Theater Der Aal und das Nadelöhr

Peter Zadek inszeniert „Peer Gynt“ am Berliner Ensemble

Jetzt, kurz vor seinem 78. Geburtstag, hat Peter Zadek ein ganzes Leben inszeniert: Henrik Ibsens das Stationendrama eines Mannes von der Jugend bis zum zitternden Alter. Die Aufführung am Berliner Ensemble dauert dreieinhalb Stunden. Sie ist eher fad und trostlos und erinnert an eine andere Zadek-Großunternehmung, an seine Autobiografie (1998).

My Way ist ein dickes Buch, weil sein Verfasser zu faul war, ein dünnes zu schreiben. Es ist eine Lebensgeschichte fast ohne Schatten, ohne Verdichtung, geschrieben in einer trockenen, manchmal blasierten Sachlichkeit. Die Leute, die darin vorkommen, bleiben Stofflieferanten des Hauptdarstellers. Aber auch der ist im Innersten leer und (auf sich selbst) nicht neugierig. An die Muster seiner Persönlichkeit rührt er nicht. Von eigenen Liebesdingen spricht er eher verwundert. Eros ist ihm ein Antrieb, ein Mittel zur Fortbewegung, mehr aber auch nicht.

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Das Buch las sich wie ein etwas gelangweiltes Selbstgespräch. Man lernte weniger einen Mann kennen als einen Tonfall – den Sound der Mühelosigkeit und Schmerzvermeidung. Man hatte weniger an einem Leben teil als am Versuch, es flott zu bagatellisieren. Zadek tat alles, um das Dasein als rein handwerkliches Problem erscheinen zu lassen. Er inszenierte sich als geradlinigen Typen in einer verrückten, abwegigen Welt.

His Way: Man hätte ewig so weiterlesen können. Aber man las immer nur wie nebenbei.

Das gilt auch für Peter Zadeks Peer Gynt am BE. Es ist ein Abend ohne Schatten und ohne Neugier. Im Saal bleibt das Licht an; die Handlung läuft wie nebenbei. Etliche Zuschauer nützen die Gelegenheit, sich ins Programmheft zu versenken, in welchem das Stück (in der 1971 entstandenen Fassung von Peter Stein und Botho Strauss mit einem von Strauss überarbeiteten fünften Akt) abgedruckt ist. Auf der Bühne eine Aufführung, die das Glück der Verdichtung und Rhythmisierung nicht erfahren hat. Trolle, Irre, Kapitalisten – Szenen, die man vorspulen möchte, um zum „Eigentlichen“ zu kommen. Aber das wäre so sinnlos wie Peers Versuch, am Ende in einer Zwiebel den Sinn-Kern zu entdecken. Zadeks Inszenierung gleicht dieser Zwiebel.

Peer Gynt handelt vom verwirkten Dasein, vom aufgeschobenen Sterben. Der Titelheld lügt und stiehlt sich durch sein Leben; auf der Strecke bleibt sein Ich. Es bedarf großer Sorgfalt, eine Lebensstrecke, die der rasende Held gar nicht wahrnimmt, künstlerisch zu durchmessen; die Darstellung vergeudeten Lebens darf nicht zur Vergeudung von Theaterzeit führen. Zadek macht sich die Mühe nicht.

Viele Regisseure haben Peer Gynt wie etwas Übermächtiges behandelt, als apersonale Größe: Sie haben die Figur präpariert, gespalten und mehreren Spielern zur Gestaltung vorgeworfen.

Die zischende Lokomotive und der blinde Passagier

Peter Stein schickte 1971 an der Berliner Schaubühne sechs Peers ins Rennen, Hans Kresnik bot vergangenes Jahr bei den Salzburger Festspielen drei auf. In Stuttgart zerteilte Hasko Weber, ebenfalls 2003, Peer in einen zuschauenden Alten und einen handelnden Jungen (wo der Junge noch brannte, da zerkrümelte der Alte schon die Asche zwischen den Fingern).

