Erzählung Paradies mit Hintereingang

Die Natur ist vergiftet und kann also die Seele im technischen Zeitalter nicht trösten. Johannes Kühn erzählt vom Verlust, den die effiziente Maschine Mensch erleidet

Ein Kind hatte einen Schmetterling gesehn, zum ersten Mal. Ein Kind hatte eine Blume gesehn, zum ersten Mal. Ein Kind hatte einen Baum gesehn, zum ersten Mal. Ein Kind sagte: Ich bin seitdem darauf aus, meine Provision zu verdoppeln…“ Dies ist wohl die kürzeste Version (des immer wieder zu erinnernden Dichters Günter Bruno Fuchs) vom Rauswurf aus dem Paradies, wie er auch als Karrieremodell derzeit hoch im Kurs ist. Die Maschine Mensch muss effizienter eingestellt werden, sonst rechnet sich’s nicht mehr. Die produktive Laufzeit muss verlängert werden, das heißt verkürzt um unwirtschaftliche Phasen wie Kindheit, Schul- und Studienzeiten, damit der unserer lahmenden Ökonomie endlich eintritt. Alles Handeln dient dem Handel, nur der Handel humanisiert, macht, dass die Völker sich nicht gegenseitig wegpusten – so die Heilslehre, die an unseren Reformuniversitäten verkündet wird.

Da passt das kleine Buch des Dichters Johannes Kühn (Jahrgang 1934), der Anfang Juni mit dem Hölderlin-Preis geehrt wird, so wunderbar gar nicht ins Konzept. Es liest sich wie ein sehr stilles, absichtsloses Gegenmanifest gegen solcherart mckinseyisierte Humanwissenschaft. Kühn, der seit Jahrzehnten zurückgezogen im saarländischen Hasborn lebt und schreibt, sternenweit entfernt und unbehelligt vom literarischen Betrieb, erzählt in seiner Geschichte Ein Ende zur rechten Zeit von einem, der für keine Provision der Welt die Nähe zu Blume, Baum und Schmetterling opfern würde und der doch das Ende der Unbeschwertheit erlebt, nachdem er in den sauren Apfel vom Baum der Erkenntnis hat beißen müssen.

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Hans heißt der empfindsame Jüngling. Er ist gerade zwanzig, Sohn eines Bergmanns und Student, ein gutmütiger Schwärmer, der noch ganz im Stande der Unschuld lebt. Bis vor kurzem hat er noch die Ziegen gehütet und in „süßer Bewusstlosigkeit“ wie Robert Walsers Schäfer ins „Herrliche Liebe Blaue“ hinaufgeträumt, bis ihm „vor lauter Daseinslust“ die Augen zufielen. Jetzt muss er Geld verdienen und einen Ferienjob im Sägewerk annehmen. Aus einer bukolischen Kindheit sieht er sich jäh ins Maschinenzeitalter katapultiert mit Zeittakt, Höllenlärm und blutigen Arbeitsunfällen.

Ihm zittern die Glieder. Man muss brüllen, um sich verständigen zu können. Und angebrüllt wird er auch, eckt er doch überall an, ruiniert fast die Maschine, benimmt sich linkisch, wie ein soeben aus dem Paradies Vertriebener nur sein kann. Kaum zwei Wochen hält er durch, dann nimmt er Reißaus. Der Frondienst an der Maschine, der Fortschritt überhaupt, erscheint ihm als der Sündenfall schlechthin. Im Kino sieht er mit Widerwillen einen Film über ein Sportfest. Da hantieren sie wieder an Geräten herum, diese Maschinenmenschen. Dann – nach einer Kirmes, wo unser Held einer von fern angehimmelten Studentin zu begegnen hoffte – fährt er das Moped des Großvaters zuschanden, er selbst hat Glück im Unglück.

Alle diese Schrecken bestärken ihn in seinem antimodernen Affekt. Er möchte die Zeit zweihundert Jahre zurückdrehen, sehnt sich nach der „Herrlichkeit und Freiheit“ früherer Epochen, „als die Natur galt, und das Leben, das wir verlieren durch soviel Gerümpel“. Was ihm fehlt, ist ein Freund, dem er sein wehmütiges Herz ausschütten kann. Da sind nur nüchterne, technikgläubige Gegenwartsmenschen, die wenig Sinn haben für die Sensationen, die ihn begeistern: „Sommerliche Wälder glänzend und heiter!“ Wolkenschatten am Mittag, die das ausgebreitete Land „so ernst“ und „so feierlich“ gedämpft erscheinen lassen bei allem fröhlichen Gezwitscher, „…glitzernde Spinnweben zwischen den Hecken, Beeren, kleine Sonnen des Abends – Fingerhüte, in ihrer Zweifelfarbe von Rot und Weiß.“

Ganz allein lässt ihn aber der Autor nicht. Er tröstet seinen verstörten Helden mit einem fiktiven Gefährten. Cicero, der große Redner, übernimmt den schweigenden Gegenpart seiner inneren Zwiegespräche. Und das hat seinen ironischen Hintersinn, denn dieser überlegene Geist zwingt den nostalgischen Jüngling, den Verstand, den er so gering schätzt, mächtig anzustrengen. Umso mehr, als der alte Römer ja historisch „dümmer“ ist. Man muss ihm ja erklären, dass die Erde eine Kugel und was ein Fließband ist, ein Moped oder Radio, aus dem man Musik und – die dramatische Klimax des Textes – in keinem Jahrhundert je gehörte Hiobsbotschaften wie die vom siebten Atombombenversuch in der Wüste Nevada empfängt. „Meine Seele ist ein Sturm… fast weine ich … Cicero, eine einfache Zahl, was ist sie? – ein Zeichen. Aber mit ihr hat der Mensch sich das Atom errechnet. – O, ohne Sinn und Begriff ist mir alles.“

Es ist das alte, immer wieder neu angestimmte Lied seit Rousseau, die im doppelten Sinne panische Klage über den Verlust der emphatisch beschworenen ursprünglichen Natur. Wie für Hölderlins Hyperion auf seinem einsamen Höhenkamm, Hamsuns Bäume umarmende Vagabunden oder die zerknirschten Heimatsucher später bei Handke ist auch für Kühns empfindsamen Helden die Natur der letzte geheiligte Zufluchtsort, doch hier können die Blessuren der „Seele im technischen Zeitalter“ (die A. Gehlens Studie auflistet – Hans könnte sein Modell sein) auch nicht mehr ausheilen, denn die Natur selbst ist vergiftet, die geliebte Erde kontaminiert, Blume, Baum und Schmetterling sind von Vernichtung bedroht.

Der Schock lässt ihn allein die agonale Seite der Technik überscharf sehen. Erst allmählich dämmert ihm im Gespräch mit Cicero, dass der Fortschritt immer schon beides, Fluch und Segen, war, dass die Natur die Matrix auch des Geistes ist, der das ganze technische „Gerümpel“ hervorgebracht hat, der Dualismus Geist/Natur also nicht haltbar ist. Was ein großer Schritt für die Menschheit war, die docta ignorantia, der Generalzweifel an der Möglichkeit von Gewissheit, ist es erst recht für einen naiven Jüngling vom Lande, aber ein unverzichtbarer für den Dichter, den wir hier in seinen Geburtswehen erleben.

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  • Serie belletristik
  • Quelle (c) DIE ZEIT 15.04.2004 Nr.17
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  • Schlagworte Erzählung | Literatur | Robert Walser | Cicero | MIT
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