porträt Keine Angst vor der VerantwortungSeite 3/3

Ein Historiker, der beklagt, dass sich die „Kulturwissenschaften in den letzten Jahren vielleicht zu sehr auf die Erforschung und Bewältigung von Erinnerung fixiert“ haben – das ist ein recht merkwürdiger Anblick. Paul Noltes engagierte Wendung zur Gegenwart ergibt sich aber doch ziemlich folgerichtig aus seiner historischen Forschung. Nolte wollte in seiner Habilitation wissen, „warum sich viele Deutsche lange Zeit so sehr danach sehnten, in einer möglichst homogenen Gemeinschaft zu leben und sich entsprechend schwer damit taten, die moderne Gesellschaft als ein konflikthaftes Nebeneinander rivalisierender Interessen, Schichten und Klassen zu akzeptieren“.

Man muss diesen Satz einfach nur ins Präsens setzen, schon hat man ein Leitmotiv der zahlreichen Essays zu aktuellen Fragen, mit denen Nolte über sein Fach hinaus bekannt geworden ist. Die Besten hat er in einem Buch gesammelt, das dieser Tage unter dem Titel Generation Reform erscheint. Noch eine Generation? „Ich glaube tatsächlich“, sagt Nolte, „dass die Jahrgänge zwischen den jetzt regierenden 68ern und den nachfolgenden Spaßgenerationen etwas gemeinsam haben. Wir um die 40-Jährigen waren in der Jugend hoch politisiert – Frieden, Atom, Umwelt –, doch die meisten haben sich dann zurückgezogen.“ Es habe sich eine Haltung der selbstreflektierten Blasiertheit breit gemacht. „Harald Schmidt war ihr idealer Repräsentant. Womöglich waren wir doch nur eine scheinpolitisierte Generation – an den falschen Konflikten geschult. Aber auch das gilt nicht mehr als Entschuldigung. Wir werden bald Verantwortung übernehmen müssen.“

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Verantwortung aber wofür und wozu? Das Schlagwort Reform kann zwar vorläufig die Abwesenheit eines Programms verdecken, auf die Dauer kann es kein Ersatz sein. Doch wenn Nolte solche Dinge mit der ihm eigenen Getriebenheit vorbringt, könnte man auf die Idee kommen, er habe womöglich noch anderes vor als eine Karriere in der Wissenschaft. Zurzeit stehen ihm viele Türen offen. Natürlich versichert er nachdrücklich, er sei sehr glücklich in Bremen. Angesichts des schönen Blicks aus seiner Offiziersstube auf das zentrale Grün des Campus fällt es nicht schwer, ihm vorerst zu glauben. „Ich fürchte“, sagt er verschmitzt, „man hört bei mir gelegentlich allzu sehr das gute alte Pfarrhaus durch.“ So ganz ohne Selbstironie wird also zum Glück die „Generation Reform“ ihren Weg nicht machen wollen.

 
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