ZEITGESCHICHTE Mit einer Nelke im GewehrSeite 4/4

Auch in der Gesellschaft fand nun eine Radikalisierung statt. Tagelöhner besetzten Landgüter, Arbeiter sperrten unliebsame Fabrikdirektoren ein, Betriebe wurden enteignet. Studenten setzten reaktionäre Professoren ab, Golfklubs waren jetzt für alle geöffnet und Privatstrände abgeschafft. Überall in Portugal wehten die roten Fahnen. Im Kreml horchte man auf. Aeroflot richtete hoffnungsfroh eine Linie Moskau–Lissabon–Havanna ein, und auf den Demonstrationen in der portugiesischen Hauptstadt verkündeten Spruchbänder auf Deutsch: „Portugal darf nicht das Chile Europas werden“ oder: „Gegen Nato, Ford und Schmidt – revolutionärer Kampf!“ Lissabon wurde zum Mekka von Revolutionstouristen aus ganz Europa. Am 12. November 1975 belagerten Bauarbeiter 37 Stunden lang das Regierungsgebäude, in dem die Verfassungsgebende Versammlung tagte. Aus Protest trat die Regierung in den Streik und weigerte sich zu regieren. Zwei Wochen später besetzten revolutionäre Fallschirmjäger fast alle Luftwaffenbasen des Landes, nahmen einen General gefangen und verlangten die Demission ihres Kommandanten.

Die Revolution verstößt ihren Vater

Die Disziplin in der Armee erodierte rapide. Portugal stand am Rand eines revolutionären Umbruchs oder am Rand eines Bürgerkriegs. Da dekretierte Staatspräsident Costa Gomes den Belagerungszustand. Regierungstreuen Truppen gelang es schließlich, die Meuterei unter Kontrolle zu bringen und die aufständischen Soldaten festzunehmen. Otelo Saraiva de Carvalho, der Stratege der Nelkenrevolution, der Führer der linksradikalen MFA-Fraktion und Kommandant der Truppen von Lissabon, wurde vom Revolutionsrat kaltgestellt. Ein neuer Putsch, diesmal von links, war gescheitert.

Nun setzte ein mühsamer Normalisierungsprozess ein. Im April 1976 wurde zwar noch eine Verfassung verabschiedet, die der Regierung vorschrieb, den Übergang zum Sozialismus sicherzustellen und die Produktionsmittel zu sozialisieren. Doch das war nur noch Rhetorik. Die Wahlen am zweiten Jahrestag der Nelkenrevolution gewann die von der SPD gepäppelte Sozialistische Partei unter Mario Soares. Zwei Monate später wurde der General Ramalho Eanes, der den Linksputsch niedergeschlagen hatte, vom Volk zum Präsidenten gewählt. Portugal entwickelte sich nun zu einer ganz normalen parlamentarischen Demokratie.

Zeca Afonso aber, dessen Grândola vila morena einst, in jener Aprilnacht des Jahres 1974, zur Losung der Freiheit geworden war, konnte, wie so viele Revolutionäre, seine Enttäuschung über den Weg, den sein Land einschlug, nicht verhehlen. In einem der letzten Lieder vor seinem Tod 1987 dichtete er bitter: „Es ist kein Leben möglich / In der verkauften Freiheit. / In der verkauften Freiheit / bleibt nur der Tod.“

Der Autor ist Publizist und lebt in Berlin

 
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