Das Signal zum Aufstand gibt ein leises Liebeslied. "Ich wollte wissen, wer ich bin, was ich hier tu, wer mich verlassen hat, wen ich vergessen habe", singt Paulo de Carvalho am 24. April 1974 nachts um 22.50 Uhr in einem portugiesischen Rundfunksender, "du kamst in Blumen gekleidet, ich habe dich entblättert, du gabst dich der Liebe hin, ich gab dir nichts…" Es ist das Zeichen für den Beginn der militärischen Operationen. Doch nicht Carvalhos Lied E depois do adeus (Nach dem Abschied) geht in die Annalen ein, sondern Grândola vila morena (Grândola, braune Stadt), der populäre Song von Zeca Afonso über das Landstädtchen hundert Kilometer südlich von Lissabon, wo die lehmigen Straßen so braun sind wie die sonnengegerbten Gesichter der Landarbeiter. Das Lied erklingt eine halbe Stunde nach Mitternacht, es ist eine verschlüsselte Botschaft: Der Aufstand hat begonnen. "In dir, oh Stadt, regiert das Volk", heißt es in Afonsos Lied, dessen Melodie vom Geräusch im Gleichschritt marschierender Menschen untermalt wird, "Land der Brüderlichkeit, an jeder Ecke ein Freund…" Zwei Jahre zuvor noch hat die gefürchtete Geheimpolizei die Schallplatte in allen Läden beschlagnahmen lassen. Zu deutlich tönt die politische Botschaft. Gleichheit und Brüderlichkeit sind auch einhundertfünfundachtzig Jahre nach der Französischen Revolution gefährliche Parolen in Portugal, der ältesten Diktatur Westeuropas.

Diktator Salazar bricht durch seinen Liegestuhl

Der Umsturz vom 25. April 1974, die Nelkenrevolution, beendete diese Diktatur. Doch weit darüber hinaus markiert er für uns heute den Auftakt einer Demokratisierungswelle, einer grundlegenden Erneuerung Europas, die sich im Süden ausbreitete (Sturz des Obristen-Regimes in Griechenland 1974, Ende des Frankismus in Spanien 1975) und mit dem Beginn der achtziger Jahre auch die Staaten im Osten erreichte: Im Oktober 1980 wurde in Danzig die freie Gewerkschaft Solidarność offiziell zugelassen, das Ende der so genannten Nachkriegsordnung kam in Sicht.

Die Diktatur in Portugal hatte 1926 begonnen, als General Vítor Gomes da Costa die demokratische Regierung beseitigte, die auf den Untergang der Monarchie im Jahre 1910 gefolgt war. 1932 setzten die Militärs António Salazar als Ministerpräsidenten ein, der bis zu seinem Sturz 1968 das Land mit diktatorischer Gewalt regierte. Es war ein Sturz im eigentlichen Sinne des Wortes: Die Stoffbespannung seines alten Liegestuhls riss, der 79-Jährige ging zu Boden und erlitt eine Hirnblutung. Nach einer Operation folgte ein Schlaganfall, der ihn für den Rest seiner Tage, bis zu seinem Tod zwei Jahre später, lähmen sollte. Salazars Nachfolger Marcello Caetano zeigte sich liberaler, letztlich aber verkörperte er nur die Kontinuität des alten Regimes. Zwar waren jetzt politische Vereinigungen zugelassen, Parteien jedoch blieben verboten. Es gab Wahlen, die allerdings staatlich behindert wurden, und die gefürchtete Geheimpolizei formierte sich, kaum aufgelöst, unter anderem Namen gleich wieder neu.

Unvermögen bewies Caetano auch in der Außenpolitik. Portugal, die älteste Kolonialmacht Europas, besaß mit Angola, Mosambik und Guinea-Bissau in Afrika noch große Territorien, als England und Frankreich, ihre Besitzungen dort schon längst in die Unabhängigkeit entlassen hatten. In der ersten Hälfte der sechziger Jahre formierte sich bewaffneter Widerstand; er verstrickte das kleine Portugal in einen Krieg, der schließlich die Hälfte des Staatsbudgets auffraß. Das Land, das damals etwa neun Millionen Einwohner zählte, unterhielt 1974 eine Armee von 200.000 Mann, von denen 150.000 in Afrika im Einsatz waren. Alle jungen Männer hatten einen vierjährigen Militärdienst abzuleisten, zwei Jahre davon in Afrika. Umgerechnet eine Million Euro kostete der Krieg täglich. Die einstige Weltmacht Portugal hatte sich in ein Armenhaus verwandelt: Nirgendwo im westlichen Europa war die Kindersterblichkeit höher, gab es mehr Analphabeten, wanderten mehr Menschen aus als hier.

Die Offiziere, die seit Jahren fern der Heimat ihren Dienst taten, gehörten zu den Ersten, die ahnten, dass der Krieg verloren war. Ihren Unmut verstärkte ein Dekret der Regierung, das Milizoffiziere, die oft nur einen kurzen Vorbereitungskurs absolviert hatten, den Berufsoffizieren mit langjähriger Diensterfahrung gleichstellte. Im September 1973 trafen sich in der Nähe der Stadt Évora schließlich etwa 150 Offiziere. Die geheime Runde gründete die Bewegung der Streitkräfte (MFA) und verabschiedete eine Resolution, in der Caetano zur Rücknahme des Dekrets aufgefordert wurde.

Doch es blieb nicht lange bei dieser eher berufsständischen Forderung. Schon im Dezember veröffentlichte die Gruppe ein Dokument, in dem die Offiziere klarstellten: ohne Demokratie keine Zukunft. Im März 1974 konstatierte der MFA außerdem: "Das Hauptproblem des portugiesischen Volkes ist der Krieg in den drei afrikanischen Ländern Angola, Mosambik und Guinea."

Drei Wochen zuvor war in Lissabon unter dem Titel Portugal und die Zukunft ein Buch erschienen, das wie eine Bombe eingeschlagen hatte. Der Autor: António Spínola, stellvertretender Generalstabschef der Armee. Der Mann mit dem Monokel, ein konservativer General, der einst als Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg aufseiten Francos gekämpft hatte, behauptete darin, dass Portugal den Krieg in Afrika militärisch nicht gewinnen könne, und schlug eine Föderation mit den Kolonien vor. Eine Unabhängigkeit der portugiesischen Besitzungen lehnte er ab. Doch dies erschien zweitrangig. Die Sensation war, dass der Vize-Chef der Armee öffentlich zugab, nicht mehr an einen militärischen Sieg zu glauben – blanker Defätismus. Innerhalb von zwei Wochen wurden rund 50.000 Exemplare des Knüllers verkauft. Bis heute ist ungeklärt, weshalb Caetano das Buch zum Druck freigab und ob er es zuvor gelesen hatte.