In gewisser Weise waren all diese Regiemaßnahmen Beschönigungen des Gyntschen Wesens. Zerlegt und differenziert wurde die Erscheinung eines Mannes, dessen oberste Eigenschaften ja die Unveränderlichkeit und die Selbstgenügsamkeit sind.

Was das angeht, sind wir bei Zadek in besten Händen. Sein Peer Gynt ändert sich nie. Nicht für einen Moment öffnet sich der Spalt zwischen dem jungen und dem alten Peer, nie wird der eine zum Anschauungsgegenstand des anderen. Am BE gibt es nur einen Peer, der sich nicht wandelt oder schält, der keine giftige Vergangenheit kennt und der immer an forderster Zeitfront kämpft.

Uwe Bohm, der vor drei Jahren in Zadeks Hamburger Bash- Inszenierung einen vor Blutglück glucksenden Mörder spielte, verwandelt jede Rolle in etwas Wonniges. Dem Peer gibt er einen heiteren Karussellbremserton. Morgenfrisches Hanseatentum weht herein ins Brecht-Theater: Hier haben wir den Aale-Peer, der uns prahlend seine Fische verkauft, die dicksten auf dem ganzen Fischmarkt. Um ihn her werden alle Figuren zu eitel Staffage, Peer ist auf dieser Lebensreise sehr auf sich gestellt. Er spielt die Lokomotive des Zuges und dessen blinden Passagier. Er spielt den Zirkusdirektor und den fleckigen Clown. Er ist sein eigener Entertainer, ein von Jingles und Eigenwerbung überquellendes Gute-launeradio.

Wenn die Entwicklung des Theaters auch mit der allmählichen Abwendung des Schauspielers vom Zuschauersaal und hin zu den Mitspielern beschreibbar ist, also mit einer halben Drehung weg von der Öffentlichkeit, so vollendet Bohm die Drehung, bis er feixend wieder frontal vor uns steht: Er gibt Peer Gynt als Stand-up-Comedian, er swingt noch im Alterstremor.

Die Figuren um ihn her haben ungefähr dieselbe konzeptionelle Tiefe wie das Griffloch eines Leitz-Ordners. Nur drei Frauen dürfen kurz aufleuchten, Peers Mutter Aase (Angela Winkler), Peers unberührte Lebensliebe Solveig, die ihn wunderschön in den letzten Schlaf singt (Annett Renneberg), und Peers Wüstengespielin Anitra (Anouschka Renzi: nackt! auf einem Pferd! und zuvor schon in der Bild- Zeitung!).

In den Szenen mit Aase ahnt man ein wenig, was Zadek ansonsten verschenkt hat. Wenn Peer seiner Mutter von seinen Stürzen vorlügt, fällt sie schon; seine Rede ist ihre Turbulenz („Oh Gott, Peer – mach es kurz!“). Die beiden bilden ein geschlossenes Abo-Theatersystem: Was er anbietet, kauft sie ihm ab. Sie schiebt sich lüstern, mit gesenkten Armen an ihn heran und schenkt ihm das Winklersche Ein-Sekunden-Leuchtlächeln, als wolle sie vom eigenen Sohn sofort verschlungen werden. Als sie stirbt, lügt er sie mit aller erzählerischen Macht hinüber ins Jenseits, er bugsiert sie heil durch jenes Nadelöhr, durch das er selbst nicht kommen wird.

Der Rest ist Ödnis. Um das Auge zu erfrischen, drehte der Rezensent sich manchmal heimlich um und sah im beleuchteten Saal den Regisseur in seiner Loge sitzen, im Theatermorgenlicht umgeben von lauter Gefährten. Da vergaß er die kleine, schwache Peer Gynt- Flunkerei dieses Abends und begann, sich auf die nächste große Zadek-Lüge zu freuen.

 
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