Roman Ach, du Eisen-Pimmel
Thor Kunkels Joint Venture aus Biotechnik und Herrenreiterprosa
Erstens ist dieses Buch eine flott geschriebene Geschmacklosigkeit, zweitens ist es eine dauererigierte Männerfantasie, drittens ist es (um nur nicht falsch verstanden zu werden, muss gesagt sein: leider!) absolute Spitze. Es ist ganz oben, vielleicht noch nicht auf den Bestsellerlisten, aber ganz oben auf den Wellen des Zeitgeistes. Es ist, was es mit Fleiß, Kalkül und Skrupellosigkeit unbedingt sein will: die Avantgarde des biotechnischen Zeitalters.
Hat der Eichborn Verlag also gut daran getan, dieses vom Rowohlt Verlag als unhaltbar aus dem Programm entfernte Buch in geschäftiger Eile unter die Leser zu bringen? Wollen sehen.
Zunächst die Geschichte: Held Fußmann ist Forscher beim SS-Hygieneinstitut, glaubt nicht an Gott, aber an Magnetismus und das ewige Leben des Fleisches. Fußmann verheddert sich in die Sexfilmgeschäfte seiner SS-Vorgesetzten, die Pornos gegen Eisenerz und Erdölkonzessionen rund um den Globus verhökern, und verliebt sich in eine von zahlreichen NS-Ganoven hart umkämpfte Nutte. Das bietet Stoff für viele hundert Seiten Fickgeschichten und Mord- und Sprengstoff-Hully-Gully, die sich von handelsüblicher Ramschware nur noch durch aufreizende Details unterscheiden: Siegesrunen an den Schamlippen, Hakenkreuz-Topflappen-Häkeln beim Verkehr und Ähnliches.
Sprachlich befinden wir uns dabei durchaus mit beiden Beinen im Untergeschoss altdeutscher Herrenreiterprosa im Stil von „Ach, du mit deinem Eisenpimmel, japste sie, als sie sich in den Gabelsitz zwängte“, und „er zündete sich seine Zigarre an, nippte an seinem Cognac und penetrierte dann, ein fröhliches Schalali-schalala auf den Lippen, ihre guttemperierte Rosette“. Die Herren von der SS könnten, nur von der Tonlage her, heutzutage in jedem Intercity-Bistro röhren: „Sobald man in irgendein Berufsleben tritt, sollte man vergessen, dass es so etwas wie Anstand gibt. Schließlich geht es um Geld.“ Sie nehmen immer gleich den „nächsten Flieger“ nach München, hantieren mit „Memos“ auf ihren Weltenlenkerschreibtischen und wissen eigentlich von Anfang an, „dass die Party bald zu Ende ist“. So entspannt hat man die SS noch nie plaudern gehört. Erst wenn die Herren ihre weltgeschichtlich bekannteren Seiten hervorkehren, winden sich die „nackten Körper hin und her wie Ohrenkriecher auf einer glühenden Herdplatte“, dann wird abgespritzt, erstickt, erschlagen und abgefackelt, dass manchmal nichts als ein paar Tröpfchen Rückenmark übrig bleiben.
Nun die Botschaft, durch die sich dieser Beitrag zur deutschen Gegenwartsliteratur offenbar vom üblichen Landser-, Porno- und Gewaltschund aus dem Unterhaltungssegment unterscheiden möchte: Die Nazis, will dieses Buch uns weismachen, waren keine Rassisten. Sie waren Avantgardisten der Seelenlosigkeit. Sie waren die Vorreiter eines neuen Menschen, einer neuen diesseitigen Utopie. Sie haben den Humanismus überwunden und den Amoralismus der Biologie entdeckt. Ohne ihren Zynismus und ihre technische Intelligenz stünden die Amerikaner heute nicht da, wo sie stehen. Ohne ihren Körperkult, ihren Materialismus wären die jüngsten Hoffnungen auf ein nahezu ewiges Erdenleben, die Überwindung von Tod, Schmerz und Alteuropa noch immer ein ferner Traum.
Wenn etwas dieses Buch zum Skandal macht, dann sind es nicht die penetrierten Rosetten blonder Walküren, nicht die alliierten Kriegskrüppel, die sich die Herren der Welt auf ihren Streifzügen durch die afrikanische Wüste wie hoppelnde Haustierchen halten – es ist die hohle Munterkeit, mit der unser heutiger Weltbild-Mix aus easy going, Zynismus und Gentechnologie in die NS-Vergangenheit zurückverlegt wird. Die Berliner Bananrepublik im NS-Design.
Bleibt die Frage: Was soll das? Was sollen solche Sätze: „Das Umdenken der Menschheit hat in Deutschland begonnen. Noch haben wir den Vorsprung. (…) Eines Tages, wenn das Ideologische keine Rolle mehr spielt, wird man erkennen, dass das III. Reich nur ein Biotop war, ein Zwischenreich ohne moralische und ethische Grenzen. Es begünstigte die Menschen der Zukunft (…) Eine neue Bio-Technologie wird da weitermachen, wo wir 1945 aufgehört haben“? Natürlich ist das alles genauso nur Figurenrede wie das „Dritte Reich“ nur ein Biotop war. Und dennoch sind das mehr als nur die Hirngespinste eines jungen Autors, dem das Buchstaben-Dada des Gen-Codes zu Kopf gestiegen ist.
Die Parallelen zwischen dem neuen französischen Star des melancholischen Amoralismus, Michel Houellebecq, und Thor Kunkel, dem Ähnliches vorgeschwebt haben mag, sind gelegentlich bemerkt worden. Sex- und Gewaltorgien, gut durchmischt mit Menschenzucht-Visionen, frischen auch die verstellte Welt der trüben Tassen in den Romanen Houellebecqs ein wenig auf. Der empörungs- und urteilsfreie Amoralismus ist hier das letzte Residuum der alten Zivilisationskritik: So weit ist es mit uns gekommen.
Wenn es bei Kunkel traurig wird, wenn Gegenwärtiges fadenscheinig, Verlorenes beklagt wird, dann sind es entweder die deutschen Werte, die deutsche Kultur, über deren Verlust lamentiert oder die deutschen Städte, deren Vernichtung im Bombenkrieg wortreich gegeißelt wird. Wenn es fröhlich zugeht, ist ein neuer Erdgeist in Sicht, eine Art Körpergott, der dem schnöden Mammon, der Weltherrschaft des Geldes, ein Ende bereiten soll.
Will sagen: Die nationalsozialistische Binnenperspektive, erleichtert um den Antisemitismus, angereichert um den Biotechnizismus, garniert mit einer Prise Mystik und viel Bauch, Bein und Po, ist der intellektuelle Horizont – oder besser: das steile Markenoutfit – dieses Romans. Nach annähernd sechshundert Seiten glaubt man Kunkel, was er diesen unverwüstlichen deutschen Leuten in den Mund legt. Die Maschine Mann, dessen Psyche eliminiert, dessen Inneres funktionalisiert, dessen Trieb verabsolutiert ist, macht das Rennen. Dem Weibchen, Heilige oder Hure gleichviel, stehen da vor Staunen nur noch die Beine offen. So gesehen: nicht viel Neues.
Thor Kunkel: Endstufe Eichborn Berlin Verlag, Frankfurt a. M. 2004; 589 S., 24,90 ¤EndstufeRomanBelletristikThor KunkelBuchEichborn2004Frankfurt a. M.24,90589- Datum 15.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 15.04.2004 Nr.17
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