porträt Keine Angst vor der Verantwortung

Der Historiker Paul Nolte beklagt die Fixierung der Kulturwissenschaften auf die Erinnerung. Er wendet sich lieber der Gegenwart zu

Das Büro des Historikers Paul Nolte liegt in einer Kaserne. Für einen Angehörigen der Jahrgänge, die auf Ostermärschen und Friedensdemos politisch laufen lernten, bringt es eine gewisse Ironie mit sich, in einer Offiziersstube unterzukommen. Die International University Bremen ist ein erstaunliches Konversionsprojekt: Panzerwartungshallen zu Bio-Tech-Laboren, Exerziergelände zu Cricketfeldern. Und wer ein wenig wohlwollend blinzelt, kann bei den restaurierten Backsteinhäusern auf dem grünen Rasen für einen Moment an einen Campus in New England denken.

Paul Nolte isst gerne im Mercator College zu Mittag. An langen Tischen sitzen Studenten aus Osteuropa, Afrika und Asien. Von den zweieinhalbtausend Studenten ist nur ein Viertel deutsch. Der Unterricht findet auf Englisch statt. Paul Nolte hat ein Jahr in Harvard geforscht und fühlt sich im bunten Gewimmel sichtlich wohl.

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Hier wirkt er trotz seiner Weltläufigkeit ziemlich deutsch. Es mag an der strengen Brille liegen, die dem hoch gewachsenen, jungenhaften Nolte etwas Zackiges gibt. Seine ernste, immer etwas getriebene Art verstärkt diesen Eindruck noch. Aber Nolte hat vor Etiketten keine Angst: „Unsere Generation hat viel zu lange versucht, ironisch allen Festlegungen zu entgehen. Das war ein gutes Mittel gegen voreilige Selbstgewissheiten und falschen Radikalismus. Aber jetzt müssen wir uns von dem ewigen Wunsch frei machen, uns zu entziehen.“

Nolte hat schon einmal damit angefangen. Er hat gegen die Bürgerversicherung und für die Kopfpauschale plädiert, für Studiengebühren und gegen die Bulmahnsche Novellierung des Hochschulrahmengesetzes, für einen neuen „Patriotismus der Zukunftsgestaltung“ und gegen den „postbismarckschen Anstaltsstaat“ als Totalversorger. Nolte, so stand es kürzlich in der taz, sei „der konservative intellektuelle Jungstar“ des Augenblicks. Das war natürlich rufschädigend gemeint. Jung und konservativ und dann noch ein Star, das ist eine Kombination, hat sich der Kritiker wohl gedacht, die sich von selbst erledigt. Aber statt der alten Abwehrreflexe erfährt Nolte eher Neugier, und zwar von allen Seiten. Jüngst haben ihn die Grünen und die jungen Netzwerker von der SPD zu Kongressen und Kungelrunden eingeladen.

Ist er denn überhaupt ein Konservativer? Das lässt sich, wie bei vielen aus seiner Generation, nicht ganz einfach beantworten. Dass es ihm aber nichts ausmacht, so bezeichnet zu werden, markiert einen Unterschied zu früheren Jahrgängen engagierter Intellektueller. Seine Frau, die Historikerin Monika Wienfort, vertritt die halbe Woche eine Professur in Berlin. Während dieser Tage kümmert Nolte sich um die Kinder – ein moderner Familienalltag, den die Soziologen „postkonventionell“ nennen. Man lebt das liberale Großstädterleben zwischen Bremen und Berlin, balanciert so gut es geht mit Kindern, Liebe und Karriere – kurz, man ist wie so viele Gleichaltrige Teil des gesellschaftlichen Großversuchs, Selbstverwirklichung durch Selbstbindung zu erreichen.

Paul Noltes Interventionen verleugnen nicht die Spannung zwischen dem Wunsch zur weitest gehenden Freisetzung der Einzelnen und den konservativen Wünschen nach Bindung, Gewissheit, Zugehörigkeit. Seine besten Texte machen aus diesem Konflikt kleine Ideendramen. Vor vier Jahren hat Nolte einen Essay über die geistige Leere des heutigen deutschen Konservatismus publiziert, aus dem der Wunsch nach einer intellektuell anspruchsvollen Opposition sprach, die der sich beschleunigenden Moderne die Verlustrechung aufmacht. Prompt riefen die CDU-Politiker Annette Schavan und Jürgen Rüttgers bei ihm an, um ihn von der Möglichkeit eines Konservatismus mit menschlichem Antlitz zu überzeugen.

„Ich mache mittlerweile viel für die CDU“, sagt Nolte sichtlich über sich selbst verwundert. „Bei denen sind einige durch die Oppositionsrolle doch intellektuell sehr neugierig geworden. Vor fünf Jahren noch hätte ich mir das nicht vorstellen können.“ Und dann fügt er ein wenig verlegen hinzu, fast wie um sich zu entschuldigen: „Für einige bei den Grünen und der SPD gilt das auch.“

Als Flakhelfer im Deutungskrieg

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