erstellung eines Textes theoretische Analogien entdeckt. Doch kaum jemand ist bisher mit so viel Spiellust und Ideenkombinatorik dem Mordinstrument Sprache auf den immateriellen Leib gegangen wie der Argentinier Pablo de Santis. An diesem Kolumnenplatz hätten schon seine Romane Die Übersetzung (auf Deutsch 2000 erschienen) und Die Fakultät (2002) gewürdigt werden müssen – ich bitte die Leserinnen und Leser um Verzeihung.
In der Übersetzung ging es um die Frage, ob der Tod einiger Teilnehmer eines Übersetzerkongresses mit der geheimnisvollen Sprache zu tun hat, die sie entschlüsselten; in der Fakultät war es die Eifersucht zwischen Literaturwissenschaftlern, die um Auslegungshoheit über das Werk eines unsichtbaren Autors rivalisierten, die die Vernichtungsspirale in Gang setzte. Dem jüngsten, soeben auf Deutsch veröffentlichten Spiegelgefecht des Argentiniers gibt eine weitere literarische Sekundärexistenz den Titel: Voltaires Kalligraph.
Bereits das ist eine irreführende Fährte. Nicht die Schicksale des Kalligrafen Dalessius sind Gegenstand des Buches. Hinter seinen Federn, Papieren und Tinten verschwindet der Mann beinahe vollständig. Die Person ist die Funktion. Tatsächlich: Wozu brauchte Voltaire, dessen Triumphe auf der Drucktechnik beruhten, einen Schönschreiber? Dalessius verrät: Ohne Reinschrift hätte kein Drucker „Voltaires unidentifizierbares Gekritzel“ lesen, setzen und drucken können.
Doch wenn der unscheinbare Schriftübermittler nicht funktioniert, wie er soll, gewinnt er stille Macht. So konnte das Todesurteil an einer Giftmischerin nicht vollstreckt werden, weil Dalessius den Urteilstext mit einer Tinte geschrieben hatte, die noch vor der Exekution verschwunden war. Welt- und ideenbewegend wirkt er im historischen Fall des Toulouser Bürgers Jean Calas. Seine Hinrichtung aufgrund einer religiös motivierten Mordanklage inspirierte Voltaire 1763 zu dem berühmten Traktat über die Toleranz. Erst Dalessius’ detektivisch genaue Lektüre einiger hinterlassener Bücher, so erfahren wir jetzt, hat allerdings den entscheidenden Beweis für die Unschuld des Justizopfers erbracht.
Doch ist dies alles nur Geplänkel im epochalen Kampf zwischen Voltaire und den Mächten der Finsternis. Als Kalligraf getarnt, dringt Spion Dalessius ins Kerngehäuse der Reaktion ein. Im düsteren Schloss Arnim hält der finstere Abt Mazy einen scheintoten Bischof als Garanten der katholischen Suprematie gefangen. Mit Hilfe Silas Darels, dem größten Kalligrafen aller Zeiten, arbeitet der Dunkelmann gegen die erklärungswütigen Enzyklopädisten an der Verschwörung, „die Welt in ein Rätsel zu verwandeln“.
De Santis kombiniert die vertrauten Effekte des Gruselromans – düstere Schlösser, Geheimtinten, dubiose Erblinien, Verschwörer unter Kutten – mit dem Lieblingsthema der Romantik, dem Automaten. Dalessius verliebt sich in die marmorhafte Tochter eines Automatenherstellers, und mit dessen erzwungener Hilfe gelingt ihm die größte Fälschung seiner Zeit: Der gefangene Bischof outet sich selbst als Schreibautomat. Doch noch ist nicht dieser mechanischer Computer die Mordwaffe Nummer eins. Das ist – und bleibt? – die Feder. Philosophie, Fantastik, Wortspielerei – bei de Santis ist der Kriminalroman pures Vergnügen auf höchstem Niveau.
Zu Beginn der wilden Geschichte, die Dalessi-us aus dem wohlverdienten Ruhestand in Argentinien erzählt, verrät er, er besitze das formalingetränkte Herz Voltaires – eine Reliquie, die anderen seinerzeit Millionen wert war. Doch er, der alte Kalligraf, benutzt das Herz des Philosophen ganz profan als Briefbeschwerer.
- Datum
- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 15.04.2004 Nr.17
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